Von Frederik Hartig
Rimma Belenkaja und Ilja Belenkij (71 und 82 Jahre), Riga
Rimma war Mitte der fünfziger Jahre als 18-jähriges Mädchen aus Russland nach Riga gekommen. Sie hatte gerade in Sysran an der Wolga ihre Ausbildung zur Facharbeiterin in der Textilindustrie beendet, und man bot ihr eine Arbeit in der baltischen Metropole an. "Wir waren damals voller Zuversicht und Hoffnung auf eine bessere Zukunft", sagt sie. Man wusste, die Renten waren sicher, und selbst wenn es in den Läden nichts zu kaufen gab, konnte man sich unter der Hand alles besorgen, was man brauchte. "Unser Freundeskreis bestand und besteht aus Russen und Letten", sagt sie, "aber Streit wegen kultureller und nationaler Differenzen gab es eigentlich nie."
Von den Arbeitervertretungen im Betrieb wurden manchmal lettische Sprachkurse angeboten, die wurden allerdings nach spätestens zwei Monaten wieder abgebrochen, ergänzt Ilja, Rimmas Ehemann. Er war nach dem zweiten Weltkrieg nach Riga gekommen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Als er elf Jahre alt war, wurde seine Familie in die Verbannung nach Kirgisien geschickt wurde, erzählt Ilja,. Und nach dem Krieg wollte er nicht in Kirgisien bleiben, durfte aber als "Sohn eines Volksverräters" nicht nach Moskau gehen, auch ein Studium war ihm verwehrt. Zwar wurde sein Vater nach dem Tod Stalins rehabilitiert, aber da arbeitete Ilja schon als Schlosser in Riga. 1970 haben sich Rimma und Ilja dann kennen gelernt und ein Jahr später geheiratet.
In den achtziger Jahren, als der Ruf nach einer Unabhängigkeit Lettlands lauter zu hören war, wurde die Lettische Volksfront gegründet. Die Lettische Volksfront versprach, dass alle Russen, die bereits länger als fünf Jahre in Lettland leben, einen lettischen Pass erhalten würden, erzählt Rimma. Auch sie haben die Bewegung unterstützt und beim Referendum für eine Unabhängigkeit des Landes gestimmt. Sie dachten, ein kleines Land kann sich besser organisieren, erklärt Ilja.
Doch nach der Wende änderte die Lettische Volksfront ihr Programm, und in den lettischen Medien schlug die Stimmung gegen die Russen um. Nur Russen und deren Kinder, die vor 1940 ins Land gekommen waren, bekamen ein volles Bürgerrecht, berichtet Rimma. Hohe Funktionäre und Militärs mussten das Land verlassen. Die anderen Russen, die nun im freien Lettland lebten, bekamen je nach politischer Vergangenheit einen quadratischen oder einen runden Stempel in ihren Pass.
Rimma und Ilja erhielten den quadratischen Stempel, der mehr Bürgerrechte garantierte als der runde. Ilja und Rimma legten bis 2001 die Prüfung zur lettischen Staatsangehörigkeit ab. Nun können sie als Bürger der EU ohne größeren bürokratischen Aufwand ihre Tochter in Oslo besuchen.
Diese sechs Porträts entstanden bei der Recherche von Frederik Hartig und Carsten Wilde zu einem Bildband über Lettland. Weitere Informationen gibt es unter www.bookaboutlatvia.de.
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