Norwegen: Lachsfarmen und Laptops

Von Gunnar Herrmann

2. Teil: Walfang-Freunde in Schock-T-Shirts

Das nationale Erwachen führte übrigens auch zu einem Kuriosum. Norwegische Dichter versuchten, die Schriftsprache bokmål, die dem Dänischen ähnelt, durch eine neue zu ersetzen. Aus alten norwegischen Dialekten konstruierten sie nynorsk – Neu-Norwegisch. Beide Sprachen existieren heute nebeneinander. Vielleicht werden Sie bemerken, dass auf den Briefmarken für Ihre Grußkarten "Norge" oder "Noreg" steht. Die Zweisprachigkeit hat dazu geführt, dass Norwegen sehr häufig seine Rechtschreibung reformierte. Dem literarischen Schaffensdrang hat das jedoch keinen Abbruch getan. Mit Bjørnstjerne Bjørnson, Knut Hamsun und Sigrid Undset hat das kleine Land drei Literaturnobelpreisträger hervorgebracht.

Bedeutender als Literaturnobelpreise ist für die Norweger der Friedensnobelpreis, die jährliche Ausrichtung der festlichen Preisverleihung in Oslo an Nobels Todestag, dem 10. Dezember. Der Preis ist auch ein Symbol des norwegischen Engagements für Frieden und Völkerverständigung an den restlichen Tagen des Jahres. Norwegen schickt häufig Blauhelm-Soldaten zu Friedenseinsätzen und Diplomaten als Vermittler in die Krisengebiete der Welt und steht damit in einer ideellen Tradition: Der erste Generalsekretär der Vereinten Nationen war ein Norweger. Trygve Lie führte die Uno von 1946 bis 1952.

Im Einsatz für ärmere Länder kommt auch ein Gerechtigkeitsbegriff zum Ausdruck, den die Norweger mit anderen Skandinaviern gemein haben. Er ist die Grundlage für den Sozialstaat nordischer Prägung. Gerechtigkeit ist dabei eng verbunden mit Gleichheit: Alle Menschen sollen über gleiche Voraussetzungen verfügen. Diese zu schaffen ist Aufgabe des Staates. Zwar sind in den vergangenen Jahren nicht wenige soziale Annehmlichkeiten dem Rotstift des Finanzministers zum Opfer gefallen, aber das Ideal ist nach wie vor lebendig.

Der Staat spart für die Zukunft

Noch immer üppige Sozialleistungen, staatlich finanzierte Bildungsangebote oder die großzügige Kulturförderung kommentieren ausländische Besucher manchmal ganz unverblümt: "Das bezahlen wir zu Hause an der Tankstelle." Als höflicher Gast sollten Sie sich das verkneifen. Auch in Norwegen selbst ist der Sprit teuer und nicht alle Norweger finden diese Anspielungen lustig, wenn sie auch einen wahren Kern haben: Der Sozialstaat Norwegen wird aus Öl- und Gasquellen gespeist.

Genau darum kann das Land kaum als Vorbild für Reformen in anderen Industrienationen gelten. Vorbildlich ist dagegen, trotz aller staatlichen Leistungen, die norwegische Sparsamkeit. Denn nur ein Bruchteil der gewaltigen Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung fließt dem Staatshaushalt zu. Das Meiste wird für kommende Generationen in einem Zukunftsfonds angelegt, der das Geld im Ausland investiert. "Statens Pensjonsfond" (früher "Oljefond") ist der weltweit größte seiner Art und die Politiker haben bislang die Sparpolitik gegen alle Wünsche der Bevölkerung verteidigt, mehr von dem Vermögen (2007: 264 Milliarden Euro) sofort zu spendieren.

Stolz ist man im modernen Norwegen auf die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Arbeitswelt. Sie drückt sich in einer hohen Frauenerwerbsquote und der Tatsache aus, dass Norwegerinnen im Gegensatz zu Frauen in anderen Ländern fast so viel verdienen wie Männer. Allerdings nur fast: Ihr Einkommen beträgt im Schnitt 84,7 Prozent eines Männer-Gehaltes. Weshalb das Thema weiter rege diskutiert wird. Unstrittig ist, dass Norwegen den Weltrekord im Lebensstandard (Lebenserwartung, Bildungsindex, Pro-Kopf-Einkommen) hält.

Humor wie ein nordatlantisches Sturmtief

Obwohl die Norweger mit ihren Nachbarn die meisten Werte teilen, haben sie in vielen Dingen ihren eigenen Kopf, sind und bleiben stur. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Frage des Walfangs. Jedes Jahr harpunieren Norweger unter weltweitem Protest von Umweltschützern einige hundert Meeressäuger. Im eigenen Land ist die Jagd kaum umstritten, zu tief wurzelt sie in der Tradition. Manche Norweger machen sich sogar einen Spaß daraus, im Sommer Touristen mit T-Shirts zu schockieren, auf denen Sprüche stehen wie: "Wenn wir Delfine hätten, würden wir auch die töten."

Sie mögen das makaber finden – aber norwegischer Humor ist manchmal rau wie ein nordatlantisches Sturmtief. Darin liegt ein weiterer Unterschied zum "großen Bruder" Schweden. Dort sind die Menschen stets politisch korrekt – und wirken dabei manchmal steif.

Diese Gegensätze lieferten den Stoff für den Film "Kitchen Stories", der auch in Deutschland erfolgreich war. Er erzählt die absurde Geschichte von schwedischen Küchenforschern, die in einem norwegischen Dorf die Ess- und Kochgewohnheiten von Junggesellen erforschen sollen. Die schwedischen Forscher beobachten die nor-wegischen Küchen von hochsitzähnlichen Stühlen aus. In einer Schlüsselszene des Films fordert der Norweger Isak den schwedischen Forscher Folke auf, er solle endlich heruntersteigen und einen Tee mit ihm trinken. Das gehe nicht, sagt Folke, er dürfe unter keinen Umständen mit seinen Forschungsobjekten sprechen, er dürfe sie nur beobachten. Natürlich freunden sich die beiden trotzdem an. Der Schwede steigt schließlich herab, verliert glatt seinen Job – und wandert nach Norwegen aus.

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  • Datum: Freitag 02.11.2007 | 06:06 Uhr
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