Paris - Deutschlands Bahnchaos ist nichts im Vergleich zu den Verhältnissen in Frankreich. Die französischen Eisenbahner streiken heute den fünften Tag in Folge, und die Staatsbahn SNCF sowie die Pariser Verkehrsbetriebe meldeten weiter starke Störungen des Verkehrs.
In Paris war die Lage im Nahverkehr teilweise noch schlechter als in den Vortagen. Im Schnitt fuhren nur jede fünfte U-Bahn und etwa 40 Prozent der Busse und Straßenbahnen, wie die Bahngesellschaft RATP mitteilte. Sechs Metro-Linien waren komplett stillgelegt. Im französischen Regionalverkehr waren laut SNCF lediglich 40 Prozent der fahrplanmäßigen Verbindungen sichergestellt.
Bei den Fernstrecken verkehrten am Sonntag nur 250 von sonst 700 TGV-Hochgeschwindigkeitszügen. Auch der grenzüberschreitende Schienenverkehr war gestört. Auf der Strecke des Hochgeschwindigkeitszuges Thalys kam es in Richtung Brüssel zu Verspätungen; die Eurostar-Züge nach London sollten normal verkehren.
Am Dienstag tritt der Öffentliche Dienst in Streik
Trotz einer grundsätzlichen Einigung auf Verhandlungen blieben die Fronten zwischen Regierung und Gewerkschaften verhärtet. Der Großteil der noch streikenden Gewerkschaften hatte gestern ein Angebot der SNCF abgelehnt, Gespräche über die von Präsident Nicolas Sarkozy geplante Abschaffung der Rentensonderregelungen in Staatsbetrieben aufzunehmen. Laut der Gewerkschaft Force Ouvrière stimmten drei Viertel der Betriebsversammlungen bei der Bahn für eine Fortsetzung des Streiks bis morgen.
Sollte sich der Ausstand der Eisenbahner in die kommende Woche ziehen, steht Frankreich ein Massenstreik bevor. Am Dienstag wollen Lehrer und Beamte in den Ausstand treten. Sie wollen gegen Sarkozys Pläne streiken, pro Jahr Zehntausende Stellen im öffentlichen Dienst zu streichen. In Paris ist für den Nachmittag eine Großdemonstration angekündigt. Die Protestbewegung ist die größte Machtprobe für Sarkozy seit seinem Amtsantritt vor sechs Monaten.
Der Aufruf der Gewerkschaft CFDT vom Freitag, den Bahnstreik auszusetzen, blieb ohne sichtbare Auswirkungen. Sie ist die viertstärkste Gewerkschaft bei der Bahn. Der Streik wird nun noch von sechs Gewerkschaften getragen. Sie wollten heute Nachmittag zu einem Treffen zusammenkommen, um "Bilanz zu ziehen" und das weitere Vorgehen abzustimmen.
Trotz des anders lautenden Votums der Betriebsversammlungen bei der Bahn vertrat SNCF-Generaldirektor Guillaume Pépy die Ansicht, dass sich zahlreiche Eisenbahner Verhandlungen wünschten. Binnen drei Tagen habe sich die Zahl der Streikenden halbiert, sagte er heute.
abl/AFP/dpa
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