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18.06.2008
 

Abenteuerwandern in Tirol

Skye im alpinen Wunderland

Wieso steckt das Flugzeug kopfüber im Boden? Was hat Hexe Grisella bloß mit ihrem Haus angestellt? Tiroler Abenteuerwege geben Kindern viele Rätsel zu knacken. Kerstin Walker und ihre Tochter Skye machen sich mit Kompass und Lupe auf die Schnitzeljagd.

"Es ist Sommer – was wollen wir da in den Bergen?", murrt die Tochter. Da erzähle ich ihr vom geplanten Wandertrip in den österreichischen Alpen - und dann das: die totale Verweigerung. Selbstverständlich bleibe ich cool, rede mit Engelszungen auf mein bockiges Mädchen ein, erzähle ihr, wie schön alles blüht, wenn erst einmal die Schneedecke geschmolzen ist. Ganz zu schweigen von den putzigen Murmeltieren, die sich auf den Hochgebirgswiesen tummeln. Aber Berge ohne Schnee üben auf das skifahrsüchtige Wesen keinen Reiz aus.

Vielleicht geht es anderen Familien ähnlich, und so tun die Urlaubsstrategen in den Alpen mittlerweile viel dafür, damit Wintersportparadiese ganzjährig zum alpinen Anziehungspunkt werden. Teil dieser Inszenierung in Fiss, Sefaus und Ladis sind die phantasievoll gestalteten Wanderwege "Abenteuerberge" für Familien. Dass ich diese auf keinen Fall ohne meine Tochter Skye erkunden kann, sieht auch die nun endlich ein.

Wie moderne Schnitzeljagden ziehen diese Pfade Kinder und Erwachsene in ihren Bann. Und so machen sich hoch oben über dem Tiroler Inntal auf rund 2000 Metern ganze Familien auf die Suche: nach einem Hexenhaus, das kopfüber an den Berg gezaubert wurde (Hexenweg Fiss). Nach einem vermeintlich abgestürzten Flugzeug (Sturzflug Serfaus) und dem Baumhaus eines Tier- und Pflanzenforschers (Forscherweg Ladis).

Thomas Brezina, österreichischer Kinderbuchautor und Fernsehmoderator, gestaltete die "Abenteuerberge" inmitten der Alpenkulisse. Dabei verzichtete er auf interaktiven Firlefanz wie sprechende Figuren und ließ die Natur ganz unberührt. Alexandra Hangl, Presse- und Marketingchefin vor Ort, jedenfalls ist vom gemeinsamen Coup begeistert und schwärmt bei unserer Ankunft: "Die Wege sann echt was Besonderes."

Fernglas, Kompass und geheimnisvolle Fragen

Bald mache ich mich oberhalb des schmucken rätoromanischen Dörfchens Fiss mit Skye auf, den Hexenweg zu entdecken. Im kleinen blauen Rucksack auf ihrem Rücken befinden sich Lupe, Fernglas, Kompass und drei geheimnisvolle Hefte mit Fragen, Zeichnungen und Aufgaben zu den dazugehörigen "Abenteuerbergen". Dazu Brötchen, dick bestrichen mit sahniger Butter von den Rindviechern unserer Wirtin vom Poltehof. Und zwei Flaschen Wasser, gefüllt mit klirrkaltem Quellwasser vom Dorfbrunnen.

Endlich sind wir beide mittendrin im Wald beim Fisserjoch. Wir tauchen ein ins matte Licht. In dieses Flirren des Staubes, der in den Sonnenstrahlen tanzt. Wir atmen den warmen Duft von Tannen, die links und rechts des Hexenweges in den Sommerhimmel ragen. Reisigbesen, wie zufällig ins Geäst gehext, weisen uns den Weg, der von wunderlichen, aus Holz geschnitzten Gestalten gesäumt ist. Auch die Ohren haben hier etwas von der verwunschenen Stimmung: "Was brummt denn da?", fragt irritiert das Stadtkind, denn über allem liegt wie Waldgesang das Summen der Insekten.

Bergauf, bergab und auch mal steil am Hang entlang führt uns der Hexenweg. Ihr Rätselheft in der enen, das Fernglas in der anderen Hand stürmt meine Tochter vorneweg. Kinderlachen klingt, und "schau mal, hier ist wieder etwas im Wald versteckt", ruft vor uns ein kleiner Junge. Auf einer Lichtung entdeckte er den mannshohen Tisch, auf dem das große Hexenbuch liegt. Wieder gilt es, eine Frage im Heft für kleine Hexen zu beantworten. Als dann nach ein, zwei Stunden die Füße müde sind, ist auch das Rätsel um Grisella Glockenkuss - eine kopflose Hexe, die ihren gesamten Hausstand verkehrt herum auf den Hang am Fisserjoch gehext hat - längst entschlüsselt.

"Viel zu einfach"

"Mama", entfährt es meiner Tochter anschließend, "das war jetzt aber viel zu einfach!" Dafür wirkt bei Skye bereits der Zauber, und sie ist vom Abenteuergeist beseelt, der in den Bergen wohnt. Dass sie nicht laufen wollte, hat die Kleine scheinbar längst vergessen. Und als ich am nächsten Morgen etwas brumme, vom Muskelkater, der an meinen Waden nagt - da lacht sie bloß."Soll sie doch ihre Herausforderung haben", denke ich mir und beschließe, mit Skye im Nachbarort Serfaus den Sturzflug-Weg zu erkunden. "Der ist eher was für ältere Kinder, weil er technischer Natur ist und dementsprechend anspruchsvoll", meint jedenfalls Frau Hangl vom Tourismusbüro.

Wer aber auch diesen Weg der "Abenteuerberge" entdecken will, der muss erst einmal dem alpinen Animationsangebot zwischen den Ötztaler Alpen und der Samnaungruppe widerstehen: Kostenlose Kinderclubs bieten Unterhaltung mit Kletterkursen, Nachtwanderungen und allem drum und dran. Der Fisser Flitzer, eine Kilometer lange Sommerrodelbahn und der Fisser Flieger – eine Art fest installierter Drachenflieger, der horizontal über die Alm schießt – haben fast schon Jahrmarktcharakter.

Und meine Tochter, die ja partout nicht wandern will, würde lieber den Tag am Murmliwasser, einem aufregenden Wasserspielplatz am Alpkopf, der von einem Wildbach durchkreuzt wird, verbringen. Die ganze Region ist in den letzten Jahren zu einem wahren Freizeitpark aufgepeppt worden. Unsere Wirtin dem Poltehof, Regina Illmer, gibt zu: "Dort oben ist heuer wirklich viel los." Neben Pferden, Fohlen und typischem Tiroler Grauvieh beherbergt sie seit 35 Jahren Gäste in ihrem gewaltigen Gemäuer: "Die Abenteuerberge, " so räumt die dralle Bäuerin ein und schwingt die Mistgabel mit Leichtigkeit, "die gehören scho eher zur leisen Seite unsrer Bergwelt."

Kunstschatz in der Gepäckkiste

Auf der gut sechs Kilometer langen "Sturzflug"-Wanderung ist der Kompass unser wichtigstes Hilfsmittel. Am Alpkopf in Serfaus soll das Rätsel um einen vermeintlichen Flugzeugabsturz gelöst werden. Der achtjährige Patrik, sein Vater Alexander Horster und Hund Lea laufen mit uns durch die Sommerhitze: "Los, los, nun zeigt mal, wie ihr euch richtig einnordet", ermuntert der Vater, sein Ton ist forsch. Gradzahlen auf Metallpfosten sind der einzige Hinweis, mit dem die kleinen Wanderer ihre Wegrichtung finden.

Nach und nach spüren die Kinder alle Indizien auf - verstreute Flugzeugteile oder Gepäckkisten, in denen Teile eines angeblich gestohlenen Kunstschatzes sind. "Absolut super," urteilen Patrik und sein Papa - ihre Männertour genießen die beiden Detektive sichtlich. "Nur am Strand herumliegen ist doch öde", da sind sich auch die Kinder einig, die fieberhaft suchen – mit dem Fernglas sogar oben in den Bäumen - und im Gehölz: "Dort in der Tanne hängt der Fallschirm", freut sich Patrick und kombiniert: "Ob sich der Pilot wohl retten konnte?"

Ich dagegen bleibe mit den Augen lieber auf dem schönen Weg. Üppig blüht es auf den Bergwiesen - das Knabenkraut in tiefem Violett, und dazwischen rot und weiß die Bergrosen und Margeriten. Orange blitzen vereinzelt die runden Blüten des Habichtskrauts auf. Als hätte ein übereifriger Gärtner noch vor wenigen Monaten hier verschwenderisch gesät. Der klare Bergbach passt zu der Idylle, und ein Stück des Weges waten wir in seinem Bett. Und später, als der "Sturzflug" aufgeklärt und Patrik aus Dortmund längst verabschiedet ist, da sind wir beide froh, dass unser Abenteuer in den Bergen noch nicht ganz zu Ende ist: "Der Forscherweg, der fehlt uns noch", freut sich meine ehemals lauffaule Tochter.

Fliegenpilze, groß wie die Kinder selbst, sollen dort am Wegrand stehen. Und ebenso riesige, aus Holz gearbeitete Tiere, die zu bestimmen sind. Ich finde, als Vorgeschmack und Gutenachtgeschichte passt da an diesem Abend "Alice im Wunderland" besonders gut. "Ach wär's doch bloß schon morgen", seufzt Skye noch kurz vorm Einschlafen. Sie kann es kaum erwarten, den nächsten Teil des Tiroler Wunderlandes zu entdecken.

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