Von Martin Cyris
"Indietro! Indietrooo! In-di-e-trooo!" Was uns der schreiende Herr mit den geschwollenen Halsschlagadern auf Italienisch sagen möchte: Fahrräder sind in den Zügen von Trenitalia im hintersten Waggon zu verstauen. Weil diese Tatsache bis vor kurzem nicht zu unserer Allgemeinbildung gehörte, und wir arglos in der Mitte des Zuges nach Meran einsteigen wollten, brennen bei dem temperamentvollen Schaffner fast die Signale durch. Mamma mia.
Doch man darf sich nicht täuschen lassen, die nördlichste italienische Region ist Radlern freundlich gesonnen. Biketouristen sind nach Wanderern und Weinfans eine weitere willkommene Zielgruppe der Tourismusmanager. Schon lange für sich entdeckt haben sportlich ambitionierte Pedaleure, etwa Mountainbiker und Rennradfahrer, die Bergpfade und Serpentinen zwischen Alpenhauptkamm und dem Gardasee. Doch seit einiger Zeit bastelt die Region auch an einem geschlossenen Radwegenetz in den Südtiroler Tälern. Familien und Freizeitradler sollen bequem an Etsch oder Eisack entlangrollen können. Vorbei an alten Weingütern und Apfelgärten, Burgen und Schlössern, warmen Seen und kühlen Weinkellern und fernab von Autos und Abgasen.
Nur noch wenige Teile fehlen im Radwegnetz. Eine der letzten Lücken wartet gleich nach der Ankunft im Bahnhof von Meran. Die zweitgrößte Stadt Südtirols hat den Ausbau eines vom Autoverkehr unabhängigen Radwegnetzes noch vor sich. Ein paar Kilometer Asphalt müssen wir uns deshalb mit Fiat, Vespa & Co. teilen. Immerhin: Der direkteste Weg Richtung Süden, nach Bozen und weiter bis zu unserem Tagesziel, dem Kalterer See, ist radlergerecht ausgeschildert.
Auf den Apfelradweg nach Bozen
In wenigen Minuten ist die Stadtgrenze erreicht, die Straßen sind flankiert von den für die milde Kurstadt so typischen Blumenrabatten und den mediterran anmutenden Parks. Nachdem die eintönig gestalteten Mehrfamilienhäuser der Vorstadt hinter uns liegen, ist der Blick auf das traumhafte Panorama des Etschtals frei. Der sogenannte Apfelradweg, der bis in den Großraum Bozen führt, liegt als erste Etappe vor uns. Das flache Gelände ist genau das Richtige, um die Waden auf Betriebstemperatur zu strampeln. Drei Kilometer lang geht es auf Straßenasphalt nach Sinich. Noch in diesem Jahr, voraussichtlich im November, soll hier eines der letzten Puzzlestücke in Südtirols Radwegnetz eingeweiht werden – der Abschnitt nach Burgstall. Bis es so weit ist, müssen Fahrradfahrer noch mit der Autostraße vorlieb nehmen.
Ab Burgstall sind die Radler unter sich. Man kann sich kaum verfahren, Gangschaltung und Gemüt können im gleichmäßigen Rhythmus entspannen. Keine Abgase, keine Ablenkung und fürs Erste kein Alkohol: Statt Bier- gibt es Obstgärten und natürlich reichlich Alpenschau: Das Massiv des Mendelkamms zur Rechten begleitet die Biker kilometerlang.
Einheimische Radler sind auf der Strecke schon eifrig zugange. Touristen dagegen zieren sich noch. Das Wanderparadies Südtirol muss sich als Radlerparadies erst noch profilieren. Eine deutsche Familie aus dem Allgäu hat sich ans Ufer der rauschenden Etsch gesetzt und rastet im Schatten einer Kastanie. Die Kinder mümmeln an Äpfeln. "Die haben wir natürlich gekauft", sagt der Vater vorsorglich, um nicht als Apfeldieb verdächtigt zu werden. "Nur gucken, nicht anfassen", krächzt einer der Steppke. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.
Bei Sigmundskron, das direkt an Bozen grenzt, mündet der Apfelradweg in den Überetscher Radweg. Das Überetsch, ein weitläufiges Hochplateau, baut sich sanft vor uns auf. Ehrfürchtig schauen wir hoch auf Schloss Sigmundskron. Die pittoreske Anlage wurde vor allem als Bergmuseum, das Bergsteigerikone Reinhold Messner einrichten ließ, bekannt. Auch der Tunnel, durch den wir jetzt fahren, blickt auf eine interessante Geschichte zurück: Er diente als Verkehrsbauwerk für die Überetscher Bahn. Auf der stillgelegten Trasse wurde bis 1971 Trauben und Wein transportiert. Allein Eppan an der Weinstraße, die bekannte Großgemeinde von Überetsch, zählt 25 Kellereien.
Für Radwege war kein Platz in Südtirol
Da Südtirol einst beim Wein auf Massenproduktion setzte, war die Überetscher Bahn sinnvoll. Doch seit die meisten Winzer auf geringeren Ertrag und dafür auf Qualität setzen, hat der Zug, den die Einheimischen das Lepsbahnl nannten, seinen Nutzen eingebüßt. Wäre das nicht passiert, gäbe es im Überetsch – zwischen Bozen und Kalterer See – wohl bis heute keinen ausgebauten, vom Autoverkehr unabhängigen Radweg. Wohlgemerkt in einem Gebiet, in dem der Tourismus eine bedeutende Rolle spielt. Lange hat man sich hier eben auf Wanderer und gut situierte Weintrinker konzentriert.
"Nur sieben Prozent von Südtirol können als Fläche genutzt werden", erklärt Alexander Hamberger, Tourismusdirektor von Eppan, "darunter fallen auch sämtliche Agrarflächen, Straßen, Wohn- und Industriegebiete." Für ein Freizeitvergnügen wie Radeln auf separaten Radwegen war deshalb in der Topographie jahrzehntelang schlicht und ergreifend kein Platz. Doch nun soll eine "Qualitätsoffensive", so Hamberger, verstärkt Radler anlocken. Dazu gehören auch Rastplätze, Kioske sowie Servicestellen für die Fahrradreparatur. Sie werden in nächster Zeit peu à peu eingerichtet.
Das Wohl der Radler liegt Ulrike und Christof Bologna schon lange am Herzen. Die Bolognas sind Betreiber des Hotels Sigmundskron und Mitbegründer der "Bikehotels Südtirol". Ihr Haus liegt in Frangart, in unmittelbarer Nähe des Schlosses und damit des Radwegs. In seiner kleinen Werkstatt hilft Christof Bologna auch mal beim Reifenflicken oder gibt technische Tipps. Außerdem hält das Paar – selbst passionierte Radler – Kartenmaterial und Tourenvorschläge bereit. Das Hotel ist deshalb eine beliebte Anlaufstelle für Biker. Manche kommen sogar mit mehreren Velos, um für jedes Terrain gerüstet zu sein. "In diesem Frühjahr hatten wir fast mehr Fahrräder als Gäste im Haus", scherzt Christof Bologna. Saison ist bei ihm bis weit in den November hinein. Das submediterrane Klima macht’s möglich.
Goldmuskateller oder Gelbes Trikot?
Durch stille, hügelige Rebgärten geht es auf dem Überetscher Radweg weiter über St. Michael, dem Hauptort Eppans, bis zum Kalterer See. Wer Lust hat, umrundet mal eben das Gewässer, das durch den Vernatsch-Wein berühmt geworden ist. Für die Waden ist das Gelände relativ anspruchslos, aber der ständige Blick auf das silbrige Wasser reizvoll. Im Süden des Kalterer Sees führt ein Weg mitten durch ein Naturschutzgebiet. Am Westufer warten hübsche Badestellen, zum Beispiel in Gretl am See.
Wir entschließen uns, noch etwas Schweiß zu vergießen und die weniger bekannten Montiggler Seen auf dem Überetsch als Badewanne zu nutzen. Die kurze aber steile Anfahrt dorthin hat es in sich. Aber die Herzen hätten bei diesem Anblick auch ohne Strampelei höher geschlagen: Fast märchenhaft eingebettet liegen die beiden Seen im Montiggler Wald. Eine Erfrischung ist hier auch für Warmduscher kein Problem, denn es handelt sich um die wärmsten Badeseen der Alpen. Eine Umrundung der Montiggler Seen per Rad ist zwar möglich, jedoch nur sattelfesten Bikern zu empfehlen – wegen der vielen Wurzeln auf dem holprigen Naturweg.
Nach dem Wasser wartet endlich Wein auf uns: Bei der Rückfahrt steuern wir die kleine Ortschaft Girlan an – ein Tipp unter Weinfreunden. Der Volksmund sagt, dass Girlan unter der Erde größer als über der Erde sei – wegen der vielen Weinkeller. In einer der Kellereien treffen wir den Familienvater aus dem Allgäu wieder. Alleine. Nun ja, zumindest fast. Ein Schoppen Chardonnay hat sich zu ihm gesellt. Offensichtlich nicht der Erste. Wir entscheiden uns für Goldmuskateller und Gewürztraminer. Und dafür, für den Rest des Abends dem Weißwein zu frönen – das Gelbe Trikot kann warten.
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SIZILIEN! Steht auf meiner Wunschliste ganz oben, immer wieder kam was dazwischen; LEIDER!!! Wird immer wieder von Bekannten hoch beschwärmt. Detail: Ich LIEBE Vulkane! mehr...
Tolle Leute, die Italiener! ABER: Was das Autofahren betrifft: In den Städten fahren viele mit eingeklappten Seitenspiegeln, weil Millimeterarbeit ein Hobby zu sein scheint. Oft werden Vorfahrten missachtet: der Schnellere vor [...] mehr...
Ich glaube es Ihnen, denn es gibt wohl kaum eine Gegend Italiens die langweilig für Augen und Seele ist. Aber Sizilien ist ganz weit vorne. Da war ja wohl alles was in den letzten 3000 Jahren Rang und Namen hatte... ich muss da [...] mehr...
Sind Sie schon mal in Sizilien gewesen? Die Insel ist ein Symbosium von Kultur, Natur und Geschichte. Ich fahre jedes Jahr dahin, dort hat man alles was man sich als Urlaub vorstellen kann. mehr...
[QUOTE=Claudia_D;1495640]...Muß ja auch einmal Werbung für meine Wahlheimat machen :-) Claudia, Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich suchte eben auch einen Beitrag zum Piemont, der ja reise- nicht [...] mehr...
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