Von Sandra Schulz
Es scheint, als sei die Insel vor Bösem geschützt. Die Haustüren auf Givær sind unverschlossen. Die Kriminalitätsrate: ein Diebstahl in 20 Jahren. Neulich hat sich Bodils Bruder ein Quad gekauft, mit Scheinwerfern wie Raubtieraugen. Seitdem läuft er nicht mehr. Er fährt. Er fährt vom weißen Haus zum Bootsanleger. Zu Fuß würde er vier Minuten brauchen, aber mit dem Quad macht es mehr Spaß. Ein Aufkleber am Heck warnt: "Unsachgemäßer Gebrauch kann zu schweren Verletzungen führen oder zum Tod." Givær aber entschleunigt selbst schwere Maschinen. Höchstgeschwindigkeit: nicht schneller als ein Traktor. Im Notfall braucht der Helikopter nur zwölf Minuten von Bodø nach Givær. "Wir fühlen uns sicher hier", sagt Bodil. Die Sorge ist vielmehr, ob der Hubschrauber nicht auf den Kartoffeln landet. Denn er kann nur aufsetzen, wo es flach ist, direkt hinter dem Acker, und für die Kartoffeln haben sie doch eigens Erde nach Givær verschifft.
Es gibt immer etwas zu tun auf Givær, Möweneiersuchen, Kälbergeburtshilfe, und alles hat seine Zeit. Ende Januar brechen die Männer der Sivertsens mit ihren Booten auf, um Dorsch zu fangen bei den Lofoten. Bis Anfang April bleiben sie fort, und wenn Olaugs Mann gerade auf dem Schiff des Küstenschutzes arbeitet, sind es nur Frauen, die auf der Insel die Stellung halten, gemeinsam mit Olaugs 76-jährigem Vater. Im Frühjahr betten die Menschen die Eiderenten, bereiten ihnen mit getrocknetem Seetang ein Nest, damit sie im Winter selbst Bettdecken stopfen können aus gesammeltem Flaum. Denn die Leute von Givær schlafen wie die Könige.
Eine Doppelbettdecke von Eiderentendaunen hat den Wert von knapp 5000 Euro. Solch eine kaufte sich Seine Majestät König Harald V. Zu ihrer Konfirmation bekam Sissel eine kleine Daunendecke geschenkt, zu ihrer Hochzeit eine große. Eigentlich hatte sie nicht damit gerechnet, denn Bodils Vermählung, gefeiert mit einem Federbett, lag erst zwei Jahre zurück, und die Mutter braucht nun einmal fünf Jahre, bis sie genügend Daunen gesammelt hat für eine Decke. Schließlich muss sie sich die Flaumausbeute mit den anderen Sivertsens teilen, und von ihren sieben bis zehn Kilo Seetang, gemischt mit Daunen, bleiben nach der Reinigung nur 400 Gramm übrig. Sissels Mutter aber bat ihre Cousinen um Unterstützung, so dass sie jetzt bei den Nachbarn auf Jahre hinaus Eiderentendaunenschulden hat.
Lämmer leben nur einen Sommer
Meist brüten die Vögel nur auf unbewohnten Inseln, doch auf Givær vertragen sich nicht nur Ente und Mensch, auch Schaf und Mensch leben eng zusammen. Rosaohrige Lämmer nuckeln an Limonadenflaschen, "Märchen-Brause" war früher darin, heute ist sie gefüllt mit Kuhmilch. Viermal am Tag geben die Frauen ihren Lämmern die Flasche. Die Schafe sind überall, sie erklimmen jede Stufe, und manchmal spazieren sie durch die Tür in die Küche und in die Stube und blöken. Dieses Frühjahr lagerte ein neugeborenes Lamm sogar im Badezimmer, direkt vor der Dusche, auf Handtüchern und Stroh. Denn es fror erbärmlich, und im Bad gibt es Fußbodenheizung, hatte sich Sissels Mutter überlegt.
Und wenn die Tiere später auf den einsamen Nachbarinseln grasen, hebt Olaug alle drei Tage das Fernrohr zum Schäfchenzählen. Sie habe übrigens festgestellt, sagt Olaug, dass sich bei den Schafen Mutter und Tochter oft ähnlich sehen. Im Gesicht, sagt sie. Die Lämmer leben nur einen Sommer. Dann werden sie von den Menschen auf Givær gegessen, und das Fell der Wuscheligen liegt später auf dem Schaukelstuhl.
Schlachten ist Männersache, genauso wie Fahnenhissen. Geflaggt wird, wenn die Nation sich selbst, aber auch, wenn Givær seine Zukunft feiert. Als Olaug hochschwanger aufs Festland fuhr und Tage später rot-weiß-blaues Tuch über der Insel flatterte, wussten alle: Ein Kind ist geboren. Die Hoffnung von Givær heißt Vegar und Johanne, ein und zwei Jahre alt. Noch lebt Olaugs Familie im Schulhaus, in der ehemaligen Wohnung des Lehrers, und die Klassenzimmer werden an Gäste vermietet. Doch vielleicht gibt es irgendwann wieder viele Kinder auf Givær, vielleicht zieht Sissel auf die Insel, einen Bauplatz für ihr geträumtes Haus hat sie schon. Vielleicht kehrt auch Bodil samt Mann und Sohn zurück, sie ist – wie praktisch – Lehrerin. Dann könnten die Jungen öfter abends zusammensitzen, so wie sie es jetzt tun in den Ferien. "Willst du zu mir kommen?", simst Olaug an Sissel, quer über die Wiese, und dann gucken sie zu zweit "Desperate Housewives".
Geld braucht mal nicht so viel, Zeit gibt es genug
Sind sie glücklich auf Givær? "Ja", sagt die Mutter von Bodil und Sissel. "Ich habe alles, was ich brauche. Ich habe meine Kinder. Ich habe mein Haus. Ich gehe zu den Kühen. Ich mache Butter." "Ja", sagt ihre Cousine, die ihr Leben lang in dem Haus auf Givær wohnte, in dem sie geboren wurde, mit dem Porzellanengel auf dem Fernseher und dem Leitsatz auf dem Kühlschrank: Sorgen sind eine Bürde, die Gott nie wollte, dass wir sie tragen. "Ich wurde gebraucht", sagt die Cousine, "und ich gehöre dazu, zu der Gemeinschaft auf Givær." "Ja", sagt Olaug. "Hier gibt es viele Herausforderungen für mich: Habe ich das richtige Kalb gekauft?"
"Ja", sagt Bodil. "Ich mag die Ruhe, den Frieden, die Tiere, das Meer."
"Ja", sagt Sissel. "Ich mag die Vorfreude auf alles, was wiederkommt."
Nein, sagt Olaug, keinesfalls sei sie mit allen auf Givær einer Meinung, keinesfalls würde sie denen alles von sich erzählen, keinesfalls seien das alles ihre Freunde. Aber man respektiere den Standpunkt des anderen, und eine gute Nachbarin, das sei sie schon. "Wir müssen einander helfen. Wir müssen einander wiedersehen. Wir müssen Lösungen finden", sagt Olaug. "Wir sind keine besseren Menschen hier." Oder vielleicht doch?
Die älteste Bewohnerin von Givær wünschte sich zu ihrem 90. Geburtstag nur Geld. Über 1000 Euro bekam sie geschenkt, und die schenkte sie gleich weiter an ein Kinderheim in Aserbaidschan. Sissels Eltern nahmen drei Pflegekinder auf, zwei Wochen sollten sie bleiben, Jahre blieben sie. Und als die Kinder groß genug waren, fuhr Sissels Mutter regelmäßig nach Bodø zum ehrenamtlichen Nachtdienst in der Telefonseelsorge. Noch heute besucht sie eine alte Dame in Bodø, einfach so.
Und was das Spenden angeht: Erst kauft sie Wolle, dann strickt sie wochenlang, dann stiftet sie alles der Auktion auf dem Sommerfest, dann ersteigert sie ihre eigenen Decken für einen horrenden Preis, damit die Spendenkasse sich füllt. Geld brauche man nicht so viel, hier draußen auf Givær, sagt Sissels Mutter, und Zeit habe man genug. Beides könne man doch anderen geben. Die Menschen von Givær sind nicht nur glücklich. Sie wollen ihr Glück teilen. So viel Glück – es ist fast ein bisschen unheimlich.
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