Von Michael Schophaus
3. Tag, 45 km
Dieser Sven! Macht nichts, meckert nur rum und schnarcht, dass die Hütte wackelt. He, lang mir das Müsli rüber, brummt er. Ich schaue aus dem Fenster, der Blick nach draußen stimmt mich wieder milde. Blauer Himmel und höchstens 25 Grad minus. Wir stecken die freudig erregten Hunde ins Geschirr und fahren weiter. Auf dem Eis der Seen schleicht uns die Kälte in die Knochen, im Sommer soll es hier sehr schwül sein, man kann nirgendwohin vor den Mücken fliehen. Die Fenster sind dann hier ebenso geschlossen wie im Winter.
Mittags essen wir in Nirrojärvi Gemüsereis mit Stäbchen, die wir aus Ästen schnitzen, die hübschen Berge um uns herum sehen aus wie aufgehäufter Puderzucker. Die Wege werden immer enger, manchmal stoßen wir uns die Köpfe in den dichten Wäldern. Abends darf Fuchur in den Raum neben der Sauna, kaum ist er von der Kette, benimmt er sich wie unser Familienhund. Liegt auf dem Teppich und schaut gierig zum Tisch, eigentlich fehlt nur noch der Fernseher. Catherine kocht das finnische Nationalgericht Poronkäristys, man drückt sich ein Loch in das Püree, schaufelt geschnetzeltes Rentierfleisch mit Preiselbeeren drüber und legt Salatgurken an den Rand: ungeheuer lecker.
4. Tag, 42 km
Leichter Schneefall, wir gleiten durch eine Lichtung, dann schlagen uns abermals Zweige ins Gesicht. An einem steilen Anstieg helfe ich den Hunden schieben, nicht zu viel, ruft Catherine, sonst haben sie keine Lust mehr! In diesem grellen Weiß verliert man fast jegliches Zeitgefühl, aber kann es auf einer Reise Schöneres geben?
Die Hunde hören wieder nicht auf mich, sie mögen am liebsten den hellen finnischen Singsang, da habe ich keine Chance. Vor allem Hetfielt macht, was er will, die wuschlige Mischung aus Rentierhund und Husky läuft mürrisch an der Leine. Er ist stur, bellt wenig und schaut selten auf, wenn man mit ihm spricht. Trotzdem muss man ihn einfach gern haben.
Nach einem langen, kalten Tag erreichen wir völlig erschöpft unseren nächsten Schlafplatz. Erst werden die Hunde gefüttert, dann die Schweizer. Es gibt Felchen mit Kartoffeln und zum Nachtisch Leipäjuusto, einen Brotkäse, der in einer süßen Sahnesoße schwimmt und in den Kaffee getunkt wird. Sven wäscht wieder nicht ab, nach der Küchenarbeit blättere ich bei Kerzenschein im Hüttenbuch herum. Annette schreibt: Als Thomas nackt aus der Sauna kommt, fangen die Hunde an zu bellen.
5. Tag, 42 km
Um sieben geht der Wecker, aber es dauert, bis wir uns aus den Schlafsäcken schälen. Es sind nur noch acht Grad minus draußen, ich pelle mich aus meiner Fellmütze und sehe endlich das ganze Land. Scooby-Doo macht sich einen großen Spaß daraus, sich im Liegen anschirren zu lassen, Hetfielt blickt gelangweilt auf: Bleib ruhig, Deutscher, heute ist Freitag. Hat er etwa gegrinst?
Es schneit, nicht von oben, sondern von vorn, wie immer von vorn. Ich helfe heimlich bei den Steigungen, ist ja der letzte Tag. Als wir am Nachmittag über die Straße brettern, wissen die Hunde: Es geht nach Hause. Sogar Hetfielt bellt, eine Stunde später sind wir im Camp, über 400 Hunde grüßen mit ohrenbetäubendem Lärm.
Manchmal schleichen sich nachts Touristen an und zerren die Hunde aus dem Zwinger, um ein letztes Foto fürs Familienalbum zu machen. Am Nachmittag sitzt Sven mit einer Büchse Bier in der Sauna. I did it! Er hat was zu erzählen, er war hinterm Polarkreis und nicht im Liegestuhl auf Gran Canaria.
Ein paar Tage danach, zurück zu Hause, gehe ich mit unserem Hund Gassi. Er sieht traurig aus. Es ist früher Abend und drei Grad plus. Der Himmel ist klar, oben funkelt der Nordstern. Ich schließe die Augen. Hat da nicht Hetfielt gebellt?
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