Mittwoch, 10. Februar 2010

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26.09.2007
 

Mountainbiken in Südtirol

Höhenflug um Wolkenstein

Von Birgit Obermeier

Eindrucksvoll umrahmen die Dolomiten das Südtiroler Grödnertal. Einsam ist es auf den Wegen selten, es sei denn, man sattelt das Mountainbike. Wer ein wenig Kondition mitbringt, wird mit traumhaften Trails jenseits der 2000er-Höhenlinie belohnt.

Die Sellatürme im Rücken und die zackigen Spitzen des Langkofel im Blick: Um vom Fleck weg eine imposante Bergkulisse zu genießen, muss man sein Mountainbike nur in genügend hohen Regionen besteigen. So gesehen ist Wolkenstein, auf 1563 Metern höchster Ort des Südtiroler Grödnertals, ein perfekter Ausgangspunkt – sowohl für genussvolle Streifzüge zu den zahlreichen umliegenden Almhütten als auch für stramme Touren in die luftigen Höhen der Dolomiten.

Einer der wohl eindrucksvollsten Trails führt auf die Seiser Alm, mit einer Fläche von 57 Quadratkilometern Europas größte Hochalm. Die Route startet auf einem lauschigen Waldpfad hinauf zum Monte Pana, dem Hausberg des Nachbarorts St. Christina, und weiter bergan auf die Alm. Beim gemächlichen Strampeln bleibt Muße für genüssliche Blicke – auf den schlanken Langkofel (3181 Meter), seinen etwas gedrungen wirkenden kleinen Bruder, den Plattkofel (2969 Meter), sowie auf die Kühe auf sattgrünen Weiden. Dazwischen liegen vereinzelt Gasthütten.

Der anschließende kernige Hauptanstieg führt in die Abgeschiedenheit der 2000er-Regionen. Doch selbst bei Steigungen weit jenseits der Zehnprozentmarke will das Hochgefühl nicht weichen. Begeisterten eben noch die Gipfel der schroffen Rosszähne, so ist es kurz darauf der aus neuer Perspektive gar nicht mehr stiefbrüderliche Plattkofel mit seinem ausladenden, schneebestäubten Rücken. Sein Anblick gibt einen Kraftschub für die Beine auf den letzten Serpentinen hinauf zum Mahlknechtjoch.

Traumtour auf dem Höhenweg "Auf der Schneid"

Aus einer schönen Mountainbike-Route wird hier eine echte Traumtour. Dafür sorgt der Höhenweg "Auf der Schneid", der auf über 2200 Metern knapp fünf Kilometer weit bis zum Fuße des Plattkofel führt. Grasbewachsene Hänge, so weit das Auge reicht, und tief unten liegt das schmale, weitgehend unbebaute Duron-Tal. Die wenigen Wanderer auf dem Weg lassen sich bereitwillig überholen, nur selten muss man das Rad über größere Steinbrocken heben. Fahrtechnische Experimente verkneift man sich auf derart ausgesetzten Wegen besser.

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Auf der Plattkofelhütte am Ende des Trails herrscht Volkfeststimmung, wie man sie sommers nur in den italienischen Alpen erleben kann. Alle Handys sind auf Empfang, Bekannte werden über mehrere Tischreihen hinweg lautstark gegrüßt, zur Pasta fließt Vino. Mit gut gelaunten Ausflüglern muss auch rechnen, wer von der Hütte nicht direkt ins Tal abfährt, sondern die klassische Umrundung des Platt- und Langkofel auf einem weiteren, ebenfalls sehr eindrucksvollen Höhenweg anschließt.

Zugegeben: Es gibt beschaulichere Täler als das Grödnertal. Die drei herausgeputzten Hauptorte St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein verbuchen bei insgesamt gut 10.000 Einwohnern über zwei Millionen Übernachtungen pro Jahr. Ihre traditionelle Sprache – das Ladinische – haben sich die Grödner dennoch bewahrt, sämtliche Ortschilder und Wegweiser sind dreisprachig gehalten. Wie nahezu überall in den Dolomiten ist die Bergwelt auch hier bestens erschlossen. Bereits seit den 1970er Jahren können Wintersportler in einem lückenlosen Wechsel von Skiliften und mäßig anspruchsvollen Abfahrten um das wuchtige Sellamassiv herum fahren.

"Sella Ronda" mit Rad statt Skiern

Auf zwei Rädern braucht man für die berühmte "Sella Ronda" schon etwas mehr Kondition. Rennradfahrer kurbeln dazu auf Asphalt die vier Pässe – Grödnerjoch, Campolongo-Pass, Pordoijoch und Sellajoch – hoch. Einmal im Jahr können sie die durch den Giro d’Italia bekannten Serpentinen abgasfrei genießen: beim Volksradltag im Juli, an dem die Veranstalter in diesem Jahr 11.000 Teilnehmer zählten. Mit Stollenreifen lässt sich der Sellastock jederzeit abseits der Blechkarawane umrunden – auf Schotterwegen, Saumpfaden und zwischendurch auch mal schiebend. Für die Offroad-Runde mit ihren insgesamt rund 60 Kilometern und 3000 Höhenmetern sollte man zwei Tage einplanen.

"Forza, forza", feuern einige Wanderer die Fahrer auf dem garstigen Schotterstück hinauf nach Pralongia an. Das Hochplateau oberhalb von Corvara belohnt dann aber mit einem sagenhaften 360-Grad-Panorama über sanft geschwungene Wiesen auf die schroffen Massive Sella, Puez, Kreuzkofel und Fanes. Ein würdiges Etappenziel. In der Hütte treffen die Erwartungen des gemeinen germanischen Bergsportlers wieder auf Alpinismus al italiano: Ein gut gekleideter Kellner bittet zum Abendessen höflichst ins Separée der Hütte, wo bereits sorgsam gefönte Gäste an festlich gedeckten Tischen sitzen und an ihrem Apéritif nippen. Statt deftigem Bergsteigeressen wird ein feines Fünf-Gänge-Menü mit Weinsüppchen, Schlutzkrapfen und Scaloppine serviert. La dolce vita, 2157 Meter über Normalnull. Eine Seilbahn macht's möglich – für alle.

Der Höhepunkt der Offroad-Sella-Ronda wartet am zweiten Tag: der Bindelweg. Der uralte Steig, auf dem einst Getreide und Mehl ins Fassatal befördert wurde, schlängelt sich knapp unter dem Grat über mehrere Kilometer bis oberhalb des Pordoijochs. Bei schönem Wetter kann es auch hier mal eng werden, schließlich schätzen auch Wanderer die berauschende Aussicht auf das ewige Eis der gegenüberliegenden Marmolada. Dass man die Dolomiten und ihre Königin selbst auf dem Mountainbike nicht immer allein genießen kann, damit muss man sich abfinden.

MOUNTAINBIKEN IM GRÖDNERTAL

Mit dem Auto über die A8 Richtung Salzburg, am Inntal-Dreieck auf A93 Richtung Innsbruck/Kufstein, weiter auf der Brennerautobahn (A22) bis zur Ausfahrt Klausen/Gröden. Dann auf der SS 242 über St. Ulrich und St. Christina bis nach Wolkenstein.

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