ThemaWinterurlaubeRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.12.2007
 

Deutschlands längste Naturrodelstrecke

Auf der schiefen Bahn

Von Martin Cyris

Eine Hand am Schlitten, eine am Seil und die Füße auf den Boden: Wintersportler fahren zunehmend auf dem Schlitten ab. Am Wallberg in Oberbayern finden sie Deutschlands längste präparierte Naturrodelstrecke. Die kilometerlange Abfahrt ist eine Mordsgaudi – auch für Erwachsene.

"Rechte Hacke - Rechtskurve. Linke Hacke - Linkskurve." Die kompakte Einweisung des Schlittenverleihers gibt uns das Gefühl, nicht viel falsch machen zu können. "Ihr werdet's scho seh'n, Rodeln ist kinderleicht", meint der wortkarge Bayer.

Wie wohl viele Erwachsene, die es am Wallberg wieder wagen wollen, saßen auch wir seit ewigen Zeiten nicht mehr auf einem Schlitten. Was blieb, war die Erinnerung: Zu einer glücklichen Kindheit gehörte das Rodeln einst zum Winter wie die Pudelmütze auf den Kopf. Ein Heidenspaß, der für rote Backen und so manch durchgescheuerten Handschuh sorgte. Irgendwann bekam das Rodeln dann das Image einer altmodischen und infantilen Freizeitbeschäftigung.

Doch weit gefehlt, Schlitten fahren ist kein Schnee von gestern mehr. Der Wallberg in Oberbayern ist zum Mekka für Rodler aller Altersklassen geworden. 2001 wurde die Strecke von der Wallbergbahn erstmals für Schlittenfahrer präpariert. Nach kleineren Streckenänderungen - allzu steile Abschnitte wurden entschärft und durch lange Kurven ersetzt - ist sie heute sechseinhalb Kilometer lang.

Damit ist sie Deutschlands längste durchgängig befahrbare und präparierte Naturrodelstrecke. Pistenraupen bereiten sie im Winter täglich auf. Gefrorener Boden und genügend Schnee vorausgesetzt. Laut Statistik kann am Wallberg an 40 bis 80 Tagen im Jahr gerodelt werden.

"Net halbnackert auf die Bahn"

Mit einer Gondelbahn geht's den Berg hinauf. Bevor wir an der Reihe sind, wird vor uns eine junge Frau aus der Schlange aussortiert. Sie trägt einen Minirock, Nylonstrümpfe und High Heels. Nach Meinung der Liftmitarbeiter ist dieses Outfit für Eis und Schnee ungeeignet. Sie reden auf sie ein. "Halbnackert kannst fei net auf die Bahn", ermahnt einer. Eine Angestellte der Wallbergbahn kommt hinzu und bietet ihr eine Skihose und festes Schuhwerk aus der Kleiderkammer der Wallbergbahn an. Die junge Frau willigt schließlich ein. Vielleicht auch, weil dicke Flocken vom Himmel fallen.

"Als Bahnbetreiber tragen wir die Verantwortung, dass unsere Gäste heil unten ankommen", sagt Peter Lorenz, Geschäftsführer der Wallbergbahn. "Was schön fürs Auge ist, ist nicht immer gut für die Gesundheit." Die meisten Gäste wüssten jedoch, dass die Rodelbahn kein Laufsteg sei und wetterfeste Kleidung erfordert.

Als hätte es noch eines Beweises bedurft, erreicht ein Pärchen auf einem Doppelsitzer das Ziel in Liftnähe. Quietschvergnügt, aber von oben bis unten mit Schnee bedeckt. Der Mann trägt einen weißen Bart - einen schneeweißen, im wahrsten Sinne. Offensichtlich landete man kurz vor dem Ziel in der weißen Pracht.

Die Vierergondeln tragen uns in knapp 15 Minuten von 790 auf 1620 Meter. Ganz in der Nähe der Bergstation befindet sich der bei Skifahrern gefürchtete Glaslhang. Das Tegernseer Tal mit seinen Skipisten ist gleich nebenan. Obwohl immerhin fast 60 Kilometer von München entfernt, werden diese Erhebungen des Voralpenlandes von den Bewohnern der bayrischen Landeshauptstadt ganz unbescheiden die "Münchner Hausberge" genannt.

Ein königlich-bayrischer Ausblick

Wichtig für die Gesundheit beim Rodeln ist, neben der richtigen Kleidung, auch das richtige Aufsitzen auf den Schlitten. Eine Tafel an der Bergstation klärt auf: "Eine Hand am Seil, eine Hand an den Schlitten, beide Füße auf den Boden." Bevor wir unterhalb des "Wallbergkirchleins" Hand anlegen und losschlittern, genießen wir das Panorama. Rottach-Egern liegt uns zu Füßen. Dunkel erstreckt sich der nahe Tegernsee, dahinter das sogenannte Oberland.

Ein königlich-bayrischer Anblick, den wir allerdings nur wenige Meter bewundern können. Denn dann sind wir voll mit uns und unseren Schlitten beschäftigt. Schnell wird uns klar, dass wir uns erst einfahren müssen. In jüngeren Jahren hatte es noch ausgereicht, sich auf den Schlitten zu werfen - bäuchlings, rücklings oder sogar stehend -, in einem Affenzahn den Hang hinunter zu sausen und dabei unaufhörlich "Aus der Bahn!" zu rufen.

Doch unser Respekt vor dem vereisten Untergrund und den Bäumen nahe der Strecke ist groß. Geschäftsführer Peter Lorenz hatte vor der Abfahrt zur Vorsicht ermahnt: "Zu viel Leichtsinn kann gefährlich werden." Schwere Unfälle wie etwa beim Skifahren seien beim Rodeln zwar eine seltene Ausnahme, doch auch ein verdrehtes Knie oder eine gezerrte Schulter könnten sich schmerzhaft auswirken.

Obwohl der erste Abschnitt zum Wallberghaus relativ flach ist, kippen wir mit unseren Schlitten permanent um. Die Strecke ist holprig. Es ist später Nachmittag und zahllose Rodler vor uns haben tiefe Spuren im Schnee hinterlassen. Kreuz und quer, so dass wir Mühe haben, unsere Ideallinie zu halten, geschweige denn zu finden.

Erschöpft, aber glücklich

Doch der Kontakt mit dem Schnee hat eine eigenartige Wirkung. Eine enthemmende nämlich. Bei jedem Sturz werden die Lachmuskeln unwillkürlich angeregt. Das geht nicht nur uns so, sondern auch anderen strauchelnden Rodlern. Wie kleine Kinder sitzen gestandene Männer neben ihren Schlitten, weiß wie die Schneemänner, und kichern trotz oder wegen ihrer Stürze. Ganz offensichtlich spricht das Rodeln das Kind im Erwachsenen an.

Jene, die wie Rodellegende Hackl Schorsch herunterflitzen, müssen um die Gestrauchelten herummanövrieren. Die Könner unter den Rodlern brauchen etwa 30 Minuten für die gesamte Strecke. Weniger flotte Schlitten zirka 60 Minuten. "Es gibt Einheimische, die kommen schon morgens vor der Arbeit mit ihrem Schlitten unterm Arm", erzählt Peter Lorenz.

Als wir das Wallbergmoos und damit etwas mehr als die Hälfte erreichen, sind wir schon eine knappe Stunde unterwegs. Vom ständigen Lenken und Bremsen sind die Muskeln müde. Auch das Festhalten auf dem ständig wankenden und hüpfenden Gefährt erschöpft in einem nicht erwartetem Ausmaß.

Als wir das letzte Teilstück erreichen, sind wir froh, dass der Schnee immer pappiger wird und sich nicht mehr zum Fahren eignet. Die letzten hundert Meter stapfen wir zu Fuß zum Parkplatz. Erschöpft, aber glücklich.

Nachdem die nassen Schuhe gewechselt sind, findet die Gaudi ihre Fortsetzung: Im Restaurant "Alpenwildpark", bei Kaffee und hausgemachten Kuchen. Die Empfehlung des Hauses: eine Torte namens Flockensahne.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Europa
alles zum Thema Winterurlaube

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP