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15.07.2006
 

Lykischer Pfad

Flammen aus der Unterwelt

Steile weiße Felsen, rauchende Steinfelder, azurblaue Buchten - der Lykische Pfad ist einer der schönsten Weitwanderwege der Welt. Rund 500 Kilometer weit schlängelt er sich meist direkt an der Mittelmeerküste entlang von Antalya bis Fethiye.

Antalya - Die Feuer speiende Chimäre wird belagert: Wanderer kochen auf dem heißen Atem des Ungeheuers ihren Kaffee, zünden sich Zigaretten an oder trocknen ihr beim Durchwaten von Bächen nass gewordenes Schuhwerk. Chimaira, ein fußballfeldgroßes Steinfeld, auf dem schon seit Jahrtausenden Flammen aus dem Boden schlagen, ist ein beeindruckendes Naturschauspiel - und Etappenziel des Lykischen Pfades, des ersten Fernwanderweges in der Türkei.

Mit dem "Likya Yolu", dem Lykischen Pfad, besitzt das Land am östlichen Mittelmeer seit einigen Jahren einen 500 Kilometer langen Wanderweg. Vor der Kulisse des bis ans Wasser reichenden Taurusgebirges führt der Pfad von Antalya bis Fethiye meist direkt an der Küste entlang, die von steil abfallenden Felsen, vielen Buchten und Inseln geprägt ist.

Antike Ausgrabungen, Felsengräber und Ruinen alter Städte machen die Gegend ideal für Wanderer, die auch Kultur- und Badeurlaub suchen. Die Lykier waren in der Antike ein Volk mit eigener Kultur, Schrift und Sprache. Wo heute in kleinen Dörfern Bauern vom Ertrag gewaltiger Gewächshäuser leben, dominierten einst Städte mit Badehäusern, Theatern und reich verzierten Wohnanlagen die Küste - von denen heute etliche, oft noch halb verborgene Ruinen zeugen.

Feuerspeichendes Fabelwesen

Die erste Etappe beginnt in Antalya. Per Minibus geht es in das kleine Örtchen Ulupinar und dann weiter zu Fuß. Am Wegesrand blühen gewaltige Aronstäbe, in Wasserlachen tummeln sich die Kaulquappen. Bald hören die Wanderer das Brodeln des Flusses, der zwischen mannshohen Steinen und umgekippten Bäumen in Richtung Meer rauscht.

An einer flacheren Stelle werden die Wanderschuhe am Rucksack verschnürt und die Hosen hochgekrempelt, alternativ lässt sich der Strom über einen glitschigen Baumstamm hinweg queren. Purzelt man ins Wasser, macht das nicht allzu viel: Nach einem steilen Abschnitt sieht man schon den nahen Strand - und die ersten Flammen Chimairas.

Die Feuer des Kultortes 70 Kilometer südwestlich von Antalya sind einer der Höhepunkte der Tour. Sie entstehen durch Gase, die aus Rissen des rund 200 Meter hoch gelegenen Abhangs austreten und sich an der Luft entzünden. Überlieferungen zufolge sollen die noch heute bis zu einem halben Meter hohen Flammen in der Antike Seefahrern bei der Orientierung geholfen haben. Damals vermutete man unter dem Fels verborgen ein Feuer speiendes Monster - das Fabelwesen Chimäre mit Löwenkopf, Ziegenkörper und Schlangenschwanz.

Chimaira ist nicht nur Rucksacktouristen ein Begriff - mit dem Bus herbeigeschaffte Touristengruppen kommen den Wanderern auf dem Pfad ebenso entgegen wie türkische Großfamilien. Eine Verschnaufpause am hellen Kieselstrand von Cirali ist da gerade recht: Auf Holzbänken vor einem der einfachen Strandrestaurants schmecken gebratene Auberginen und Lammspieße nach der dreistündigen Tour besonders gut.

Treffpunkt junger Rucksacktouristen

Im Juli und August lohnt es sich, nachts am Strand auszuharren: Dann schlüpfen fast jede Nacht Karettschildkröten, die in Windeseile über den zehn Meter breiten Kiesstreifen ins Meer krabbeln. Jedoch wandelt sich Cirali in der Hauptsaison vom beschaulichen Örtchen zum überfüllten Treffpunkt junger Rucksacktouristen, die die vielen kleinen Holzhütten inmitten üppig wuchernder Gärten bevölkern.

Angelockt werden die Sonnenhungrigen vor allem von einem weiteren Höhepunkt des Lykischen Pfades: dem antiken Olympos. Die am Ausgang einer Schlucht liegende Hafenstadt ist nach dem Berg benannt, der sich zehn Kilometer nordwestlich erhebt. Vor mehr als 2000 Jahren gehörte die Siedlung zu den führenden Städten Lykiens, von hier aus wurden die Seerouten von Rom nach Syrien und Zypern beherrscht.

Wenn sie vom Meer aus in die abends still und einsam liegenden Ruinen eintreten, blicken die Wanderer auf eine überwucherte Ebene zwischen zwei Hängen. Es macht Spaß, sich auf engen Pfaden durchs Blattwerk zu schlängeln und nach besonderen Entdeckungen Ausschau zu halten - wie die Reste eines Theaters, Badehäuser und aufwendig verzierte Sarkophage. Überall in Lykien sieht man über die oft mehrere tausend Jahre alten, übermannshohen Truhen mit den spitzbogigen Deckeln, in denen die Lykier einst die Gebeine ihrer Verstorbenen bestatteten.

Eine weitere Art der Bestattung lässt sich in der weiter westlich gelegenen Stadt Myra erkunden: Dutzende Meter über dem Boden in den Fels gehauene Grabkammern, sorgfältig zugemauert und mit weithin sichtbaren Schmuckelementen verziert. Auf dem Weg dorthin werfen junge Pflücker den Wanderern von ihrem mit Orangen beladenen Lastwagen einige Früchte zu. Diese für Lykien typischen Vitaminspender sind den Touristen willkommene Durstlöscher.

Glöckchen schwingender Betonnikolaus

Gestärkt geht es in das antike Myra hinein, das etwa zwei Kilometer nördlich der heutigen Stadt Demre liegt. Unterhalb der Felsengräber erhebt sich ein großes römisches Theater, von dessen oberen Rängen man einige Minarette und Hunderte Gewächshäuser erblickt. Beim anschließenden Gang durch die Fußgängerzone wird schnell deutlich, welche Sehenswürdigkeit die ansonsten unspektakuläre Siedlung noch zu bieten hat: Ein Glöckchen schwingender Nikolaus aus Beton weist unmissverständlich darauf hin, dass hier im frühen vierten Jahrhundert nach Christus der Heilige Nikolaus von Myra wirkte.

Lykien: Der "Likya Yolu" ist über 500 Kilometer lang
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GMS

Lykien: Der "Likya Yolu" ist über 500 Kilometer lang

In der gleich nebenan liegenden Kirche decken sich russische Touristen mit "heiliger Erde" ein, die in Plastiktütchen abgefüllt auf fromme Käufer wartet. In der dreischiffigen, mit Segeltuch überspannten Basilika betrachtet eine Reisegruppe andächtig einen aufgebrochenen Rankensarkophag, der die letzte Ruhestätte des Heiligen Nikolaus gewesen sein soll, bevor seine Gebeine im Jahr 1067 nach Bari in Süditalien entführt wurden - wo sie noch heute ruhen.

Dem städtischen Trubel und den hartnäckigen Kellnern der Touristenrestaurants entkommen, entschließen sich die Wanderer dann zum Trampen, um die Tour etwas zu verkürzen. Denn der Lykische Pfad ist zwar meist gut markiert, manche Etappen führen jedoch mehr als 20 Kilometer weit durch naturbelassenes Gelände, ohne eine Ortschaft zu streifen. Wer plant, ohne Zelt zu reisen, sollte deshalb gut zu Fuß sein - oder auf den einen oder anderen Teil der Tour verzichten.

Wachsame Hütehunde

Schon bald ist eine Mitfahrgelegenheit gefunden. Zwar spricht der Fahrer weder Englisch noch Deutsch, auf die mehrmalige Wiederholung der Zielangabe "Cayagiz" hat er jedoch wohlwollend reagiert. Eine Viertelstunde darauf ist der kleine Hafen erreicht. Der Fahrer winkt noch einmal freundlich - und fährt nicht weiter, sondern zurück. Er hat den Küstenort nur der Touristen wegen angesteuert und wie viele seiner Landsleute türkische Gastfreundschaft unter Beweis gestellt.

Weniger gastfreundlich zeigen sich kurz darauf die Wächter einer der unzähligen Ziegenherden, die durch die Hügel Lykiens streifen: Bedrohlich bellend stürzen zwei hüfthohe Hirtenhunde auf die Wanderer zu. Erschrocken reißt einer der Reisenden die Arme hoch - für eines der Tiere ein Zeichen des Angriffs, das er mit einem Zwicken in den Bauch quittiert. Der Pfiff des Hirten ruft die Hunde schließlich zurück und mit zunächst recht wackeligen Knien werden die restlichen 15 Kilometer Wanderung bis zum Fischerdorf Ücagiz absolviert.

In dem Küstenort wetteifern mehrere Hafenrestaurants um die Gunst von Tagestouristen. Abends und in der Nebensaison aber ist nicht viel los: Frauen in Pluderhosen halten ein Schwätzchen und alte Männer auf Plastikstühlen spielen Backgammon, während Landschildkröten über die Straßen krabbeln und die letzten Sonnenstrahlen das Wasser der Bucht funkeln lassen. Bei solchen Anblicken wird dann endgültig klar, warum die "Sunday Times" aus London den 1999 eingerichteten Lykischen Pfad zu einem der zehn schönsten Fernwanderwege der Welt erklärt hat.

Von Annett Klimpel, gms

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