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05.07.2005
 

Innere Hebriden

Seemannsgarn bei einer Tasse Tee

Auf Bucht folgt Berg, folgt See, folgt Weide - wie Finger ragen die lang gestreckten Halbinseln der Hebriden in den Nordatlantik. Ob das nächste "Loch" süß oder salzig ist, zeigt erst der Fingertest. Skye und Mull sind die größten Inseln des Archipels an Schottlands Westküste.

Tobermory/Waternish - Seine 34 Vorgänger haben manchen Fremden erschlagen lassen. Ein derart unhöfliches Verhalten ist Godfrey Macdonald - Godfrey Lord Macdonald of Macdonald, High Chief of Clan Donald - nicht mehr zuzutrauen. Denn der ältere Herr lebt wie viele hier auf der Insel Skye von den Touristen. Und wer in friedlicher Absicht in diesen Teil Schottlands kommt, findet vor allem zweierlei: freigiebige Schotten und eine Landschaft, die nicht mit ihren Reizen geizt.

"Die Westküste Schottlands gehört zu den letzten Wildnisgebieten in Europa", sagt Macdonald, blaublütiger Besitzer des kleinen Landhotels "Kinloch Lodge" bei Tee und Gebäck. Seine Gäste nicken freundlich - sie sind bemüht, das ritualisierte Wortgeplänkel nicht abbrechen zu lassen. Außerdem gibt es nach zwei Tagen Schottland auch gar keinen Grund, an Macdonalds Worten zu zweifeln.

Es wechseln freundliche Sätze über den Highlander, die tausendjährige Tradition der Macdonald-Familie, über Schlachten, Siege, Niederlagen - und die 17 Kochbücher, die Gattin Claire geschrieben hat. "Fleisch, Früchte, Kuchen, alles sollte lokal produziert und saisonal gegessen werden", sagt Lady Claire. Und: "Tee ist auch bei großer Hitze das beste Erfrischungsgetränk" - natürlich.

Mit großer Hitze haben die Menschen auf den Inneren Hebriden aber wenig Erfahrung. Skye, Mull und die anderen Inseln der Gruppe liegen im Nordatlantik. Fast permanente Westwinde bringen das ganze Jahr hindurch Wolken vom Ozean heran. Einige ziehen vorüber, viele aber laden ihre nasse Fracht zwischen den Bergen ab.

Amphibische Landschaft

Land und Meer haben sich auf den Hebriden zu einer amphibischen Landschaft verwoben. Wie Finger greifen die lang gestreckten Halbinseln ins Wasser: auf Bucht folgt Berg, folgt See, folgt Weide, Wald - immerfort. Ob der nächste Loch - so nennen die Schotten ihre Seen und fjordgleichen Buchten - süß oder salzig ist, zeigen erst der Fingertest oder die Zeit, wenn bei Ebbe mit Prielen durchzogene Wattenmeerflächen zum Vorschein kommen.

Cullin Mountains auf Skye: Die braungrüne Landschaft kann mit ihren Felstürmen und alten Burgen punkten
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Cullin Mountains auf Skye: Die braungrüne Landschaft kann mit ihren Felstürmen und alten Burgen punkten

An guten Tagen scheuchen die Winde im Sonnenlicht dunkle Wolkenschatten über die Hügel. Dann leuchten die Farben: Wie gelbe Bänder durchziehen Stechginster-Hecken die braungrüne Landschaft, die zwar nicht so dramatisch wirkt wie die Fjorde Norwegens, mit ihren hunderte Metern steil aufragenden Felstürmen oder mit langer Geschichte und alten Burgen aber bei den Urlaubern punkten kann.

Auf Skye zum Beispiel locken die Burgen Armadale und Dunvegan die Besucher an. Ersteres ist der Stammsitz der Macdonalds und heute eine Ruine ohne Dach, aber mit einem ausgedehnten Garten. Dunvegan ist seit 800 Jahren Familiensitz der MacLeods.

Auf Mull, der zweitgrößten Insel des Archipels, beeindrucken Duart und Torosay Castle. Duart Castle wurde im 13. Jahrhundert gebaut. Es gehört dem Clan der Macleans und ist heute ein Hotel. Das auf dunklen Klippen errichtete Gemäuer beherrscht so imposant den Sound of Mull, dass auch Hollywood es schon als Kulisse nutzte. Die Hauptdarsteller des Thrillers "Entrapment" ("Verlockende Falle") waren Catherine Zeta-Jones und der Vorzeigeschotte Sean Connery. Die Üppigkeit der vom Golfstrom beeinflussten Inselvegetation zeigt sich in den Gärten und Wäldern um Torosay Castle.

Weißschwänzige Seeadler, König der Lüfte

Tiere lassen sich dagegen besser bei einer Tour mit Pam Brown erleben. Für 30 Pfund (etwa 45 Euro) pro Person nimmt die aus England stammende Farmersfrau Urlauber mit auf eine achtstündige Entdeckungstour mit ihrem Landrover. Pam hat es vor Jahren mit ihrem Mann hierher verschlagen, als sich die Landwirtschaft nicht mehr lohnte.

"Fahren kann ich auch alleine", mag man denken. Doch Pam sieht und hört mehr und weiß vor allem Bescheid: "Flap, flap, flap and glide", erklärt sie. "So fliegen Bussarde", und sie zeigt auf den Scherenschnitt eines Vogels, dessen Umrisse sich vom Himmel abheben.

Inseln an der schottischen Westküste: Skye, Mull, Iona und andere Eilande bilden die Gruppe der Inneren Hebriden
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Inseln an der schottischen Westküste: Skye, Mull, Iona und andere Eilande bilden die Gruppe der Inneren Hebriden

Nach Haubentauchern und Rothirschen folgen die Stars der Tour: White-Tailed-Sea Eagle - Weißschwänzige Seeadler. Die größten Raubvögel des Königreiches, deren Spannweite zweieinhalb Meter erreichen kann, hocken gerade an ihrem Nest. Durch Pams Fernrohr ist zu sehen, wie sie ihren Nachwuchs füttern: "Das sind Frisa und Skye mit ihren Jungen Itchy und Scratchy." Nachdem ihnen der Sportsgeist der schottischen Jäger im Jahr 1918 den Garaus gemacht hatte, wurde 1975 ein Projekt zur Wiederansiedlung der Seeadler gestartet. Die Adlerfamilie ist eine von 20 in Schottland, drei davon leben auf Mull.

Viel größer als der König der Lüfte werden hier nur noch die Tiere im Wasser: Robben, Delphine und Wale kommen häufig vor. Die Gewässer der Hebriden können mit einer Vielfalt an Meeressäugern aufwarten, die in Europa ihresgleichen sucht. Allein 24 Walarten haben die Tierschützer des Hebridean Whale and Dolphin Trust gezählt - vom Schweins- und Schwertwalen bis zum großen Blauwal. Besonders häufig sind Zwergwale, Delphine und Seehunde. In fast jedem Hafen der Hebriden lässt sich daher eine "Seafari" mit einem Boot buchen.

Der Atlantik von seiner besten Seite

Und auch der zweitgrößte Fisch der Welt wird regelmäßig gesichtet: Die bis zu zwölf Meter langen Riesenhaie fressen sich von Mai bis Oktober an der britischen Westküste am Plankton satt. "Wir haben erst letzte Woche einen gesehen", erzählt Gordon Mackay, der die Tauchbasis "Dive and Sea the Hebrides" in Waternish im Norden von Skye betreibt. Die Fische schwimmen mit weit aufgerissenem Maul dicht unter der Oberfläche. Nur die große, dreieckige Rückenflosse und die Spitze der Schwanzflosse schauen heraus. Das sieht dann aus, als würde ein kleiner Hai einen großen verfolgen.

"Wenn wir nahe genug heran kommen, lass' ich die Taucher ins Wasser", sagt Gordon. Meist verschwinde der Riesenhai aber in Richtung Meeresgrund. Doch auch dann bleibt unter Wasser genug zu sehen. Bei 20 Meter Sicht zeigt sich der Atlantik von seiner besten Seite. Die steilen Felswände sind von Leben überzogen: Seenelken, Anemonen, Seescheiden und die "Tote Mannshand", eine Weichkorallenart, stehen dicht an dicht. Im Schein der Lampe strahlen sie in Weiß, Orange, Gelb und Violett. Seesterne tragen Rot, Lippfische blaue Streifen. Die Blätter des Palmentangs, die goldbraun sind wie alter Whisky, wiegen sich in der Strömung. In den Spalten sitzen Taschenkrebse und ab und zu ein kleiner Katzenhai.

Warmes Golfstromwasser mischt sich bei den Hebriden mit den kalten Fluten des Nordatlantiks. In der Folge stellen sich hier Arten aus beiden Lebensräumen ein. Der Tauchspaß ist allerdings kalter Natur: Wärmer als 16 Grad wird es nicht. Die fehlende Wärme unter Wasser macht Gordon allerdings mit Gastfreundschaft wett: Wer nach dem Tauchgang noch friert, den lädt der Schotte in sein Haus ein und serviert Seemannsgarn mit heißem Kaffee oder Tee. Nein, geizig sind die Schotten auf Skye, Mull und den anderen Hebriden wahrlich nicht.

Von Arnd Petry, gms

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