Langesund - Nach einer Weile verschmelzen die Töne zu einer einzigen Sinfonie: das Rauschen der Bugwelle, das Schwappen an der Bordwand, das sonore Tuckern des Schiffsdiesels und das Zetern der Möwen, die den Flaggenmast umkreisen. "Taxi" nennt sich das hier an der norwegischen Südküste, genauer: "Taxiboot". Es schippert einen hinein in die Welt der Inseln. Kleine Felsen ragen aus einem in der Sonne funkelnden Teppich aus kräuselndem Wellenschlag - winzige Eilande, die saftiges Grün tragen und Schatten spendende Kiefern. In Weiß, Rot und Gelb gestrichene Ferienhäuschen lugen zwischen den Birkenhainen und Fliederbüschen hervor, in den sandigen Ausläufern felsiger Buchten baden Kinder. Auch ihr Lachen und Platschen mischt sich in das Lied dieser Riviera - der "Riviera des Nordens".
Beinahe lautlos gleitet das Kanu über den See. Es liegt eine nahezu unheimliche Stille über dem Wald. Nur das gelegentliche Eintauchen der Paddel ist zu hören und das leise Gurgeln, mit dem der flache Rumpf eine feine Spur in die spiegelglatte Oberfläche zieht.
Das Wasser bleibt geheimnisvoll dunkel, trotz eines blauen Himmels, über den nur vereinzelt weiße Wattebäuschchen im Wind dahinziehen. In der Ferne quakt eine Wildente aus dem Schilf, und im dichten Unterholz des Ufersaums knackt es leise. Ist das ein Elch, den es zur Tränke zieht? Nein, mit einem weithin schallenden Klatschen lässt sich ein Biber in die Fluten fallen, taucht ab und wieder auf. Nur der Kopf ist zu sehen, der neugierig im Kielwasser dem Kanu folgt.
Naturgenuss statt Familienstreit
Das "Taxiboot" und das Kanu, die Geräuschsymphonie und die Stille - sie sind zwei Seiten einer Urlaubslandschaft, die dazu angetan ist, Familienstreitigkeiten zu beenden. Denn wenn die einen zum Faulenzen lieber in den warmen Süden möchten, die anderen aber Natur pur im hohen Norden suchen, ist der "Süden des Nordens" oft ein guter Kompromiss. An den norwegischen Gestaden des Skagerrak liegt eine Ferienwelt für Wasserratten und Trapper, für Gesellige und Eremiten, für Biergartenfans und Kulturbeflissene, kurz: für die ganze Familie.
Hier lässt es sich baden, surfen und tauchen, wandern, paddeln und radeln. Sogar Partygänger kommen hier auf ihre Kosten.
"Riviera Norwegens" nennen die Einheimischen jenen 200 Kilometer langen Saum, der sich von Sandefjord im Osten bis Kristiansand im Westen am Meer entlangzieht. Das ist natürlich etwas übertrieben.
Andererseits hat die Natur es in der Tat gut gemeint mit dem "Sørlandet", dem Südland. Geschützt zwischen den Höhenzügen nach Schweden hin und der schroffen Gebirgskette der Westküste liegend, bleiben die Sommer hier meist trocken. Die Temperaturen klettern bis auf 27 oder 28 Grad Celsius, und dank des schützenden Schärengürtels erwärmt sich zumindest das Wasser der Lagunen auf 22 bis 23 Grad.
Städteflair und Abgeschiedenheit
Was diese "Riviera" jedoch viel mehr von dem mediterranen Original unterscheidet, ist die Existenz zweier Welten, die so dicht beieinander liegen und doch vollkommen losgelöst voneinander scheinen. Mitunter sind es nur 10, 20 oder 30 Autominuten, die das umtriebige Leben der Küstenstädtchen von der Einsamkeit der Wälder trennen. Soeben saß der Besucher noch im Biergarten eines Hafens, hat bei einem Eis das Kommen und Gehen der Segelyachten, Fischkutter und Motorboote bestaunt sowie das bunte Durcheinander der Auslagen in den engen Gassen mit ihren weiß gestrichenen Holzhäusern genossen. Und schon kurz darauf kauert er am Lagerfeuer, am Ufer eines Waldsees, inmitten unberührter Natur. Er hält seine Angel hinaus und wartet darauf, dass die Mahlzeit für den Abend bald anbeißen möge.
Wer diese Welt erkunden will, verlässt die Europastraße E 18, die sich wie ein roter Faden durch die Landschaft zieht, aber kaum mehr als flüchtige Einblicke gewährt. Er folgt lieber den verschlungenen, schmalen Straßen längs der Küste und ins Hinterland. Und er steigt gelegentlich vom Auto in ein schwimmendes Gefährt um, denn das Südland lässt sich am besten vom Wasser aus erleben. Bootstouren in den felsigen Inselgarten der Küstengewässer gibt es von allen Orten aus, und Kanus zur Erforschung der Geheimnisse im Landesinneren können Urlauber bei vielen Touristeninformationen leihen.
Wie Perlen an einer Schnur reihen sich die Küstenorte aneinander. Aus der Ferne schimmern sie wie weiße Farbkleckse im Grau der Felsen und im Grün der Vegetation, davor das ewige Blau der weiten See. Aus der Nähe setzen blühende Gärten und überbordende Blumenkübel bunte Tupfer zwischen die hellen Fassaden, altmodischen Sprossenfenster und verspielten Erker. In den Gassen schwebt eine Geruchsmelange aus frisch gestrichenem Holz, lieblichem Blütenduft und der salzigen Brise vom Meer. Wenn dann aus einem geöffneten Küchenfenster noch die Kunde von frisch gebackenen Waffeln strömt, der Lieblingsspeise der Leute des Nordens, dann erliegt der Tourist endgültig der Sehnsucht nach einer "guten, alten Zeit": Er möchte anklopfen und hören, ob Oma nicht eine dieser Köstlichkeiten für den Fremden übrig hat.
Der Reigen der Küstenorte beginnt im Osten mit der einstigen Walfänger-Metropole Sandefjord und der Hafenstadt Larvik. Es folgen Brevik und Langesund mit seinen Fisch-, Shanty- und Musikfestivals.
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