Puerto de Mogán - "Es hat viel geregnet letzte Nacht, wir sind sehr dankbar." Moisés Sanchez Rodriguez scheint diesen Satz nicht oft genug sagen zu können, so sehr freut er sich. "Es hat viel geregnet letzte Nacht" - mindestens vier Mal kommen dem Reiseführer die Worte über die Lippen, während das Auto die nur sieben Kilometer von Puerto de Mogán nach Mogán zurücklegt.
Denn Regen ist selten im Südwesten Gran Canarias: Nur an 15 Tagen pro Jahr öffnet der Himmel hier seine Schleusen, erzählt Moisés. Trockenheit bestimmt das Landschaftsbild. Das freut die sonnenhungrigen Touristen, die immer öfter in diesen Teil der Kanareninsel vordringen. Viele kommen für 14 Tage, um ausgiebig die Liegestühle zu testen. Doch auch für Aktivurlauber hat die Region im Südwesten eine Menge zu bieten.
"Es hat viel geregnet letzte Nacht" - wieder sagt Moisés diese sechs Worte, aber zu sehen ist von dem Regen kaum noch etwas im Tal von Mogán. Obwohl es hier so wenige Niederschläge gibt, leben viele Menschen von der Landwirtschaft. Neben der Straße wachsen vor allem Zitrusfrüchte, auch Mango- und Avocado-Plantagen sind zu sehen.
Weißwürste, Nürnberger oder Thüringer
"Wir brauchen viel Wasser", sagt Moisés. "Es kommt aus den Stauseen in den Bergen und aus 130 Meerwasser-Entsalzungsanlagen." Angebaut wird das Obst aber nur zum Teil für den Eigenbedarf - viele Hotels an der Küste nehmen ab, was die Bauern in Mogán ernten. "Ohne den Tourismus müssten wir Canarios wohl alle die Insel verlassen", meint Moisés.
Der Wagen hält in Mogán unweit der Kirche. Nebenan ragt eine Baustelle in den Himmel - hier entsteht aber kein Hotel, sondern ein Seniorenheim, wird in der Bar gegenüber erzählt. Für die meisten Urlauber wäre Mogán wohl auch zu weit von der Küste entfernt. Aber in dem kleinen Dorf ist der Tourismus mittlerweile zum Alltag geworden: "Wir haben frische Weißwürste, Nürnberger oder Thüringer", ist auf der Werbetafel eines Restaurants zu lesen. "Tenemos tapas - we have tapas", wirbt die Konkurrenz nur wenige Meter weiter.
Immerhin, die typisch spanischen Vorspeisen sind in Mogán noch eine Werbebotschaft wert. Das ist in Puerto de Mogán, dem Hafenort der Gemeinde, zum Teil anders. Das "La Tortuga" nahe der Yachtanleger brüstet sich, Bayerischen Leberkäse mit Spiegelei und Wurstsalat mit Zwiebelringen aufzutischen. Im "Berliner Gärtchen" gibt's Bratwurst mit Kartoffelsalat, macht 4,95 Euro, der Herr! Für einen Kaffee nach dem Essen ist der Weg nicht weit: Das "Mozart" liegt gleich nebenan.
"Die Insel ist zubetoniert"
Puerto de Mogán wächst weiter für den Tourismus, noch recht frisch ist eine Ladenzeile mit Restaurants am künstlich angelegten Strand. Grundsätzlich aber gilt: Je neuer die Anlagen, desto weiter entfernt vom Wasser sind sie, denn am Talausgang sind alle Plätze vergeben. Mehrere Baukräne stehen auch eine Bucht weiter in Taurito, wo vor allem Briten und Skandinavier die Hotel-Hochhäuser bevölkern. Graue Rohbauten im Blick haben auch Touristen an der Playa de los Amadores, die durch eine Promenade mit Puerto Rico verbunden ist.
"Die Insel ist zubetoniert, und wir bauen immer weiter", klagt Moisés Sanchez Rodriguez. "Wer vor 20 Jahren hier war und heute noch einmal nach Gran Canaria kommt, erkennt die Insel nicht mehr wieder." Das gilt auch für das Straßennetz im Südwesten: Weite Kreisverkehre gibt es allerorten, und selbst kleine Nebenstrecken in die Berge sind fast überall asphaltiert.
"Das haben wir alles Brüssel zu verdanken", sagt Manfred Ritsch, ein Österreicher, der schon lange auf der Insel lebt und mit Urlaubern Mountainbiketouren unternimmt oder wandert. Dabei geht es ihm auch darum, ein Gran Canaria vorzuführen, das sich abseits der Ferienhotels und Strände seine Natürlichkeit bewahrt hat.
"Radeln und Wandern werden vor allem von November bis April nachgefragt", erzählt Manfred, während der Bus mit seinen Gästen ins Inselinnere fährt. Mehr als 60 Stauseen sammeln dort das Wasser, das die Passatwinde von Nordosten aus mitbringen. Die Kiefernwälder in den Bergen sind oft wie in Nebel gehüllt, während über der Küste die Sonne lacht. Die Bäume "melken" mit ihren langen Nadeln die Wolken. An ihnen setzt sich die Feuchtigkeit fest, weshalb die Kiefern auf Gran Canaria auch "Tränenbaum" genannt werden, erzählt Manfred. Um die Insel künftig besser mit Regenwasser zu versorgen, werden jedes Jahr etwa 300 Hektar Fläche in den Bergen mit Kiefern aufgeforstet.
Die Stauseen sind gut gefüllt. Es hat viel geregnet - nicht nur letzte Nacht, sondern auch im ganzen Winter 2005/06. "Das reicht für mindestens vier Jahre", sagt Manfred, während er die Tourenräder vom Autoanhänger hievt. "Die Bauern sind natürlich sehr froh darüber." Und dann geht es los: aus 1300 Metern über dem Meer in Serpentinen zurück zur Küste.
Treten müssen die Radler auf der Straße mit bis zu 13 Prozent Gefälle kaum, nach einiger Zeit schmerzen dafür die Hände, weil sie ständig zu den Bremshebeln greifen. Wachteln fliegen von der Straße hoch, wenn sie das Surren der Reifen hören, am Wegesrand wächst Johanniskraut. Immer wieder eröffnen sich weite Blicke zur Küste - von manchen Orten kann man bei klarem Wetter den 3717 Meter hohen Teide-Gipfel auf Teneriffa sehen. Auf dem Weg zurück zum Meer geht es per Fahrrad auch durch den Ort Mogán mit seinen vielen Mango-, Avocado- und Papaya-Plantagen.
Habichte kreisen über den Hügeln
Was im Südwesten Gran Canarias alles gedeiht, lässt sich allerdings besser zu Fuß erkunden als vom Fahrradsattel aus. Manfred und die ebenfalls aus Österreich stammende Monika Heimhilcher führen deshalb am Tag darauf von Mogán aus eine Wanderung in Richtung Westen an. Schon wenige Meter über dem Dorf zeigen sie einen alten Dreschplatz, an dem einst die am Hang wachsende wilde Gerste gedroschen wurde. In den Gärten etwas unterhalb sind Bananen und Mangos beinahe erntereif.
Habichte kreisen über den kargen Hügeln, und der Duft von wildem Salbei liegt in der Luft, als das Dorf Veneguera fast erreicht ist. Überall dort, wo in dieser Trockenzone Wasser in der Nähe ist, wird es schnell üppig grün: Palmen, Agaven, Chinaschilf, Bananen und immer wieder die hier Tunos genannten, knackig-roten Kaktusfeigen begleiten die Wanderer entlang des Trampelpfades, der westlich von Veneguera leicht ansteigt. Je trockener die Landschaft dort wird, desto mehr treten aber wieder Kandelaber- und andere Wolfsmilchgewächse in den Vordergrund, die an ihre Umwelt keine allzu großen Ansprüche stellen.
Es ist still zwischen den Hügeln, es sind auch kaum Tiere da, die Laute von sich geben. Der Blick reicht etwas hinein ins schmale Tal von Veneguera. Auch hier sollte an der Küste eine große Ferienanlage entstehen, "doch das haben Umweltschützer verhindert", sagt Monika. Der Massentourismus mag den Südwesten Gran Canarias weiter erobern - Wachstum um jeden Preis ist aber zumindest hier nicht mehr gewollt.
Christian Röwekamp, gms
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