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21.04.2005
 

Norfolk Coast Path

Englands vergessene Küste

Von Benedikt Mandl

Nur zwei Stunden von der geschäftigen Metropole London entfernt liegt die Küste von Norfolk, eine der letzten unberührten Landschaften Großbritanniens. Hier begegnet man noch echt englischen Charakteren: zwischen Windmühle und Sanddünen erstreckt sich der "Norfolk Coast Path", besucht von Vogel- und Zugfanatikern.

Pier in Cromer: Der Küstenort war um 1900 ein beliebtes Urlaubsziel für die Londoner Aristokratie
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Benedikt Mandl

Pier in Cromer: Der Küstenort war um 1900 ein beliebtes Urlaubsziel für die Londoner Aristokratie

"Ich bin wegen der Vögel da", erklärt John Baddeley überflüssigerweise: Seine olivgrüne Barbourjacke und der Feldstecher an seiner Brust haben ihn schon längst als "Birder" entlarvt. Vögeln nachzustellen, um sie zu beobachten, das ist in England eine nationale Passion. Und die Küste der ostenglischen Grafschaft Norfolk ist dafür optimal geeignet: Da sie noch immer vergleichsweise leer und dennoch gut erschlossen ist, fährt John Baddeley schon seit Jahren an jedem zweiten Wochenende wie Hunderte andere Vogelfanatiker mit Fernglas, Fotoapparat und Thermoskannen voll Tee nach Norfolk, um sich Vögel anzusehen. Nur Bestimmungsbücher brauchen sie keine. Die in England etwa 400 heimischen Vogelarten kennen echte Birder schon von Kindheit an auswendig. Die wild-romantische Idylle der Grafschaft ist aber durchaus keine neue Attraktion.

"Hier in Norfolk finde ich Frieden - vor allem wenn ich auf wundervoll einsamen Pfaden die Küste entlangwandere", schwärmte schon im 19. Jahrhundert eine Herzogin aus Kent. Obwohl Norfolk von London aus heute in weniger als zwei Stunden erreichbar ist, besuchte kaum ein ausländischer Tourist die Region. Zu attraktiv schienen die Hochmoore und Kathedralen des Nordens zu sein, als dass sich Reisende mit dem vermeintlich eintönigen East Anglia aufhalten wollten. Und tatsächlich steht Norfolk nicht ganz grundlos im Ruf, etwas ländlicher, etwas langsamer und etwas provinzieller zu sein als der Rest des Landes - das Friesland Britanniens. Das weiß auch John Baddeley, und er weiß es zu schätzen.

Die meisten Besucher werden heute vom "Norfolk Coast Path" angelockt, einer nationalen Wanderroute, die auch bei Radfahrern und Reitern immer beliebter wird und sich über 150 Kilometer entlang der Nordküste erstreckt. Mit einer Mischung aus Naturerlebnis, viktorianischer Nostalgie und dem Charme des Laura-Ashley-Englands entwickelte sich Norfolk in den letzten Jahren vom Geheimtipp für britische Individualreisende zur echten Alternative zu Cornwall und Co. Rotbackige Fischer, Windmühlen und menschenleere Dünenlandschaft: Wo in England gibt es das noch, wenn nicht in Norfolk? In Cromer, einst berühmt für seine Krabbensuppe, wurde der ehemals schäbige Pier neu gestrichen; die verödeten Lagerhallen von Wells-next-the-Sea wurden in Ferienwohnungen umgewandelt; und sogar Hollywood wurde auf die Grafschaft im Osten aufmerksam: Alte Herrenhäuser entlang des Pfades dienten als prächtige Kulissen für Historiendramen wie "Shakespeare in Love" oder "Great Expectations".

Kalt ist es an diesem Morgen, als John Baddeley durch den Feldstecher in fast meditativer Ruhe die Sandklippen von Sheringham absucht, an denen noch ein wenig Nebel hängt. Die letzten Fischerboote nähern sich den Häfen und hinter einem Hügel setzt sich eine der ganz großen Attraktionen Norfolks in Bewegung: Eine alte Dampflokomotive zieht eine Schmalspurbahn parallel zum Küstenpfad. Sie lockt zu all den Birdern, Radfahrern und Wanderern eine noch schrulligere Sorte von Engländern an: Trainspotters, die technikverliebten Pendants zu den naturromantischen Birdern.

Eine Gruppe von Trainspottern ist gerade mit dem "Coast Hopper" angekommen, ein Bus, der die Orte am Küstenpfad miteinander verbindet, um das Wandern einfacher zu gestalten. Immerhin dauert es im Schnitt acht Tage, um den Pfad zur Gänze abzuwandern und nicht immer ist ein "Bed and Breakfast" in Reichweite. Die Reisegruppe besteht ausschließlich aus älteren Männern mit wuchtigen Fotoapparaten und Stativen. Ihr harter Akzent lässt erkennen, dass sie aus dem Norden Englands angereist sind. Schätzungen zufolge verbringen mehrere hunderttausend Briten ihre Wochenenden damit, seltenen Eisenbahnen nachzustellen und ihre Fotos wie Trophäen zu sammeln. Magazine über die Züge Englands sind im Zeitschriftenhandel landesweit erhältlich, und die Pflege des Eisenbahnerbes wird als Dienst am Heimatland angesehen: Immerhin war es die Dampfmaschine, die Großbritannien zur Weltmacht beförderte.

"Disgusting"

Die Herren auf Eisenbahnpirsch beraten, von wo aus man wohl den besten Blick auf die Trasse hätte und einigen sich auf eine Klippe. Von dort kann man nicht nur die Lokomotive sehen, sondern auch eine liebevoll renovierte Windmühle - ein Foto, das Trainspotterherzen höher schlagen lässt.

Bahnhofsuhr: Pflege des Eisenbahnerbe wird als Dienst am Heimatland angesehen
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Benedikt Mandl

Bahnhofsuhr: Pflege des Eisenbahnerbe wird als Dienst am Heimatland angesehen

"Was für eine Schande!" entfährt es da John Baddeley, und er senkt mit vorgeschobenem Kinn und grimmem Blick seinen Feldstecher. Eben auf dieser Klippe hatten kurz zuvor noch zwei Brachvögel gesessen: "Sehr ungewöhnlich, ansonsten bevorzugt diese Art offenes Marschland!" Er stutzt verbittert. Und dann quillt es aus John Baddeley hervor: all der Ärger über den Verfall, den er seit so langer Zeit beobachtet, er, der seit Jahren die Küste entlangwandert und die einsame Gemeinsamkeit mit den Vögeln sucht, er hat den Wandel hautnah erlebt. Erst waren es immer mehr Wanderer, dann Familien, die nach Norfolk zum Badeurlaub kamen. Später sogar Radfahrer und Surfer.

"Disgusting", räsoniert John Baddeley, ekelhaft sei das. Natürlich ist der Großteil des Pfades Naturschutzgebiet und wird behutsam von der Nationalparkbehörde gehegt, aber das bringt die Brachvögel auch nicht zurück. Sie hocken jetzt wahrscheinlich schon wieder am Meer, fernab von John Baddeleys begehrlichen Blicken. Seine Stirn wirft tiefe Furchen und seine Hand ist zur Faust geballt. Die Trainspotters haben die Klippe erobert, gehen daran, ihre Stative aufzubauen und wappnen sich für den großen Auftritt der Dampflokomotive.

Und da tut John Baddeley das, was ein Engländer im Angesicht hilflosen Zorns eben tut: Er setzt sich auf seinen Klappstuhl, öffnet seine Thermoskanne und schenkt sich eine Tasse Tee ein. Und der Dampf aus der Kanne steigt auf zwischen Birder und Sandklippen, zwischen Eisenbahnjäger und Fischerdörfchen, und schreibt in die kalte Seeluft: Willkommen in Norfolk! Wo England noch englisch ist.

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