Von Antje Blinda
Per Ole spitzt die Lippen und pfeift. "Da ist Anna!", ruft er, "my girlfriend. Zum ersten Mal habe ich sie 1998 gesehen. Sie kommt, wenn ich pfeife!" Ganz deutlich sei sie zu erkennen, denn auf der weißen Brust habe sie einen gelben Fleck. Anna ist ein Killerwal - und gerade reckt die rund drei Tonnen schwere und fünf Meter lange Lady den schwarzweißen Kopf samt Flipper übers Wasser, beim "Spy-Hopping" gewinnt sie den perfekten Rundumblick. Per Ole Lund ist zufrieden, dieser Tag war ein guter. "Jeder Tag in Norwegen ist anders, das Licht, die Wolken, das Wetter." Und nicht jeder ist so erfolgreich für den 50-jährigen, stämmigen Kapitän des Walbeobachtungsbootes "Leonora" auf dem Vestfjord.
Rund 100 Kilometer nördlich des Polarkreises ist der kurze Novembertag dabei, sich auf Norwegisch zu verabschieden: Der Himmel über den sanft gerundeten Bergen des Festlands legt ein kaltes Rosahellblau an, die hinter dunklen Wolkenbergen hervorlugende Sonne taucht die schneebedeckten Sägezähne des Lofoten-Gebirges in tiefes Orange. Schien der Himmel tagsüber viel zu nah zu sein, dichte Wolkenbänke die Welt zu beengen, weiten jetzt die Sonnenstrahlen den Horizont. Dort ziehen wie zwei einsame Cowboys zwei Finnwale gemächlich Richtung Sonnenball. Gleichzeitig und regelmäßig blasen sie ihre weißen Atemfontänen in die klare, vergoldete Luft.
Die zweitgrößten Meeressäuger der Welt sind ein seltener Anblick, auch hier zwischen dem Lofoten-Archipel und der Küste. Doch um Killerwale, auch Orcas genannt, zu beobachten, gibt es keinen besseren Ort in Europa. Jahr für Jahr folgen die Orca-Gruppen vor Norwegen einem festen Fahrplan: im Frühjahr weit vor der südlicheren Küste vor Møre, im Sommer draußen in der Norwegischen See, im Herbst und Winter im Vestfjord und seinen Ausläufern Tys- und Ofotfjord. Immer einer gigantischen Speisekammer hinterher: sieben Millionen Tonnen Norwegischen Herings. "Kein Heringe, keine Orcas, keine Touristen, kein Job", fasst Chantal Eberhard, Herings- und Orca-Fachfrau an Bord der "Leonora", kurz zusammen.
Der Fahrtwind kneift die Nasen rot
Der winterlichen Kälte und Dunkelheit trotzend, finden Walfreaks aus aller Welt in den kleinen Ort Storjord in der Region Salten, wo das "Tysfjord Turistsenter" steht. Die Ansammlung roter Holzhäuser ist Hotel und Touristeninformation, Whale-Whatching- und Forschungszentrum zugleich. Am Morgen drängten sich rund 50 Gäste auf die "Leonora": Londoner, die über Bodø fürs Wochenende einfliegen, Deutsche, die mit Hurtigruten auf einer Wale-Themenreise unterwegs sind, ein NDR-Fernsehteam, ein paar Franzosen, Belgier, zwei finnische Forscher. Um 9.30 Uhr, noch im Dunklen, stürmen sie an Deck.
"Wo Möwen sind, sind oft auch Orcas", erklärt Chantal, denn beiden schmecken die Heringe. Doch der dichte Möwenschwarm, der im Vestfjord als Erstes in Sicht kommt, segelt hinter einem leicht schräg im Wasser liegenden Fischkutter hinterher. Per Ole erkundigt sich bei der Besatzung, ob Orcas ihren Weg gekreuzt hätten - per Handy, denn per Funk würde die Whale-Watching-Konkurrenz mithören. Das Meer ist ruhig, die Luft ist mild - für norwegische Verhältnisse, alle Nicht-Norweger hüllen sich in Flies, Goretex-Jacke, Mütze, Schal, und doch kneift der Fahrtwind ihre Nasen rot.
Und dann sind sie da. Schwertförmige Finnen ziehen durchs Wasser, noch weit weg. "Die großen, geraden gehören den Männchen, die kürzeren, gebogenen den Weibchen", sagt Chantal. Durch die Menschenmenge an Bord geht ein Ruck. Objektive zoomen, Digitalkameras werden in die Luft gereckt und Ferngläser ans Auge gerissen, den Platz in der ersten Reihe auf dem Vorderdeck haben sich die Größten und Stärksten erkämpft. Die Tierwelt lässt sich nicht beirren. Im Gegensatz zur Zufallsgemeinschaft an Bord sind die Größten der Familie Delfine äußerst sozial: Orcas sind Rudeltiere, verlassen nie ihre Mutter, jagen in der Gruppe - und kümmern sich sogar um Verletzte wie den buckligen "Stumpy", dem wohl eine Schiffsschraube die Finne zerfetzte.
Eiderenten an den Füßen zupfen
Orcinus orca - der Wal, der den Tod bringt, das Meeresmonster des Mittelalters, von Norwegern als Fischräuber in den Siebzigern dezimiert und seit 1981 geschützt - ist ein gefährlicher Jäger in allen Weltmeeren. Seelöwen vor Argentinien, Lachse vor Westkanada, sogar Blauwale im Pazifik stehen auf seinem Speisezettel. Weniger wagemutig beschränkt sich der Killerwal im Tysfjord auf pfundschwere Heringe, davon allerdings rund 100 Kilogramm am Tag: Langsam kreist er einen Schwarm ein, treibt ihn gegen die Wasseroberfläche, betäubt ihn mit gezieltem Schwanzschlag und pickt genüsslich einen Leckerbissen nach dem anderen aus dem Angebot - in fein koordinierter Familienarbeit mittels Klicklauten und Pfiffen ("carousel feeding"). Nur gelegentlich zupft er eine Eiderente an den Füßen unter Wasser oder knabbert an der leuchtend blauen Flosse eines Tauchers - spielerisch, wohlgemerkt.
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