Kurz vor dem mittelalterlichen Dorf Castelo de Vide schlängelt sich die Landstraße zwischen Olivenbäumen, Korkeichen und hügeligen Wiesen hindurch, bis hinter gelb blühendem Ginster ein verlassenes Landgut auftaucht. Über dem massiven Sandstein-Gebäude quietscht ein alter Wetterhahn, in der Mitte des Anwesens verströmt ein majestätischer Eukalyptusbaum seinen Duft. Die Sonne nähert sich den Hügeln im Westen, seit einer halben Stunde hat kein Auto die Straße passiert: Ist das nicht der Traum eines jeden Großstadtflüchtlings?
Im Alentejo gibt es viele solcher leer stehenden alten Steinhäuser. Und ein bezugsfertiges kleines Haus kann man schon ab circa 70.000 Euro finden. Kein Wunder, dass in der Reisepresse häufig von der "neuen Toskana" die Rede ist. Für diesen Preis gibt es in der italienischen Region heutzutage höchstens eine halb verfallene Hundehütte. Ein Vergleich liegt zunächst nahe: Auch im portugiesischen Alentejo liegen mächtig befestigte Bergstädtchen, einsame Olivenbäume stehen auf sanft geneigten Wiesen, mittelalterliche Kapellen auf den Hügeln, dazu gute Weine und deftige Spezialitäten aus Lamm und Fisch.
Allerdings - "neue Toskanas" tauchen immer wieder auf. Eine Streiftour durch die Region südlich des Rio Tejo, zwischen Atlantik und der Grenze zu Spanien wird zeigen, ob sie das Prädikat verdient.
So grün wie Umbrien
Am Anfang der Fahrt steht eine Enttäuschung. Es gibt kaum etwas Trostloseres als Eukalyptus-Plantagen, zur Papierherstellung hochgezogene, dünne Stengelchen. Die Hügel, die die neue Autobahn von Lissabon Richtung Alto Alentejo säumen, wirken wie eine Industriebrache. Erst südöstlich des Rio Tejo ändert sich die Landschaft: Auf Hochplateaus liegen Findlinge verstreut wie liegen gebliebenes Riesenspielzeug, die spärliche, heideartige Vegetation erinnert sogar an Skandinavien. Nur wenige Kilometer weiter, auf der schmalen Landstraße Richtung Marvão, sieht es dank Olivenbäumen und knorrigen Korkeichen wirklich aus wie in Italien - wenn auch nicht gerade Toskana-Klischees bedient werden. Eher Umbrien, weil alles so grün ist.
Dann taucht, weithin sichtbar, auf einer Hügelkuppe Marvão auf. Neben einer überdimensionierten grauen Burganlage schmiegen sich kleine, weiße Häuser eng aneinander. Die Gegend an der Grenze zum mächtigen westlichen Nachbarn musste immer verteidigt werden. Marvão ist, wie fast alle Städtchen im Alentejo, eigentlich eine Festung, in schwer zugänglicher Lage, mit grandioser Aussicht. Auf über 850 Meter Höhe führt die enge Serpentinenstraße.
Oben scheint die Luft ungewöhnlich klar, die Sicht reicht bis weit nach Spanien. "Marvão liegt so hoch, dass man nur die Vögel, die sich am höchsten in die Lüfte erheben, je von unten sehen kann", wie ein Priester im 18. Jahrhundert dichtete.
Evora, die Perle des Alentejo
Im bergigen Norden des Alentejo ist es bis Anfang April noch merklich kühl, oft auch regnerisch. Und doch blühen wenige Kilometer südlich und ein paar hundert Höhenmeter tiefer, rund um Portalegre und Estremoz, dann schon Orangen- und Zitronenbäume in den Gärten, Weinreben wachsen auf den Hügeln. Kein Wunder, dass in einer solchen Region auch der "Turismo em Espaco Rural" gedeiht: Über kleine Feldstraßen und Pisten erreicht man ehemalige Bauernhöfe – auf Portugiesisch Quintas -, die wochenweise vermietet werden.
Eingebettet in diesen Garten liegt Evora, die "Perle des Alentejo", von der Unesco zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt. Die Stadt ist ein begehbares Museum, der zentrale Platz bietet einen einmaligen Mix aus gotischer Kathedrale, riesenhaften römischen Säulen (die einem Dianatempel zugeschrieben werden) und barocken Palästen. Sicher würde der Vergleich mit toskanischen Weltstädten wie Florenz oder Siena in die Irre führen, aber dafür steht in den Gassen von Evora ein geradezu betäubender Duft von blühenden Orangenbäumen.
Statt knatternder Motorinis und multikulturellen Touristenmassen hört man aus kleinen Gärten die Grillen zirpen, und der Brunnenrand an der Praca do Giraldo gehört noch alten Männern mit Baskenmützen, die die letzten Sonnenstrahlen genießen. Dank einer neubelebten Universität gibt es in Evora sogar ein bisschen jugendlich-städtische Atmosphäre, die mit Einbruch der Dämmerung auf den Plätzen erwacht.
40 Kilometer weiter südlich überrascht das Landschafts-Zapping erneut. Es sieht nämlich aus wie in Namibia. Oder wie in Kenia, irgendetwas zwischen Trockensavanne und Grassteppe. Man würde sich nicht wundern, wenn nach der nächsten Kurve eine Antilopenherde ins Bild liefe. Im südlichen Teil des Alentejos, dem Baixa Alentejo, beginnt das, was Botaniker als "mediterrane Cereal-Steppe" bezeichnen. In trockenen Sommern wirkt alles ausgedörrt, und dann kann auch die Wasserknappheit afrikanische Dimensionen erreichen. Im Frühjahr aber ist die Landschaft wie verzaubert: Die ganze weite Steppe ist wie ein Blumenmeer, manchmal so bunt wie eine psychedelische Blümchentapete.
Die Saudade hat hier seinen festen Wohnsitz
Aber bei aller Wandelbarkeit der Landschaften Alentejos - ein gewisses Gefühl von Verlorenheit, Verlassenheit ist allgegenwärtig. Dieses Gefühl lässt sich durchaus in konkreten Zahlen ausdrücken. Die Subregion Baixo Alentejo bewohnen gerade mal 135.000 Menschen. Die Saudade, der berühmte portugiesische Weltschmerz, scheint hier seinen festen Wohnsitz zu haben.
Diese Einsamkeit macht manchem deutschen Stadt-Aussteiger zu schaffen, meint Jana, Thüringerin aus Berlin, die vor acht Jahren hierher auswanderte. "Wegen der Kinder", wie sie sagt, die wollte sie nicht in der Großstadt aufwachsen lassen. Heute arbeitet sie halbtags in einem Maklerbüro in Vila Nova de Milfontes, einem kleinen Küstenort am Atlantik. Viele sind es nicht, die auf der Suche nach einer "neuen Toskana" hierher kommen, sagt sie, und wundert sich: "Dabei ist es hier doch so wunderschön und vor allem nicht überlaufen."
Das stimmt umso mehr, je weiter man nach Süden kommt. Und dann, rund um Mértola, hält der Alentejo eine ganz neue landschaftliche Überraschung parat: So muss es vor langer Zeit am Rhein oder Mosel ausgesehen haben, als Deutschlands Flüsse noch keine einbetonierten Wasser-Highways waren. Der Rio Guadiana, der alte Grenzfluss zwischen Portugal und Spanien, schiebt sich gelassen und würdevoll durch die Täler. Weiden lassen ihre Äste ins Wasser hängen, Schilfrohr ächzt leise im Wind. Kilometerweit gibt es keine Häuser, da der Fluss und seine Ufer zum Naturschutzgebiet erklärt wurden, nur ab und zu einen Fischer im Ruderboot, der sein Netz einholt.
Keine Toskana-Fraktion in Portugal
Eine Reise durch den Alentejo scheint auch immer wie eine Zeitreise zu sein. Die Storchennester auf den alten Telefonmasten, die Blütenpracht der weiten Ebenen, die wie ausgestorbenen kleinen Städtchen, von denen Mértola das am stärksten arabisch geprägte ist: Alles hat den Charme vergangener Zeiten. Oft herb und spröde, manchmal auch öde, wenn sich in der "Planicie Dourada" die kilometerlangen Weizenfelder strecken. Es ist eine strukturschwache Region, noch immer fast ausschließlich von der Landwirtschaft geprägt.
Wer im Süden Portugals die Toskana sucht, wird vielleicht enttäuscht sein. Ein Mittelpunkt der Weltkultur war der Alentejo nie, auch wenn die portugiesischen Könige hier im 16. und 17. Jahrhundert residierten. Italienische Lebensart strahlen die alten Leute, die auf den Plätzen die Hände in die Hosentaschen bohren, nicht aus, und den abrasierten, nackten Korkeichen fehlt die Lieblichkeit toskanischer Laubwälder. Den Städten, die mit Ausnahme von Evora eigentlich groß geratene Wehrdörfer sind, fehlt die Grandezza von Cortona, Siena oder gar Florenz.
Dagegen machen die Einsamkeit und die Verlassenheit, die sich in dem Begriff der Saudade summieren, die besondere Qualität des Alentejo aus. So ist die Atlantikküste rund um Villanova de Milfontes über Hunderte von Kilometern Naturschutzgebiet und daher unbebaut und unverdorben. Hier sind es Wolfsmilchgewächse, die für Blumenmeere auf den Sanddünen sorgen, und eingebettet in die Steilküste findet man große und kleine Sandstrände, die oft völlig menschenleer sind. Denn das ist einer der Vorzüge des Alentejo: Hier gibt es, in Ermangelung einer Toskana, auch keine Toskana-Fraktion.
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