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31.03.2008
 

London-Heathrow

Briten verzweifeln an Dauer-Flugchaos

Von Thomas Hüetlin, London

In Zeitungen ist von "nationaler Schande" die Rede - und selbst das scheint irgendwie untertrieben. Mit Wut reagieren die Briten auf das Chaos im neu eröffneten Heathrow-Terminal 5. Dabei war das Desaster absehbar: seit die Turbo-Kapitalisten am Flughafen die Regie übernahmen.

Kerry Johnstone hatte einen Flug nach Kopenhagen gebucht, ihre E-Mails gecheckt und war trotzdem in jene Falle gegangen, die zurzeit Terminal 5 heißt: In London-Heathrow teilte man der 35-jährigen Marketing-Managerin mit, dass ihr Flug gestrichen sei und in acht Stunden der nächste ginge – vielleicht. Ein zweijähriges Kind neben ihr begann zu weinen. Johnstone sagte daraufhin zu einem British-Airways-Angestellten: "Genau das würde ich auch gerne tun, oder noch lieber hätte ich einen ausgewachsenen Wutanfall – nur leider bin ich zu alt dafür."

Lautstarke Schimpfereien und Hysterien bleiben Ausländern und kleinen Kindern überlassen, die berühmte steife britische Oberlippe triumphierte noch. Dies aber scheint auch der einzige Erfolg, den sich das Vereinigte Königreich derzeit im neueröffnetem Terminal 5 gutschreiben darf.

Ansonsten ging und geht weiterhin fast alles schief, was einen Flughafen ausmacht. Seit der Eröffnung am Donnerstag vergangener Woche wurden 450 Flüge gestrichen, 15.000 Gepäckstücke verloren und einigen Gestrandeten als Trostpreis 100-Pfund-Gutschriften überreicht - für den Fall, dass sie die Nacht nicht auf dem blank geputzten Marmorfußboden des Terminals verbringen wollten. Die Freude über die milde Gabe war von kurzer Dauer. Angesichts der Not hatten die meisten Hotels die Preise rasch erhöht: Minimum 200 Pfund pro Nacht. Hoch lebe der Kapitalismus angelsächsischer Prägung.

Glanzvolles Paradies statt vollgekotzter Teppichböden

Auch für die nächsten Tage hat British Airways Flugstreichungen angekündigt. In den Zeitungen ist von "nationaler Schande" die Rede, aber auch dies scheint noch untertrieben, um die Enttäuschung der Briten über das Debakel von Terminal 5 zu beschreiben. Über Jahrzehnte hatte Heathrow mit seinen verdreckten Teppichböden, den langen Warteschlangen und den bunkerähnlichen Gepäckbändern als eine Art Dritte-Welt-Flughafen gegolten.

Terminal 5, 20 Jahre geplant, 5,6 Milliarden Euro teuer, vom Stararchitekten Richard Rogers entworfen, sollte den größten Flughafen Großbritanniens ins 21. Jahrhundert beamen. Noch vor einem Jahr schrieb ein Sachverständiger bewundernd: "T5 wird Heathrow von einem Slum aus vollgekotzten Teppichböden und Endlos-Warteschlangen in ein glanzvolles Paradies verwandeln." Daraus wird wohl erst mal nichts.

Flughäfen sind komplexe Systeme, die dem Allgemeinwohl dienen sollten und nicht den Profiterwartungen von ein paar Aktionären. Genau diese Weichenstellung ist im Großbritannien Margret Thatchers mit seinen wahnhaften Privatisierungen falsch justiert worden. Über Jahrzehnte hat sie zu Auswüchsen geführt, die nur noch als bizarr beschrieben werden können.

Shopping Mall mit Flugsteiganschluss

Konsequenter vorläufiger Endpunkt dieser Spirale des Turbokapitalismus war schließlich die Übernahme des Flughafenbetreibers British Airports Authority (BAA) durch den spanischen Baukonzern Grupo Ferrovial. Der jedoch hatte keine Ahnung von Flughäfen und sich die neun Milliarden Pfund für den Kauf geliehen. Um die Zinsen bezahlen zu können, begann der Konzern die Passagierfrequenzen zu erhöhen und auf Kosten der Flugservicefläche die Ladenzeilen auszubauen. Das Ergebnis: Heathrow ist inzwischen eine Art Shopping Mall mit Flugsteiganschluss. Mit ein wenig Glück kann man den Einkauf von Parfum und Schnapsflaschen mit einer Luftreise abrunden.

Dass nun der Terminal 5 eine Krankheit namens Heathrow heilen würde, hatten ohnehin nur die wirklichen Optimisten unter den britischen Vielfliegern gehofft. Noch vor einem Jahr kamen Psychologen zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Einchecken in Heathrow stresse einen Fluggast so stark, als würde er nachts mit einem Messer ausgeraubt.

Durch den neuen Glas-und-Stahl-Palast ist die Vorfreude auf solche Qualen in neue Dimensionen gestiegen. Die Aussicht auf Heathrow, schreibt der konservative Publizist Max Hastings, erfülle ihn jetzt mit jener Sorte Sorgen, die sich einstellen, als müsste er demnächst "gegen die Mahdi-Armee im südirakischen Basra zu Felde ziehen".

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insgesamt 45 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
02.04.2008 von Lazarus Long: LHR=weiträumig meiden!

Irrtum, man KANN Flughäfen sinnvoll eweitern. Nur nicht in Teuropa. Da kommen sofort die beamteten Gutmenschen von WWF, Plane Stupid und BBU und regen sich über die Habitate der Vampirfledermaus oder was auch immer auf. HKG, [...] mehr...

01.04.2008 von e_n_2007: Des Spiegels Hass

Zwei verlorene Kriege - jede Wette, dass die nationalen Sozialisten um Oskar Lafontaine schon wieder an einer irgendwie gearteten Dolchstosslegende arbeiten. Irgendetwas mit Fremdarbeitern und Heuschrecken, nehme ich an ... mehr...

01.04.2008 von Umbriel: Kofferträger

Hm zum Einen sind es nicht die Europäer, sondern eine spanische Baufirma, bei der man wahrscheinlich nichtmal eine Gartenlaube kaufen sollte. Zum Anderen haben die Chinesen nie ein Problem damit gehabt, technische Mängel mit [...] mehr...

01.04.2008 von ttoni: Erfahrungsbericht

Ich bin gestern Abend von Heathrow nach Frankfurt geflogen - ohne jegliches Problem, mit Gepäck, ohne Verspätung, Schlange stehen, etc. An den ersten Tagen ist insbesondere mit dem Gepäcksystem einiges schiefgelaufen. [...] mehr...

01.04.2008 von Pollasto: @ Forumleser

Es sind, da bin ich mir sicher, meistens nicht die Hersteller der Anlagen Schuld am Desaster in Heathrow. Die bauen und liefern nämlich nur das, was der Kunde bestellt und vor allem bezahlt. Und genau hier fängt das Elend an. [...] mehr...

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