Von Philip Wesselhöft
Das Rathaus ist ein guter Ausgangspunkt für eine schnelle Tour durch Oslo - es liegt am Kopfende des 100 Kilometer langen Oslofjords im Herzen der Hauptstadt und damit am Nabel Norwegens. Warum man Oslo 1950 zum 900. Geburtstag des Landes gerade so einen monumentalen Rotklinker-Wumms als neues Rådhuset gönnte, gehört zu den Geheimnissen der jüngeren nordischen Mythologie. An den Außenwänden des Gebäudes sind Reliefs ins Mauerwerk eingelassen, die ältere Szenen aus der Geschichte zeigen. Auf einem lässt sich Donnergott Thor in seinem Schlachtwagen von zwei mächtigen Tieren ziehen: von Ziegen. Wer einmal vor der Käseplatte eines norwegischen Frühstücksbuffets stand, weiß, dass Ziegen bis heute eine wichtige Rolle spielen im Land.
9.15 Uhr: Rechts am Rathaus vorbei geht es in Richtung Aker Brygge, dem 1987 eröffneten Einkaufs- und Amüsierviertel im Hafen. Die meisten der 60 Läden und 35 Restaurants haben um diese Uhrzeit noch geschlossen, aber H&M gibt's auch zu Hause, und gefrühstückt wurde im Hotel. Später am Tag, wenn die Promenade nicht nur von einigen versprengten Frühaufstehern bevölkert ist, kann man hier in tatsächlich mediterraner Atmosphäre einen Espresso und ein Brötchen belegt mit Ziegenkäse genießen.
Jetzt aber wartet erst einmal der Vigeland Park im Westen der Stadt, eine der meist besuchten Attraktionen Norwegens. Die Straßenbahn der Linie 12 fährt zwischen Rathaus und Aker Brygge los - die himmelblaue Straßenbahnflotte stammt übrigens aus Italien, während die Vorgängermodelle in Deutschland gebaut wurden. Die neuen Wagen, seit fünf Jahren auf den Schienen, sehen zwar durchaus flott aus. Sie haben nur den Nachteil, bei Temperaturen unter minus 10 Grad Celsius gerne mal stehen zu bleiben. Wie gut, dass man solche Wetterkapriolen in Oslo nicht kennt.
9.30 Uhr: Nach zehnminütiger Fahrt in der Designerbahn ist Frogner Park erreicht, ein großes Grüngelände, in dessen Mitte der Vigeland Park liegt: ein einziges, riesiges Konzeptkunstwerk unter freiem Himmel, errichtet vom norwegischen Bildhauer Gustav Vigeland. Die letzten 22 Jahre seines Lebens hat der 1943 gestorbene Künstler an seinem größten Projekt gearbeitet und so Seite an Seite mit Grieg und Munch bewiesen, dass Norwegen mehr zu bieten hat als warme Socken und kalte Winter.
Mehr als 200 lebensgroße Figuren aus Granit ringen und rangeln im Vigeland Park mit sich, mit dem Vater, mit der Mutter, mit dem Partner, und mit dem Leben an sich - ein Kunstwerk, das wohl nur in einem Land des Nordens entstehen konnte, einem Land mit kalten Polarnächten, in denen die Familie um den Ofen sitzt und sich gegenseitig auf die Nerven geht. "Familie ist wie Fisch", sagt man deshalb auch augenzwinkernd in Norwegen: Am ersten Tag ist alles frisch, am zweiten Tag geht's noch, am dritten Tag riecht's nicht mehr so lecker und am vierten Tag stinkt's.
Mittelpunkt des Vigeland-Reigens ist ein 17 Meter hoher Monolith, der aus 121 ineinander verschlungenen Menschen aus Stein besteht. Was will der Künstler damit sagen? Vor allem wohl, dass man Kunst auch mal anfassen darf. Einige steinerne Körperteile wurden jedenfalls schon blank gescheuert unter den Händen der Kunstbeflissenen. An jedem Körperknäuel verbiegen sich Touristen im Versuch, für ein Foto in gleicher Position wie die Granitmenschen zu verharren. Und der "Trotzkopf" auf der Brücke, ein wütender Knabe, der für die Nachfahren der Wikinger so etwas wie das steingewordene Symbol wilderer Zeiten darstellt, wurde sogar schon einmal entführt und später in einem Straßengraben wiedergefunden. Jetzt stampft "Sinnataggen", wie die beliebte Figur heißt, mit einem Fuß aus Stahl aufs Brückengeländer.
10.30 Uhr: Zu Fuß zur U-Bahn-Haltestelle Majorstuen: Von hier fährt die Linie 1 den Holmenkollen hinauf zur besten Aussicht über Oslo - und zur wohl berühmtesten Skisprungschanze der Welt. Von der Haltestelle Holmenkollen auf 277,7 Metern über dem Meeresspiegel muss man der Straße noch zwei große Kurven folgen, die im Sommer ziemlich absurde Architektur der Betonschanze immer vor Augen. Doch die Norweger sind praktisch veranlagt, der Auslauf des Schanzenhanges wird in den warmen Sommermonaten geflutet und zur öffentlichen Badeanstalt umfunktioniert. Wer trotzdem wissen will, wie es Sven Hannawald am 12. März 2000 beim bis heute gültigen Schanzenrekord von 132,5 Metern ergangen ist, wird in einen rund ums Jahr geöffneten Skisprungsimulator gelockt.
Für 50 Kronen (etwa sechs Euro) erlebt man einen Sprung - ob's Hannawalds Jahrhundertsprung war, bleibt mal dahingestellt - auf einem großen Bildschirm aus der Perspektive des Springers, dazu wird man einigermaßen synchron im Sitz durchgerüttelt. Das Ganze dauert etwa drei Sekunden, bevor einem also schlecht werden kann, ist man schon gelandet. Aber das geht vermutlich den echten Skispringern auch so. Als Zugabe gibt's dann noch ein Lillehammer Abfahrtsrennen aus der Skifahrerperspektive, das zumindest einen indischen Holmenkollen-Tourist, der noch nie Markus Wasmeiers Kamera-Abfahrten im Vorfeld von ARD-Skiübertragungen gesehen hat, in einen Zustand heller Aufregung versetzt.
12.30 Uhr: Mit der Linie 1 geht es wieder hinab in die Stadt bis zur Haltestelle Nationaltheatret. Hier beginnt die Karl Johans gate, Oslos Haupteinkaufsmeile, die das Schloss mit dem Hauptbahnhof verbindet. Die Bürgersteige sind aufgerissen, zur 100-Jahr-Feier Norwegens diesen Sommer bekommt die Hauptstadt leider kein neues Rathaus, aber immerhin neue Wasserrohre. Nach einem kurzen Happen, Restaurants und Snackbars gibt es hier genug, werden die Schritte linker Hand in eine Seitenstraße zur Nationalgalerie gelenkt, wo Munchs "Der Schrei" hängt.
Zumindest das letzte noch zugängliche Gemälde von insgesamt vier "Schrei"-Versionen, die Edvard Munch Ende des 19. Jahrhunderts gemalt hat: "Der Schrei" Nr. 1 wurde vergangenen Sommer aus dem Munch Museum in Oslo geklaut und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Nr. 2 hängt in der Nationalgalerie, Nr. 3 ist im Besitz eines privaten Sammlers und Nr. 4 ist eine zur Zeit vom Munch Museum unter Verschluss gehaltene Entwurfs-Zeichnung.
Aber auch Nr. 2 war vor zehn Jahren bereits einmal aus der Nationalgalerie entführt worden und glücklicherweise drei Monate später in einem Hotelzimmer außerhalb von Oslo wieder befreit worden. Der letzte "Schrei" hängt nun wieder in seiner Ecke des großen Munch-Raums der Nationalgalerie, und der weit aufgerissene Mund vor der rot leuchtenden Fjordlandschaft scheint nur eins zu rufen: Beschützt mich! Tatsächlich aber kann man so nah heran, dass links im Bild, im zweiten roten Wolkenstreifen von oben, ganz dünn einige mit Bleistift geschriebene Worte zu lesen sind, die übersetzt heißen: "Dieser Mann muss ein Irrer sein". Ein Museumsmitarbeiter klärt indes auf, dass die Inschrift so alt ist wie das Gemälde, geschrieben von einem Besucher in Munchs Atelier, als die Farbe noch nicht trocken war.
14.30 Uhr: Ein kleiner Spaziergang durch die Innenstadt von Oslo in Richtung Nord-Osten, wo der Stadtteil Grünerløkka liegt. "Løkka", wie die Alteingesessenen sagen. Touristen sagen das nicht, weil sie sich dann sofort als solche outen, selbst wenn sie lupenreines Norwegisch sprächen. Grünerløkka ist in den vergangenen Jahren zum ersten echten Szenestadtteil Norwegens herangewachsen, eine Mischung aus Hamburger Schanzenviertel und Prenzlauer Berg in Berlin. Tatsächlich ließ sich Architekt G.A. Bull Mitte des 19. Jahrhunderts bei der Gestaltung von den strengen Fassaden des so genannten Berliner Stils inspirieren.
36.000 Einwohner leben heute links und rechts der beiden Hauptstraßen Thorvald Meyers gate und Markveien, und es werden immer mehr. Die Wohnungen des früheren Arbeiterviertels am Fluss Akerselva sind verkauft, sobald sie angeboten werden. "Grünerløkka ist der angesagteste Hotspot in Oslo", sagt Silje Anderssen von Exact Eiendomsmeglere, einem der vielen Maklerbüros. 250 Wohnungen verkauft sie mit ihren beiden Kollegen im Jahr. Bis zu zwei Millionen Kronen (240.000 Euro) werden derzeit für eine Zwei-Zimmer-Wohnung bezahlt.
Zur Miete wohnt kaum jemand in dem Land, in dem das eigene Holzhaus am Fjord die Essenz des Daseins darstellt. "In Norwegen will jeder besitzen, worin er wohnt", sagt Maklerin Anderssen. Für junge, solvente Osloer gilt: Grünerløkka is the place to be. Ein bunter Mix an schrägen Designerläden, wirklich guten Restaurants und Bars, spannenden Galerien und bei Sonnenschein die höchste Dichte an Caféstühlen pro Quadratmeter in ganz Norwegen machen das Viertel zur untouristischen, entspannten Variante des Amüsierviertels Aker Brygge am Hafen.
18.30 Uhr: Essen im Restaurant Fru Hagen in Grünerløkka. Curtis Mayfield singt sanft und soulig aus den Boxen, im hinteren Teil deutet ein DJ-Pult auf das Abendprogramm mit einem lokalen Discjockey hin. Es gibt leichte Thaiküche und deftige Burger, dazu hat man die Wahl zwischen dem jamaikanischen Importbier Red Stripe - wohl kein Zufall, der Koch trägt Rastalocken - und einem marokkanischen Merlot. Das Reggae-Bier gewinnt den Platz neben dem Kyclingburger, einem üppigen Hamburger mir mariniertem Hähnchen.
21 Uhr: Massage im Fitnessclub des Holmenkollen Park Hotel Rica, einem prachtvollen, roten Holzbau, der etwas unterhalb der Skisprungschanze liegt. Die Masseuse heißt Jutta Behrendt und sollte Sportchronisten ein Begriff sein. 1988 gewann die frühere Rudererin für die DDR die olympische Goldmedaille im Einer bei den Spielen in Seoul, und nach einem Gastspiel als Trainerin der norwegischen Ruderer-Nationalmannschaft betreibt sie heute den Wellnesssalon im Hotel am Holmenkollen.
Wenn man bedenkt, dass sich in der renommierten Herberge Prinzen, Popstars und die internationale Polit-Prominenz die Klinke in die Hand geben, ist man schon neugierig, wessen Nackenmuskeln Jutta Behrendts Hände schon gelockert haben. Doch die Masseuse schweigt und knetet. Und eigentlich will man auch gar nicht wissen, ob zuletzt tatsächlich Kylie Minogue oder vielleicht doch ein fettleibiger Minister auf dem Tisch gelegen hat.
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