Pigadia - Ihre Augenbrauen sind schwarz und dicht, ihre Gesichtszüge streng und stolz. Sie sehen etwas anders aus als ihre Geschlechtsgenossinnen in den restlichen Teilen der Insel: die Mädchen und Frauen in der kleinen Stadt Olympos, hoch im Norden der griechischen Insel Karpathos. Die Stadt ist nur schwer zu erreichen - entweder von der Inselhauptstadt Pigadia aus zweimal täglich mit der Fähre oder mit dem Auto. Doch die Straße ist eine steinige Schotterpiste mit Schlaglöchern und steil abfallenden Banketten.
Über die Straße schimpfen die Insulaner zwar schon seit Jahren - doch auch hier macht sich letztlich die typisch griechische Gelassenheit breit: Man fügt sich in die gegebenen Umstände und wartet achselzuckend darauf, dass die träge arbeitenden, altersschwachen Bagger eines Tages von der Baustelle verschwunden sein werden und aus der Holperstrecke eine vernünftige Straße geworden ist.
Bis dahin haben die rund 350 Olympiten weitgehend ihre Ruhe vor den Touristen - eine Tatsache, die sie gleichermaßen erfreut wie verärgert. Denn tagsüber fallen zahlreiche Fremde in das Städtchen mit seinen verschachtelten Gassen ein und kaufen Souvenirs bei den hochgeschlossen und schwarz gekleideten Frauen. Gegen Abend fahren sie mit der letzten Fähre oder noch vor der Dunkelheit mit dem Auto wieder zurück. Viel Geld lassen die Besucher nicht in Olympos, während sie die Bewohner gleichzeitig behandeln wie exotische Tiere. "Wir fühlen uns teilweise wie im Zoo", klagen sie. Wenn sie schon angestarrt und pausenlos fotografiert werden, hätten sie auch gerne etwas vom Tourismus-Kuchen.
Europas windsicherster Spot
Selbst wenn es eines Tages eine komfortablere Straße in den Norden geben wird: Nicht enden wollende Touristenströme sind sobald nicht zu erwarten. Denn das zwischen Rhodos und Kreta gelegene Karpathos bietet zwar ein angenehmes Klima - hier ist es stets etwas wärmer als auf den anderen griechischen Inseln - sowie perfekte Bedingungen für Wassersportler. "Aber wer die große Party sucht, ist hier falsch", sagt Alexandra Haugg. Seit zehn Jahren betreibt sie in Afiartis im Süden der Insel eine Windsurf-Station.
Die Geografie beschert der Insel eine besondere Windsituation, weshalb sie den Ruf genießt "Europas windsicherster Spot" zu sein. Selbst Szene-Helden wie der tschechische Freestyle-Meister Andrew Erban trainieren hier.
Noch immer sind die Surfer so gut wie unter sich. Wenige andere Touristen verirren sich in diesen Teil der Insel, und es gibt - bis auf den kleinen Flughafen - kaum Infrastruktur. Erst seit einigen Jahren beginnen die Einheimischen langsam umzudenken und mehr in den Tourismus zu investieren. Der Ausbau gestaltet sich bislang recht zögerlich; größere Hotels oder Tavernen gibt es nur in der Inselhauptstadt. Ansonsten beschränkt sich das Angebot auf verstreute und familiär geführte Pensionen, Appartement-Häuschen und Tavernen.
Surfer, Wanderfans und Ruhesuchende
Unter deutschen Urlaubern ist die Insel Karpathos wenig bekannt. Im Flugzeug befinden sich Surfer, Wanderfans mit großen Rucksäcken und Individualtouristen, von denen viele schon mehrfach auf der Insel waren. Die Surfer haben ihren Wind und zwei kleine Tavernen im Süden, die Wanderer zahlreiche Touren und mit dem Kali Limni - der höchsten Erhebung der Insel - fast hochalpines Gelände.
Im Reiseführer als "einsam" beschriebene Buchten sind hier wirklich noch einsam, der Honig stammt von karpathiotischen Bienen und die Menschen sind der ausländischen Gäste noch nicht überdrüssig. Auf Karpathos geht man mit dem Wirt in die Küche und schaut in seine Töpfe, hier erzählt der Autovermieter freimütig von seinen skurrilen Erlebnissen mit Kunden, und man bekommt als eine über holprige Wege joggende Fremde kühles Wasser vom besorgten, wenngleich kopfschüttelnden Bauern angeboten.
Eine typische griechische Insel ist Karpathos nicht: Hier schmiegen sich keine kalkweißen Häuschen mit blauen Türen an grüne Hügel. Auf Karpathos ist die Landschaft karg, sind die Bäume vom ständig wehenden Meltemi-Wind gebeugt. Der Charme der Insel erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Und spätestens, wenn einem der hemdsärmelige Steward am Flughafen die Bordkarte von Hand ausstellt und diese mit einem breiten Lächeln überreicht, weiß man: Auf Karpathos ist der Massentourismus noch lange nicht angekommen.
Claudia Bell, dpa
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