Von Gunnar Herrmann
Es ist recht einfach vorauszusagen, was Sie in Norwegen erwartet. Ausnahme: das örtliche Wetter für morgen. Im Übrigen können Sie mit stabilen Extremen rechnen.
Das betrifft die Landschaft wie Ihre Begegnungen. Im Hochsommer wird Sie der Schein der Mitternachtssonne über dem Horizont blenden, im Winter die wochenlange Finsternis der Polarnacht umschließen. Vielleicht verschlägt es Sie zufällig auf einen von aller Welt abgelegenen Bauernhof. Es ist wahrscheinlich, dass es dort nicht nur eine Truhe mit einem prächtigen Trachtenkleid gibt, sondern auch eine schnelle Internetverbindung.
In der Diskussion mit einem weltoffenen Norweger erfahren Sie, dass er stolz ist auf die jährliche Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo – aber auch auf die vom Rest der Welt weniger geschätzte norwegische Walfangflotte. Sie wissen, dass Öl und Gas Norwegen zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht haben, was Sie aber nicht wissen: Auch die Norweger jammern an den Tankstellen über die hohen Preise. Laptop und Lachsfarm, Ölmilliarden und Fischerhütten, Tradition und Emanzipation – alle diese Begriffe charakterisieren Norwegen, aber keiner beschreibt es vollständig.
Baden an der "Norwegischen Riviera"
Auch die Landschaft drückt sich in diesem Land der Gegensätze in gewaltigen Kontrasten aus, vor allem am Meer. Der Atlantik hat – unterstützt von Eiszeit und Gletschern – seine Arme tief in die steile Küste gegraben und ihr mit Hunderten von Fjorden einen atemberaubenden Charakter verliehen. Als Sommerurlauber können Sie im Norden schneebedeckte Berggipfel nahe der Küste erleben und im Süden, an der "Norwegischen Riviera", an Stränden mit langgezogenen Dünenketten oder im Schärengarten baden. Die Temperaturen werden Sie überraschen, weil Sie nahe dem 60. Breitengrad ein so mildes Klima nicht erwarten. Der Golfstrom bringt’s.
Die Küste ist 25.148 Kilometer lang, ohne Fjorde und Buchten allerdings schrumpft sie auf nur 2650 Kilometer. Die Entfernung zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten Punkt des Festlandes beträgt 1752 Kilometer. Würden Sie von Kirkenes, der nordöstlichen Endstation der Schiffslinie Hurtigruten, nach Rom reisen, hätten Sie in Oslo etwa die Hälfte des Weges geschafft. Und es wäre der schwierigere Teil: Weil Norwegen schmal ist und das Meer weit ins Landesinnere reicht, führen die kurvigen Straßen über unzählige Brücken und durch ebenso unzählige Tunnel. Wo nichts mehr geht, wartet eine Fähre auf Sie.
Es ist ein Wunder, dass in diesem schwer zugänglichen, dünn besiedelten Land – Norwegen hat mit knapp 4,6 Millionen Menschen etwa so viele Einwohner wie München und Berlin zusammen – eine einzige Nation entstanden ist. Das ist noch bemerkenswerter angesichts der bewegten Geschichte, die von Fremdherrschaft und Besatzern geprägt ist.
Treffen sich ein Norweger und ein Isländer...
In der Wikingerzeit vor etwas mehr als 1000 Jahren erlebte Norwegen eine erste Blüte, als der legendäre König Harald I. "Schönhaar" das Land einte. Runensteine und die heidnischen Verzierungen an den Stabkirchen erinnern an diese Epoche. Die "Nordmänner" waren in ganz Europa gefürchtet, sie kolonisierten Grönland und Island, wo sich bis heute ein altnordischer Dialekt erhalten hat. Eine Anekdote hierzu geht so: Treffen sich ein Norweger und ein Isländer. Der Erste stellt sich vor: "Ich komme aus Oslo, ich spreche Norwegisch." Antwortet der Isländer spontan mit feiner Ironie: "Das tue ich auch, aber ihr versteht uns ja nicht mehr." Der Dialog spielt darauf an, dass Norwegen nach der Wikingerzeit stark von anderen Ländern beeinflusst und auch regiert wurde: ab 1380 fast ein halbes Jahrtausend von den Dänen, von 1814 bis 1905 von den Schweden.
Zwischen den beiden Fremdherrschern war Platz für einen kurzen Moment der Selbstbestimmung – am 17. Mai 1814 gaben sich die Norweger in Eidsvoll, fern der Hauptstadt, eine Verfassung. Die gilt noch heute, und der 17. Mai ist Nationalfeiertag. In Eidsvoll begann der Weg, der 1905 nach einer Volksabstimmung zur Auflösung der Union mit Schweden führte. Der dänische Prinz Carl bestieg als Håkon VII. den norwegischen Thron, der Großvater des heutigen Königs Harald V. Norwegen und Schweden, die damals kurz vor einem Krieg gestanden hatten, sind heute stolz auf die friedliche Trennung. Das hundertjährige Bestehen der Unabhängigkeit Norwegens feierten sie 2005 gemeinsam.
Die späte Selbstständigkeit ist ein Grund für den stark ausgeprägten Nationalstolz der Norweger. Ein anderer ist die Besetzung des Königreichs durch die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs. Eine Erfahrung, die die Bewohner des jungen Landes fest vereinte. Eine norwegische Identität jedoch hatte sich schon viel früher herausgebildet. Wie in vielen anderen Ländern, und vielleicht sogar noch etwas prächtiger, blühte auch im Norwegen des 19. Jahrhunderts der romantische Nationalismus. Einer seiner berühmtesten Vertreter war der Komponist Edvard Grieg. Er vertonte Volksweisen, und sein bekanntestes Stück – die Peer Gynt Suite – geht auf eine alte Sage zurück.
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