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31.01.2005
 

Tysfjord

Wo die Killerwale ziehen

Von Antje Blinda

Meterhohe Finnen zerteilen das Wasser, mächtige Leiber tauchen auf und ab: Wie jeden Winter ziehen Hunderte Orcas in den schmalsten Fjord Norwegens, den Tysfjord. Immer den Heringen hinterher, gefolgt von Touristen. Doch niemand weiß, wie lange noch. Eine Walbeobachtung in Bildern und Filmen.

Orca beim "Spy-Hopping": Bis zu 700 Wale ziehen für Herbst und Winter in den Vest- und Tysfjord
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Ralf Armbrecht

Orca beim "Spy-Hopping": Bis zu 700 Wale ziehen für Herbst und Winter in den Vest- und Tysfjord

Per Ole spitzt die Lippen und pfeift. "Da ist Anna!", ruft er, "my girlfriend. Zum ersten Mal habe ich sie 1998 gesehen. Sie kommt, wenn ich pfeife!" Ganz deutlich sei sie zu erkennen, denn auf der weißen Brust habe sie einen gelben Fleck. Anna ist ein Killerwal - und gerade reckt die rund drei Tonnen schwere und fünf Meter lange Lady den schwarzweißen Kopf samt Flipper übers Wasser, beim "Spy-Hopping" gewinnt sie den perfekten Rundumblick. Per Ole Lund ist zufrieden, dieser Tag war ein guter. "Jeder Tag in Norwegen ist anders, das Licht, die Wolken, das Wetter." Und nicht jeder ist so erfolgreich für den 50-jährigen, stämmigen Kapitän des Walbeobachtungsbootes "Leonora" auf dem Vestfjord.

Rund 100 Kilometer nördlich des Polarkreises ist der kurze Novembertag dabei, sich auf Norwegisch zu verabschieden: Der Himmel über den sanft gerundeten Bergen des Festlands legt ein kaltes Rosahellblau an, die hinter dunklen Wolkenbergen hervorlugende Sonne taucht die schneebedeckten Sägezähne des Lofoten-Gebirges in tiefes Orange. Schien der Himmel tagsüber viel zu nah zu sein, dichte Wolkenbänke die Welt zu beengen, weiten jetzt die Sonnenstrahlen den Horizont. Dort ziehen wie zwei einsame Cowboys zwei Finnwale gemächlich Richtung Sonnenball. Gleichzeitig und regelmäßig blasen sie ihre weißen Atemfontänen in die klare, vergoldete Luft.



Die zweitgrößten Meeressäuger der Welt sind ein seltener Anblick, auch hier zwischen dem Lofoten-Archipel und der Küste. Doch um Killerwale, auch Orcas genannt, zu beobachten, gibt es keinen besseren Ort in Europa. Jahr für Jahr folgen die Orca-Gruppen vor Norwegen einem festen Fahrplan: im Frühjahr weit vor der südlicheren Küste vor Møre, im Sommer draußen in der Norwegischen See, im Herbst und Winter im Vestfjord und seinen Ausläufern Tys- und Ofotfjord. Immer einer gigantischen Speisekammer hinterher: sieben Millionen Tonnen Norwegischen Herings. "Kein Heringe, keine Orcas, keine Touristen, kein Job", fasst Chantal Eberhard, Herings- und Orca-Fachfrau an Bord der "Leonora", kurz zusammen.

Der Fahrtwind kneift die Nasen rot

Der winterlichen Kälte und Dunkelheit trotzend, finden Walfreaks aus aller Welt in den kleinen Ort Storjord in der Region Salten, wo das "Tysfjord Turistsenter" steht. Die Ansammlung roter Holzhäuser ist Hotel und Touristeninformation, Whale-Whatching- und Forschungszentrum zugleich. Am Morgen drängten sich rund 50 Gäste auf die "Leonora": Londoner, die über Bodø fürs Wochenende einfliegen, Deutsche, die mit Hurtigruten auf einer Wale-Themenreise unterwegs sind, ein NDR-Fernsehteam, ein paar Franzosen, Belgier, zwei finnische Forscher. Um 9.30 Uhr, noch im Dunklen, stürmen sie an Deck.

"Wo Möwen sind, sind oft auch Orcas", erklärt Chantal, denn beiden schmecken die Heringe. Doch der dichte Möwenschwarm, der im Vestfjord als Erstes in Sicht kommt, segelt hinter einem leicht schräg im Wasser liegenden Fischkutter hinterher. Per Ole erkundigt sich bei der Besatzung, ob Orcas ihren Weg gekreuzt hätten - per Handy, denn per Funk würde die Whale-Watching-Konkurrenz mithören. Das Meer ist ruhig, die Luft ist mild - für norwegische Verhältnisse, alle Nicht-Norweger hüllen sich in Flies, Goretex-Jacke, Mütze, Schal, und doch kneift der Fahrtwind ihre Nasen rot.

Und dann sind sie da. Schwertförmige Finnen ziehen durchs Wasser, noch weit weg. "Die großen, geraden gehören den Männchen, die kürzeren, gebogenen den Weibchen", sagt Chantal. Durch die Menschenmenge an Bord geht ein Ruck. Objektive zoomen, Digitalkameras werden in die Luft gereckt und Ferngläser ans Auge gerissen, den Platz in der ersten Reihe auf dem Vorderdeck haben sich die Größten und Stärksten erkämpft. Die Tierwelt lässt sich nicht beirren. Im Gegensatz zur Zufallsgemeinschaft an Bord sind die Größten der Familie Delfine äußerst sozial: Orcas sind Rudeltiere, verlassen nie ihre Mutter, jagen in der Gruppe - und kümmern sich sogar um Verletzte wie den buckligen "Stumpy", dem wohl eine Schiffsschraube die Finne zerfetzte.

Eiderenten an den Füßen zupfen

Orcinus orca - der Wal, der den Tod bringt, das Meeresmonster des Mittelalters, von Norwegern als Fischräuber in den Siebzigern dezimiert und seit 1981 geschützt - ist ein gefährlicher Jäger in allen Weltmeeren. Seelöwen vor Argentinien, Lachse vor Westkanada, sogar Blauwale im Pazifik stehen auf seinem Speisezettel. Weniger wagemutig beschränkt sich der Killerwal im Tysfjord auf pfundschwere Heringe, davon allerdings rund 100 Kilogramm am Tag: Langsam kreist er einen Schwarm ein, treibt ihn gegen die Wasseroberfläche, betäubt ihn mit gezieltem Schwanzschlag und pickt genüsslich einen Leckerbissen nach dem anderen aus dem Angebot - in fein koordinierter Familienarbeit mittels Klicklauten und Pfiffen ("carousel feeding"). Nur gelegentlich zupft er eine Eiderente an den Füßen unter Wasser oder knabbert an der leuchtend blauen Flosse eines Tauchers - spielerisch, wohlgemerkt.

Kapitän Per Ole Lund: Sein Traum waren sechs Monate Whale-Watching im Jahr
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SPIEGEL ONLINE

Kapitän Per Ole Lund: Sein Traum waren sechs Monate Whale-Watching im Jahr

Eine zweite Gruppe durchschneidet dichter an der "Leonora" die See. Mit kurzen Schnaufern schießen sie geräuschvoll kleine Wasserfontänen in die Luft. Per Ole späht aus dem kleinen Kajütenfenster und lässt sein Schiff langsam kreisen. Wie in Zeitlupe wölben sich die speckig glänzenden, mächtigen Körper aus dem Wasser, tauchen ab, tauchen auf und sind doch oft zu schnell für die zoomenden Kameras. Einer der schwarz-weißen Riesen dreht sich auf den Rücken, treibt vorbei, die Brust und Atemluftblasen schimmern weiß unter Wasser.

Ein Junges mit noch hellrosa Flecken hält sich eng an der Seite seiner Mutter, knapp hinter ihrer Finne. Am Heck lässt ein Orca-Weibchen - wie Per Ole später erzählt, ist es Anna - die Luftblasen der Schiffsschraube über den Körper kitzeln. Wenn sie wollten, könnten die Wale der "Leonora" schnell entkommen. Während das ehemalige Fährschiff maximal zehn Knoten, das sind 18 km/h, entwickelt, können Orcas bis zu 55 km/h schnell durchs Wasser schießen.

Für Per Ole Lund hat sich ein Traum erfüllt. Der schnauzbärtige Mann in marineblauem Pullover steht auf der Brücke und lässt den Blick über die graue See schweifen. Vor 13 Jahren steuerte er als erster Kapitän im Tysfjord ein Walbeobachtungsschiff, doch erst vor zwei Jahren konnte er sich mit drei Teilhabern ein eigenes kaufen: die "Leonora". Tag für Tag von Oktober bis Mitte Januar fahren sie für das "Turistsenter" und die Forscher zu den Orcas aufs Meer hinaus, an manchen Wintertagen bringen Hunderte Wale auf einmal beim Heringsfang die See zum Kochen. Im Sommer sind es die Pottwale, Grindwale und Finnwale, die Per Ole von Stø aus vor den Vesterålen aufspürt. "Sechs Monate Whale-Watching, das ist, was ich immer wollte", grinst er ein Grübchenlächeln.

Genug Wal für alle

Die Stimmung an Bord hat sich entspannt. Es gibt genug Wal für alle. Diafilme und Speicherchips sind gefüllt, jetzt ist Zeit, den Besuch aus der Tiefe und die norwegische Winterwelt mit allen Sinnen zu genießen. Unter Deck füllt Sari Oksanen, 21, heiße Gemüsesuppe in bunte Plastiktassen. Hauptamtlich ist die finnische Meeresbiologie-Studentin in dieser Saison für die Identifikation zuständig. Immer von links fotografiert, sind die Finnen der Fingerabdruck der Orcas. So sind den Forschern über 550 der Tysfjord-Wale bekannt, darunter Mette-Marit, Gulli, Emil, Inge, NO-11 und die vorwitzige junge Anna.

"Leonora": Über 6000 Touristen jährlich kommen in der dunklen Jahreszeit zur Walbeobachtung nach Nordnorwegen
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Sara Wennerqvist / Orca Tysfjord

"Leonora": Über 6000 Touristen jährlich kommen in der dunklen Jahreszeit zur Walbeobachtung nach Nordnorwegen

Noch ist der Wal-Tourismus im Tysfjord überschaubar, rund 6000 Touristen jährlich fahren mit Schlauchbooten und höchstens vier Schiffen zu den Orcas, einige lassen sich in Trockenanzügen wie Teletubbies mit Schnorchel im Wasser treiben, und manche versuchen mit Seekajaks ihr Glück. Vor der Westküste Kanadas sind es im Vergleich bis zu 200.000 Menschen auf bis zu 50 Schiffen und Schlauchbooten. Auch die Walschützer von Greenpeace haben nichts gegen die norwegische Walschau einzuwenden, ist sie doch einstigen Walfängern eine gute Alternative.

Doch niemand weiß, wie lange noch. Orcas im Tysfjord sind ein relativ neues Phänomen. Erst vor 18 Jahren zog sich der Norwegische Hering, bedingt durch Verschiebung von Meeresströmung, zum Überwintern in den schmalsten Fjord Norwegens zurück - gefolgt von bis zu 700 der heringfressenden Wale. Seit vier Jahren gibt es Anzeichen, dass Teile der Heringspopulation wieder auf hoher See vor der Küste Norwegens bleiben. Vielleicht eine Vorwarnung, dass der Rest irgendwann folgt, vermuten die Forscher vom Tysfjord - und mit ihnen die Orcas. "Jedes Mal fällt der Abschied schwer", sagt Per Ole, "und jedes Mal im Oktober bin ich glücklich, wenn die ersten Orcas wieder da sind."

Walbeobachtung im Tysfjord und vor den Vesterålen

Vestfjord Cruise
Im Winter in Zusammenarbeit mit Orca Tysfjord Orca-Safaris im Tys- und Vestfjord, im Sommer Walsafaris vor den Vesterålen von Stø aus
Telefon: 0047-75770800
E-Mail: post@vestfjord-cruise.no

Orca Tysfjord und Tysfjord Turistsenter
Orca-Safaris von Mitte Oktober bis Mitte Januar
Preise: 785 Norwegische Kronen (3 bis 5 Stunden)
Telefon: 0047-75775370
E-Mail: post@tysfjord-turistsenter.no

Hvalsafari Andenes
Andenes auf den Vesterålen ist der nördlichste Ort der Welt, wo Pottwale zu sehen sind, Walsafaris von Mitte Mai bis Mitte November.
Preise: 695 Norwegische Kronen (3 bis 5 Stunden)
Telefon: 0047-76115600
E-Mail: booking@whalesafari.no

Hurtigruten
Themenreise "Wale und Fjorde" im Sommer nach Andenes 30.7. bis 9.8.2005), im Winter zum Tysfjord (18. bis 28.10.2005, 1. bis 11.11.2005)
Telefon: 040-376930
E-Mail: info@hurtigruten.de

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