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29.04.2006
 

Thriller "Sakrileg"

Auf der Spur des heiligen Grals

Auch der gewiefteste Reisende wird den Marathon der Heldin in Dan Browns Roman "Sakrileg" nicht schaffen: Nur 30 Stunden brauchte Sophie von Paris bis Edinburgh. Aber warum sollte man sich auch beeilen? Auf den Spuren des Religionsthrillers gibt es so viel zu entdecken.

Paris/London - Die Reise könnte mit einem Duschbad nach einer friedlichen Nacht im Zimmer 512 des Ritz in Paris beginnen. Robert Langdon, der Held in Dan Browns Bestseller "The Da Vinci Code" (in Deutschland: "Sakrileg"), ist hier zwar nicht zur Ruhe gekommen. Und auch Tom Hanks hat bei den Dreharbeiten für den bald startenden gleichnamigen Hollywood-Film in eben diesem Bett nur gelegen, um vor laufenden Kameras vom Klingeln des Telefons genervt zu wirken. Doch wer mehr Zeit und Gemütsruhe mitbringt, kann sich hier ausschlafen - für eine Reise von Paris bis Edinburgh in Schottland. Sie führt zu den Schauplätzen des erfolgreichsten Religionsthrillers aller Zeiten.



Natürlich geht es auch in Paris billiger als im Ritz, wo für das "Da Vinci Code"-Paket 720 Euro pro Nacht verlangt wird. Unbedingt empfiehlt sich aber ein Besuch bei Colin Field in der Ritz-Hotelbar "Hemingway". Der britische Barmann - er gilt vielen als der beste der Welt - hat passend zum Buch und zum Film einen Cocktail kreiert. Zucker, Wodka, frisch gepresster Grapefruitsaft, aufgefüllt mit Champagner, und als Dekoration eine Rose - fertig ist der "Opus Dei".

Der kräftige Drink sorgt für beschwingte Stimmung, die man gut für das Músee du Louvre brauchen kann. Lange Zeit war der Prachtbau, dessen ältester Teil aus dem 12. Jahrhundert stammt, vor allem als Frankreichs bedeutendste Kunstsammlung bekannt. Bei mittlerweile 48 Millionen verkauften Exemplaren des Brown-Buches ist der Louvre nun aber vielen eher als bedeutendster Tatort des "Da Vinci Code" im Bewusstsein. Da muss die Kunstreiseführerin Patricia Lengyel viel Aufklärungsarbeit leisten.

Keine rasselnden Gitter im Louvre

Der Thriller, so zeigt sich, strotz vor sachlichen Fehlern. Man muss gar nicht über die Hauptthese streiten, wonach Maria Magdalena Jesus Christus zum Vater einer Tochter machte und eine bis heute von bitterbösen Opus-Dei-Schergen verfolgte Nachkommenschaft für die Wahrung dieses Gralsgeheimnisses kämpft. "Browns Irrtümer", sagt Patricia, "beginnen schon an der Tür zur Grande Galerie, hinter der im Buch Jacques Saunière, der Direktor des Louvre, von dem Albinomönch Silas ermordet wird."

Doch so kann es gar nicht gewesen sein: Die Tür hat kein Gitter, das wie im Roman herunterrasseln und Silas hätte aufhalten können. Und die Caravaggio-Gemälde, von denen Saunière eines von der Wand riss, um die Alarmanlage auszulösen, hängen rund 200 Meter von hier entfernt. Wohl keine Pistole hätte den Direktor so weit weg noch treffen können. "Noch auffälliger ist der Fehler mit der Seife", erzählt Patricia. "Aus der Toilette in diesem Louvreflügel kann Sophie die Seife mit dem Abhörchip niemals auf einen Lastwagen geworfen haben. Die Toilette hat gar kein Fenster."

Auf solche "Ungenauigkeiten" des US-amerikanischen Autoren stoßen Louvre-Besucher bei dieser Tour immer wieder - aber auch auf jede Menge Bereitschaft, darüber großzügig hinwegzusehen.

Schild zur Aufklärung von "Da Vinci Code"-Fans

Die Kirche Saint-Sulpice ist zwar die zweitgrößte von Paris, doch sie stand immer im Schatten der berühmteren Kathedrale Notre Dame. Seit Dan Brown seinen Albinoriesen im Gotteshaus Saint-Sulpice den geheimnisvollen Schlussstein suchen und eine Nonne kaltblütig erschlagen ließ, schwoll der Besucherstrom mächtig an.

Pfarrer Paul Roumanet reagierte ähnlich wie seine Kollegen in den britischen Kirchenschauplätzen des "Da Vinci Code": "Wir heißen die Code-Touristen willkommen und hoffen, dass sie das Buch und den Film zum Anlass nehmen, um die Wahrheit über unsere Religion und unsere Kirche zu erfahren." Dafür bietet Saint-Sulpice Hilfestellung in Form einer Hinweistafel. Sie stellt klar, was die Kirche alles nicht ist, unter anderem "nicht aus den Resten eines antiken Isis-Tempels errichtet", wie es im Roman behauptet wird.

Spätestens an dieser Station wird dem "Da Vinci Code"-Touristen bewusst, dass der Zeitplan des Thrillers - vom Louvre-Mord bis zur Aufklärung des Familiengeheimnisses der Saunière-Enkelin Sophie in Schottland in knapp 30 Stunden - vom Normalreisenden nie eingehalten werden kann. Besser ist es, sich eine gute Woche für die Strecke Zeit zu lassen. Dann geht es zum Beispiel in aller Ruhe zum Gare du Nord in Paris.

Weniger als drei Stunden dauert die Bahnfahrt bis zur Londoner Station Waterloo, gleich gegenüber der Westminster Abbey. Die wohl bekannteste aller britischen Kirchen mit dem Grab Isaac Newtons ist für Kunstliebhaber ebenso ein Muss wie für die Thriller-Touristen. Schließlich offenbart sich hier, im Kapitelhaus, wer der "Lehrer" wirklich ist, der hinter all den Mordtaten steckt. Allerdings durften die Kameraleute des Films hier, anders als im Pariser Louvre, keinen Fuß über die Schwelle setzen. Die entscheidenden Westminster-Szenen wurden stattdessen in der Kathedrale von Lincoln in Nordwestengland gedreht.

"Tom Hanks war hier"

Bevor es aber dorthin geht, liegen in London noch zwei wichtige "Code"-Stationen auf dem Weg. Wer es einrichten kann, sollte die kleine, feine Temple Church an der Fleet Street an einem Freitagnachmittag besuchen. Für drei Pfund (knapp fünf Euro) bietet Robin Griffith-Jones dann eine Kirchenführung, die einer fröhlichen Ein-Mann-Theaterschau gleicht und dennoch seriös auf die Jesus- und Tempelritter-Thesen Dan Browns eingeht.

Dass die Tour auch links und rechts des Weges Sehenswürdigkeiten bietet, die im Buch unerwähnt bleiben, wird nicht zuletzt im St. James' Park deutlich, wo der Butler Rémy vergiftet wird. Der "Da-Vinci-Code"-Tourist wandert zum Buckingham-Palast weiter oder die Pall Mall entlang bis zur sehenswerten National Gallery am Trafalgar Square. Von dort sind es mit der U-Bahn nur ein paar Stationen zum King's Cross-Bahnhof, wo die Züge gen Norden abfahren.

Nach zwei Stunden Bahnfahrt ist die herrliche gotische Kathedrale von Lincoln erreicht. In Browns Buch kommt sie nicht vor, doch der Film, dem sie als Westminster-Ersatz diente, dürfte ihr den erhofften Besucheraufschwung bescheren. "Wir setzen auf Star Power", scherzt Kirchenvorsteher John Campbell und verweist auf eine Ausstellung über die Dreharbeiten mit Tom Hanks, Ian McKellen und Audrey Tautou.

"Tom Hanks war hier", hört man in Lincoln immer wieder. Wer hier gebettet sein möchte wie der Superstar, kann für weniger Geld als im Pariser "Ritz" die Suite im ehrwürdigen Hotel White Hart mieten - mit Blick auf die nachts erleuchteten Türme der Kathedrale.

Bevor es dann weiter nach Schottland geht, wollen noch die prächtigen Landschlösser Belvoir Castle und Burghley House besucht werden. "Da Vinci Code"-Regisseur Ron Howard ließ dort Szenen drehen, die in der Papstresidenz Castel Gandolfo bei Rom spielen sowie im Kult-Ferienhaus des Louvre-Direktors und in der Pariser Residenz Sir Leigh Teabings, dem Chateau de Villette.

Heiliger Gral, Tempelritter-Schatz und Bundeslade

Von Edinburgh aus braucht der Bus 15a schließlich 20 Minuten zur Rosslyn-Kapelle, in der Sophie im Roman die "ganze Wahrheit" über ihre Herkunft aus der Nachkommenschaft von Jesus und Maria Magdalena erfährt. Ein Wallfahrtsort für Sucher des Heiligen Grals ist sie schon seit ewigen Zeiten - doch erst seit der Veröffentlichung des Brown-Buches kommen sie vom Morgen bis zum Abend in Busladungen.

Leider muss die Kirche noch jahrelang eingerüstet bleiben, damit schwere Wasserschäden im Gestein behoben werden können. Danach, etwa ab dem Jahr 2011, soll der Innenbereich restauriert werden, zu dem die sagenumwobene Krypta gehört. "Da unten", scherzt Fremdenführer Simon Beaty, "liegt natürlich nicht bloß der Heilige Gral, sondern auch noch der Schatz der Tempelritter und die Bundeslade. Also kommen Sie in ein paar Jahren wieder - und bringen Sie eine Schaufel mit."

Von Thomas Burmeister, gms

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