Von Monika Czernin
"Imperiales Wien". Kein Schlagwort verkauft Österreichs Hauptstadt derzeit besser, keine Chiffre klingt treffender, kein Wienprogramm kommt ohne die neue Liebelei mit dem alten Habsburger Imperium aus. Wie keine andere Metropole spielt die alte Kaiserresidenz die Rolle der Hauptstadt der Sehnsucht nach vergangener Größe und gibt sich dennoch ganz modern, kultig und von barocker Sinnesfreude.
Sind Sie endlich in der Innenstadt angekommen, meiden Sie die Kärntner Straße – sie ist heruntergekommen zu einer Allerwelts-H&M-Mango-Zara-Einkaufsmeile, wie wir sie aus allen europäischen Städten kennen. Schlendern Sie lieber durch die engen Seitenstraßen des ersten Bezirks, die hier Namen wie Himmelpfort-, Schönlatern-, Dom-, Blut- und Essiggasse tragen. Barocke Fassaden, Kopfsteinpflaster und Innenhöfe, in denen die Zeit stehen geblieben scheint, prägen das Bild innerhalb der ehemaligen Stadtmauer, die Mitte des 19. Jahrhunderts der Ringstraße weichen musste.
Auch die verschlungensten Wege werden Sie irgendwann zum Stephansdom führen, diesem Wahrzeichen Wiens und Hoffnungsanker der Wiener in Krisenzeiten. Aus dicker Erdenschwere verjüngt sich der Südturm, einer der höchsten Kirchtürme der Welt, in den Himmel, während der Nordturm unvollendet geblieben ist – ein Stummel mit Kuppel, dessen Inneres die Pummerin, die dunkel tönende Riesenglocke Wiens, beherbergt.
Verloren in der imperialen Vergangenheit
Lassen Sie sich – am besten frühmorgens, bevor die Touristenströme die Kirche stürmen – von der Finsternis dieses Doms hineinziehen in die vielen Vergangenheitsschichten der Stadt. Nur schemenhaft, Traumgespinsten gleich, blitzen die Kunstschätze im spärlich durch die Seitenschiffe einfallenden Licht auf. Sie ahnen, dass Sie sich in Wiens imperialer Vergangenheit verlieren könnten, wie die Wiener, die von ihr nicht loskommen, selbst wenn sie die alten, ins Kaiserreich zurückreichenden Wurzeln manchmal gern – was bei der erdrückenden Fülle verständlich ist – ignorieren und diese ganzen Geschichten, besonders die unrühmlichen Kapitel natürlich, in die Kapuzinergruft stopfen würden.
Nur das Fin-de-Siècle-Wien – womit eine ganz bestimmte Wahrnehmung der Wiener Welt um 1900 gemeint ist – nur dieses Schlagwort hat im neuen Jahrtausend an Strahlkraft eingebüßt, wurde vom imperialen Wien aufgesogen, wobei das eine im andern enthalten ist wie die neue Hofburg in der alten, die Kaisermetropole des 19. Jahrhunderts in der Residenzstadt des Barock. Also bloß eine kleine Verschiebung in der historischen Wahrnehmung? Keineswegs! An einem Ort, an dem die Menschen ihre Seelen so gerne und gekonnt im Glanz ihrer Stadt – oder auch in deren Grau – spiegeln, kommt eine Veränderung im Tonfall, ja in der Tonart, einem kleinen Erdbeben gleich.
Lebenslustiges Dur
Wien spielt nicht mehr süße, melancholische Endzeitweisen, sondern trällert beschwingt im lebenslustigen Dur. Auch Sie werden die neue Stimmung bemerken, wenn Sie durch den Graben und Kohlmarkt zur Hofburg und weiter zum Ring wandern. Wien glitzert und glänzt wie seit der Gründerzeit nicht mehr, als die Stadt mit schließlich zwei Millionen Einwohnern (heute zählt sie 1,6 Millionen) in Europa gleich nach London und Paris kam. Der Bund lässt sich allein die Erhaltung der ehemaligen kaiserlichen Gebäude und Denkmäler denn auch 45 Millionen Euro im Jahr kosten.
Imperiales Wien! Das Thema ist ausufernd. Es droht ein exzessiver Rundgang zu allen kunsthistorischen Superlativen, nur minutenlang unterbrochen durch die Verlockungen des Wiener Kaffeehauses und die viel gepriesene, längst aus dem Dornröschenschlaf erwachte Wiener Küche, deren imperiale Vorgeschichte Sie durch einen Blick in die Hofsilber- und Tafelkammer erahnen können. Sie erreichen sie direkt durch das Michaelertor der Hofburg.
Dort vermeint man die Hofsilberputzer und Hofsilberwäscherinnen mit Körben voller schmutziger Gabeln, Messer und Tafelaufsätze aus den Prunksälen der Hofburg herbeiströmen zu sehen und erlauschen zu können, wie sie sich bei ihrer Arbeit den Mund über die soeben beendete Hoftafel zerreißen. Die erlauchten Herrschaften übersiedelten anschließend meist ins Hotel Sacher hinter der Oper, um sich dort satt zu essen. Die Mahlzeiten bei Kaiser Franz Joseph waren stets kärglicher Natur. Auch das Sacher, diese Ikone eines Grandhotels, erstrahlt aufgestockt im neuen Glanz, vor dem um die letzte Jahrhunderwende der Ringstraßenkorso, jenes vergnügliche Flanieren der besseren Gesellschaft zur Mittagszeit, stattfand.
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