Von Kim Rahir
Der Tag beginnt mit einem sehr bedächtigen Tankwart. Gabriel, der schon seit 6 Uhr morgens an der Tankstelle von Sóller im Nordwesten Mallorcas die Kunden bedient, erwägt ausführlich, welchen Weg nach Biniaraix er empfehlen soll. Rechtsherum sind weniger Leute unterwegs, die Strecke aber vielleicht nicht so leicht zu finden. Linksherum ist eigentlich ganz einfach, aber dort könnte etwas mehr los sein. Schließlich kommt der Mittvierziger mit dem Vollbart zu einem klaren Schluss: "Also, für ein erstes Mal würde ich eindeutig linksherum empfehlen."
Gesagt, getan. Durch die schmalen Straßen von Sóller, wo vereinzelte Fußgänger mit vollen Einkaufstaschen vom Markt kommen, geht es leicht bergan in den Vorort Biniaraix. Ein altes Waschhaus ist der Mittelpunkt der winzigen Siedlung, gleich am Dorfausgang reihen sich Orangen- und Zitronengärten aneinander. Hier beginnt die Wanderung durch die Serra de Tramuntana in Richtung des 1098 Meter hohen Puig de l'Ofre. Das Hinweisschild am Beginn des Pfades ist ausgesprochen präzise: Bis zum Cúber, dem hinter dem Ofre liegenden Gipfel, dauert der Fußmarsch vier Stunden und fünf Minuten.
Anfangs führt der mit Natursteinen bepflasterte Weg noch durch duftende Zitronengärten, doch schon bald wachsen ringsherum wilde Olivenbäume, Kiefern und halbhohe Sträucher. Trotz der herben Natur dieses felsigen Gebirges ist der Pfad überraschend gut in Schuss, fast ist es wie ein Spaziergang durch einen wilden Garten. Stetig führt der Weg bergan, an mit Mühsal und Geduld angelegten Terrassengärten vorbei, durch Schluchten und entlang rauschender Gebirgsbäche. Das Licht ist klar und mild, nur wenige Wanderer sind unterwegs. Doch das wird sich schon bald ändern, schließlich ist es Sonnabend, und die Mallorquiner lieben ihre Serra nicht minder als die lichthungrigen Touristen.
Mountainbiker und Höhlenforscher in der Serra
Nach einer guten Stunde windet der Pfad immer steiler in engen Serpentinen. Plötzlich ertönt ein seltsam metallisches Klappern von oben, Rufe erschallen hinter dem nächsten Felsvorsprung. Und da kommt ein Radfahrer den holprigen Weg herunter, sein Bike knallt auf die im großen Abstand liegenden Stufen des Pflasters. Ein Verrückter? Weit gefehlt, er ist nur der Vorbote einer ganzen Kohorte, die ohne Rücksicht auf Rückenschmerzen diesen steinigen Wanderpfad herunterdonnert.
Dutzende Mountainbiker holpern so talwärts, erst auf dem Gipfel, dem Ofre, kehrt wieder Ruhe ein, die Landschaft ist karg und felsig, nur Kiefern und Sträucher trotzen hier dem Gestein. Der Blick fällt jedoch auf ein hochgelegenes Tal mit saftig grünem Gras, wo sich ein kleines Bauernhaus aus Naturstein an die gegenüberliegende Anhöhe schmiegt. Aus dem Garten ruft ein Pfau herüber, Singvögel zwitschern eifrig, und ein Buchfink gesellt sich zum Picknick dazu. Von einem Aussichtspunkt ist ein enger Talkessel zu sehen, wo in der Tiefe eine Hand voll Männer in bunten Neopren-Anzügen in einen kleinen Teich steigen. Höhlenforscher, mit Alpinisten-Ausrüstung und wasserfester Kombi, verschwinden einer nach dem anderen in einer kleinen Öffnung im Fels.
Die Serra de Tramuntana im Hinterland der Westküste, eine raue, felsige Bergkette mit Gipfeln um die 1000 Meter Höhe, bietet Dutzende Wege mit Schwierigkeitsgraden vom Spaziergang bis zum alpinen Klettern. Vom Massentourismus verschont, ist sie doch ein begehrtes Ziel für die Einheimischen, die sich am Wochenende zu Fuß oder eben mit dem Fahrrad hierher aufmachen. Während des Abstiegs in Richtung Biniaraix überholen auf einmal Wanderer auf, die im Laufschritt den steinigen Pfad hinuntereilen. Auf die Frage: "Ist das ein spezieller Sport, den Sie da treiben?" - kommt die fröhliche, wenn auch gestresste Antwort: "Nein, nein, wir sind spät dran zum Mittagessen."
Lammkarrees vor der Jagdhütte
Hinter dem nächsten Felsvorsprung liegt ein kleines unscheinbares Steinhaus zum Vorschein, das am Morgen noch verriegelt war. Jetzt sitzen hier Dutzende Mallorquiner schwatzend und trinkend auf einer Gartenterrasse, die eiligen Bergjogger sind auch eingetroffen und waschen sich an einem Brunnen. Drinnen waltet ein kleiner Mann mit Schirmmütze und grauem Vollbart seines Amtes: An der Rückseite des Hauses ist eine herrliche Tafel mit Rotwein, Oliven und Salat gedeckt, am Ende der Tafel brennt ein Feuer in einem alten Brotofen, aus dem der Alte, er heißt Gori, Blechtabletts mit köstlich aussehenden Lammkarrees und Spanferkeln hervorholt. Das Haus ist eine alte Jagdhütte und kann bei Gori von Gruppen für ein Mittagessen am Sonnabend oder Sonntag gemietet werden. Im Garten stehen Orangen- und Zitronenbäume, der Blick fällt auf das Tal mit Sóller und der Küste dahinter. Erst als die Nachmittagssonne sich zu senken beginnt, gehen die fröhlichen Mallorquiner zu Tisch.
Sehr viel früher sind die Einheimischen dagegen unterwegs, wenn es um einen Besuch im Naturschutzgebiet s'Albufera geht. Das riesige Feuchtgebiet an der Bucht von Alcúdia im Norden der Insel öffnet um neun Uhr und empfängt seine Besucher mit einem vielstimmigen Konzert aus Vogelstimmen und Froschquaken. Ornithologische Globetrotter, die den Planeten von den Galapagos-Inseln bis hierher an die Küste Mallorcas nach seltenen Vögeln absuchen, wandern neben lärmenden Spaniern zwischen meterhohem Schilfrohr und Gräsern über die Wege.
Die Mallorquiner auf ihrem Sonntagsspaziergang diskutieren lautstark, lachen und rufen. "Ja, auf geht's, wir gucken uns die Büffel an", brüllt ein Mann und die Gruppe biegt ab in Richtung einer Feuchtwiese wo die Horntiere und eine atemberaubend schöne Herde weißer Pferde durchs Gras galoppieren. Weiter geradeaus kommt der Wanderer an eine riesige Lache, in der es von Enten und anderen Wasservögeln nur so wimmelt. Immer noch schallen die Rufe der Büffelbesucher herüber. Am Rande der Lache befindet sich ein Beobachtungsstand, eine kleine Holzhütte mit einem schmalen Schlitz, der den Blick nach draußen freigibt.
Verwaiste Bucht mit türkisblauem Wasser
In der Hütte herrscht im Vergleich zum lärmenden Getue draußen fast andächtige Stille. Bewegungslos und geduldig suchen die Vogelbeobachter mit dem Fernglas die Landschaft ab. Wenige Minuten Geduld werden hier umgehend belohnt: Kormorane und Blässhühner, Stelzenläufer und Alpenstrandläufer, Seidenreiher und unzählige Entenarten kommen in Sicht. Bildtafeln zeigen die Arten, die hier beobachtet werden können, und helfen dem weniger versierten Vogelfreund, die beobachteten Tiere einzuordnen. Hier ist außer dem Gesang und Gezwitscher der Vögel nichts zu hören - kaum zu glauben, dass nur ein paar hundert Meter weiter die Hotelblocks und Strandanlagen von Alcúdia liegen.
Auch im Südosten der Insel liegen Massenandrang und stille Natur in unmittelbarer Nachbarschaft. Nur wenige Meter vom malerischen, aber völlig überlaufenen Hafen Cala Figuera entfernt liegt der Naturpark Mondrago mit einem Wanderweg, der an der felsigen Küste entlang drei einsame Strände miteinander verbindet und - zumindest auf Hinweisschildern - das Sichten von Wiedehopfen und Wachteln, Iltissen und Kaninchen verspricht. Die Wanderung unter Kiefern wird begleitet vom Meeresrauschen unterhalb der Felsen, und nach jeweils einer knappen halben Stunde kommt eine Cala, ein kleiner, im Frühjahr verwaister Strand, in einer Bucht mit türkisblauem Wasser zum Vorschein. Dass es hier auch im Sommer so friedlich ist, mag allerdings niemand so recht versprechen.
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