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04.04.2006
 

Schmalspurbahnen

10.000 Liter Wasser bis zum Brocken-Gipfel

Wilder Robert, Rasender Roland oder Lößnitzdackel verrichten seit über 100 Jahren schnaufend ihren Dienst. Manche der historischen Dampflokomotiven auf Schmalspurgleisen zuckeln noch nach regulären Fahrplänen über Berg und Tal.

Dresden/Binz - Klimatisierte Abteile sind genauso wenig vorhanden wie Steckdosen für den Laptop. Die Sitze lassen sich in der Regel nicht als besonders bequem bezeichnen, und auch bei der sonstigen Ausstattung sucht man modernen Reisekomfort des 21. Jahrhunderts vergeblich. Doch die deutschen Schmalspurbahnen bieten dafür Eisenbahnromantik und Bahnerlebnis pur. Häufig ziehen historische Dampfrösser die in gemächlichem Tempo verkehrenden Züge.

Die große Zeit der Schmalspurbahnen fand in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts statt. Mit ihnen sollten auch entlegene Gegenden Gleisanschluss für den Personen- und Warenverkehr erhalten. Der engere Schienenstrang war im Bau einfacher und billiger als die Normalspur von 1435 Millimetern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Netze aber nach und nach abgebaut.

Ein Schwerpunkt der Schmalspurbahnen war Sachsen, wo auch die meisten der Bimmelbahnen fuhren. Einige wenige zuckeln noch nach regulären Fahrplänen durch die Gegend und sind - trotz ihres touristischen Charakters - keine reinen Museumsbahnen, die nur zu besonderen Anlässen auf die Gleise kommen. "Das Interesse an der Industriekultur nimmt zu", kommentiert Heimo Echensperger, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Museums- und Touristikbahnen (VDMT) in Geretsried (Bayern), die steigende Beliebtheit alter Züge.

Rasender Roland auf Rügen

Auf etwa ein Dutzend Schmalspurbahnen schätzen Kenner den Bestand. Klassiker in dieser Kategorie sind die unter Denkmalschutz stehenden Harzer Schmalspurbahnen (HSB), die in dem deutschen Mittelgebirge ein Streckennetz von insgesamt 140 Kilometern unterhalten. "Vom Sommer dieses Jahres an wird auch die neue Strecke von Gernrode nach Quedlinburg regelmäßig befahren", sagt HSB-Manager Andreas Mansch.

Der bei Touristen beliebteste Abschnitt der drei Harzbahnen führt zum Brocken. "Für die 34 Kilometer von Wernigerode hinauf zum Gipfel braucht die Dampflok etwa eine Tonne Kohle und 10.000 Liter Wasser", informiert Betriebsleiter Jörg Bauer die Interessierten.

Auf der Ferieninsel Rügen ist der "Rasende Roland" die Attraktion. "Die Ostseelandschaft bietet ein ganz besonderes Flair, das bis zu 400.000 Passagiere pro Jahr genießen", sagt Dirk Bahnsen, kaufmännischer Leiter des Unternehmens. Die "Rügensche Kleinbahn" fährt 24 Kilometer von Putbus über Binz nach Göhren. "Die Bezeichnung Kleinbahn geht auf ein in Preußen erlassenes Gesetz von 1892 zurück und klassifiziert Züge mit vereinfachter Ausstattung. Sie hat nichts mit der Spurweite zu tun", erklärt Bahnbetriebsleiter Harald Gau. Die Kategorie Kleinbahn gab es auch auf der Normalspur.

Mitten durch die Stadt Bad Doberan dampft "Molli" ins 15,4 Kilometer entfernte Ostseebad Kühlungsborn auf einer 900-Millimeter-Spur. "Die Züge verkehren stündlich und werden vom Dampflokomotiven gezogen", sagt Marike Behrens von der Betreibergesellschaft. Im Winter wird die Frequenz auf zwei Stunden reduziert. "Sie wird auch von Schülern und Lehrlingen benutzt."

Moderne Züge auf Schmalspur-Gleisen

Sachsen, das einst in Schmalspur etwa 500 Kilometer verlegen ließ, feiert in diesem Sommer das 125-jährige Bestehen der 750-Millimeter-Spur. Die Züge tragen Namen wie "Lößnitzdackel". So nennen die Anwohner die Bahnen, die von Radebeul Ost über Moritzburg nach Radeburg verkehren und für die 16,5 Kilometer eine knappe Stunde brauchen. Im Kursbuch heißt die Verbindung Lößnitzgrundbahn.

Die Weißeritzbahn im östlichen Erzgebirge, die über 26 Kilometer Freital-Hainsberg und Kipsdorf verbindet, war bis zur Hochwasserkatastrophe im Sommer 2002 die älteste noch mit Dampf betriebene Schmalspurbahn Deutschlands. Dann zerstörten die Wassermassen Teile der Strecke. "Ziel des Wiederaufbaus ist natürlich der Regelbetrieb", sagt Axel Bergmann von der zuständigen Gesellschaft in Dresden. "Wir hoffen, dass sie bis Ende 2007 wiederhergestellt ist."

Die Dampfloks der Fichtelbergbahn brauchen für die gut 17 Kilometer zwischen Cranzahl und Oberwiesenthal etwa eine Stunde und fahren teils direkt entlang der tschechischen Grenze. Der "Wilde Robert", offiziell als Döllnitzbahn bekannt, bedient die 18 Kilometer zwischen Oschatz und Mügeln. Der Endpunkt war mit 36 Gleisen einst der größte Schmalspurbahnhof Europas.

In den alten Bundesländern wurden in den vergangenen 60 Jahren fast alle Schmalspurbahnen stillgelegt. Einige von ihnen wurden auf Teilstrecken zu Museumsbahnen umgewandelt, die von Bahnenthusiasten unterhalten werden. Auf Strecken der 1000-Millimeter-Spur verkehren heute moderne und zweckmäßige Überlandstraßenbahnen sowie Nahverkehrszüge. Obwohl auch sie unter die Kategorie Schmalspurbahnen fallen, fehlt ihnen das Flair der Dampflokzeit allerdings völlig.

Von Horst Heinz Grimm, gms

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