Von Andrea Lammert
Mitten auf einer steilen Serpentinen-Straße bremst ein Kamel die Fahrt des gelben Postbusses. Neugierig steckt es seinen Kopf durch die Fenster. "Keine Angst, das ist Dschingis", beruhigt der Fahrer seine Gäste. Arabien? Nordafrika? Mitnichten. Diese Szene spielt sich in der Schweiz ab. In Safiental, einem völlig abgeschiedenen Tal in den Graubündener Alpen.
Dort oben, wo die Sonne sich monatelang hinter den Bergen versteckt, scheint das übrige Europa ebenso fern wie Nordafrika. Am Eingang der 340-Seelen-Gemeinde grasen Yaks, Lamas und Kamele unter tibetischen Gebetsfahnen auf der Bergweide. Ein gelber Flaum von Schlüssel- und Butterblumenblüten liegt über den sonnenbeschienenen Hängen.
Vor einem der typischen alten Häuser - unten weißer Putz, oben Holzaufbau - sitzt ein alter Mann mit grauem Rauschebart wie Alm-Öhi, in einem selbstgeschnitzten Stuhl und schaut auf die Straße. Auch seine Kleidung passt ins Bild: blaues Karohemd, graue Lederhose. Es ist April. Die Fremden gehen mit Mütze und dicken Jacken spazieren, ein einheimischer Bergbauer läuft barfuß über die Wiesen.
Kein W-Lan, schlechter Handyempfang, aber jede Menge Natur hat das Safiental zu bieten. Für Maria Hunger-Fry eine Oase: "Es hat auch einen Wert, wenn man es abstellen kann, ständig verfügbar zu sein." Wellness ist für sie: "Gute Luft atmen, Wind und Wetter ins Gesicht bekommen, barfuß über Wiesen wandern, anstatt mich hinter Glasscheiben verwöhnen zu lassen."
Die ehrenamtliche Tourismusdirektorin hat in ihrem Dorf einen schweren Stand. Viele Einwohner sind gegen ihre Ideen, im Safiental den Tourismus mit Schneeschuhtouren, Wanderungen, Eisklettern und Kanufahren auszubauen. Sie möchten lieber die bäuerliche Struktur behalten. Innovationen haben es schwer dort oben, wo seit Jahrhunderten die Landwirtschaft dominierte und wo die Menschen Schreiner oder Bauern sind.
Schüttelbrot und Internetzugang
Auch Monica, die wie so viele im Tal den Nachnamen Hunger trägt, runzelt die Stirn beim Wort Tourismus. "Ja, aber nur ganz sanfter", fordert die Betreiberin des einzigen Cafés in Safien-Platz. In Z’Cafi mit seiner Wohnzimmeratmosphäre serviert sie ihren Gästen Safientaler Spezialitäten wie Bündener Gerstensuppe, Holundersirup, Schüttelbrot – und einen Internetzugang.
Man wolle hier keine großen Luxushotels, die die Landschaft verbauen, keine Skilifte, die Narben in den bewaldeten Berghängen hinterlassen, und schon gar keine Shopping-Malls. Dennoch bleibt der Tourismus die einzige Überlebenschance für das Tal, das abhängig ist von öffentlichen Subventionen. Immer wieder werden Gerüchte laut, die Schweizer Regierung plane, das Tal auf Dauer aussterben zu lassen. Zu teuer sei es, Schulen für so wenige Kinder bereit zu stellen, zu viel koste die Instandhaltung der abenteuerlichen Straße.
Fluchtpunkt vor der schnellen Technikwelt
Im Safiental sterben viel mehr alte Menschen, als Babys geboren werden. Und die Jungen wandern ab in die Städte – zur Ausbildung und Arbeit. Pendeln lohnt sich nicht. Der Friseur hat sich schon aus dem Tal verabschiedet, der einzige Arzt reist einmal pro Woche zur Sprechstunde ins Gasthaus Rathaus an.
"Es wäre billiger, jeden von uns in eine Sozialwohnung in Zürich umzusiedeln, als das Tal weiterzufinanzieren", sagt Cafébetreiberin Monica Hunger. Andererseits kämen viele Zürcher her und erholten sich. "Das kann man nicht in Geld messen." Das Safiental bietet so etwas wie einen Fluchtpunkt vor der schnellen Technikwelt.
Tatsächlich, so sagen die Einwohner, ticken die Uhren hier oben langsamer als anderswo. Stress scheint unbekannt. Die Kinder stapeln Kiesel im ausgetrockneten Flussbett aufeinander oder spielen Fußball mitten auf der Straße. Heute kickt der Postbusfahrer mit. Er ist fünf Minuten zu früh dran, lässt den Bus stehen und nutzt die Zeit. Die Pastorin gesellt sich hinzu. Jeder kennt jeden. Man hat Zeit für einen Plausch.
"Die Stadt ist zu laut, zu schnell", meint auch Angelika Bandli. Vor sieben Jahren haben sie und ihr Mann seinen elterlichen Bauernhof übernommen – aber statt auf Kühe zu setzen, schafften die beiden sich zusätzlich zu ihrer Yak-Herde Lamas als Trekkingbegleiter an. Mit denen führen sie gestresste Großstädter in die Berge und lassen sie in einer echten mongolischen Jurte übernachten. Was bei den Einheimischen zunächst Gespött und Stirnrunzeln hervorrief, hat sich inzwischen als erfolgreiches Konzept bewährt: Bandlis Touren sind gut gebucht und ein zweites Standbein zur subventionierten Landwirtschaft.
Später möchte die Familie auch Kamelreiten anbieten. Sie trainiert die beiden Trampeltiere Dschingis und Aladin hart. Jeden Tag führen die Bandlis sie durch das Dorf und üben auf einer Wiese am Rabiusa-Fluss Gehorsam. Dann kann es passieren, dass Dschingis wieder den Postbus stoppt.
Wo die Butter noch nach Butter schmeckt
Die kleine Karawane passiert bei ihrer Tour auch das Alte Rathaus, Gasthaus und Hotel in Safien-Platz. Auf der Terrasse sitzt ein Schweizer Rentnerpaar. Die beiden machen seit einer Woche Urlaub im Safiental, gehen jeden Tag zusammen wandern. "Heute waren wir mal getrennt unterwegs", berichtet der Mann und lächelt: "Hier im Dorf wusste darüber jeder Bescheid. Und als ich in den Postbus stieg, informierte mich der Fahrer gleich, wo meine Frau gewesen ist."
Er mag diese Dorfgemeinschaft – genau wie das gute, selbstgemachte Essen hier oben, Butter, die noch nach Butter schmeckt, das leckere, frischgebackene Brot, die stärkenden Suppen – und natürlich die Natur. "Heute waren wir in den Krokusfeldern. Das muss man einfach gesehen haben: eine weiß-lila Pracht, so weit das Auge reicht." Gestern seien ihnen Steinböcke vor der Nase weggesprungen – und ein Adler sei hoch über ihren Köpfen gekreist.
Schon die schmale Straße in die Orte Tenna, Versam, Valendas, Thalkirch und Safien-Platz ist für die meisten Gäste ein Erlebnis. Sie schlängelt sie sich über 27 Kilometern in steilen Serpentinen die Berge hinauf – breit genug für ein Auto, auf der einen Seite steile Berghänge, auf der anderen Seite die Tiefen der Rheinschlucht. Wer hier hoch fährt, hofft ständig, dass nicht gleich der Postbus entgegenkommt.
Paradies oder Gefängnis
Auf der dreiviertelstündigen Fahrt vom Tiefland in die Höhe zeigen sich immer wieder spektakuläre Ausblicke auf die Rheinschlucht, die sich wie ein Grand Canyon in die Berge gefressen hat. Unten glitzert das Wasser grün vor fast weißen Steinhängen. Doch das verlockende Panorama kann man nur im Vorbeifahren genießen, hier oben gibt es keinen Fotoparkplatz.
Und es gibt kein Freibad, keine Sauna, noch nicht mal einen Geldautomaten im Safiental, beklagen die jungen Einheimischen. Wer will hier oben schon wohnen, wo die Berge ein halbes Jahr lange Winterschatten werfen, anstatt Sonne hereinzulassen? Und wo es keine Arbeit gibt?
Die Gäste schwärmen stattdessen von diesen unverfälschten Graubündener Dörfern. Von saftigen Berghängen. Von Einheimischen, die immer freundlicher werden, mit jedem Tag, den die Gäste länger bleiben. Davon, dem Alltag zu entfliehen und die Welt hinter sich zu lassen. Von Tagen, die so langsam und unaufgeregt vergehen, dass die einzige Attraktion der Postbus mit seinen neuen Gästen ist. Dieses Lebensgefühl bringt Kameltrainerin Angelika Bandli: "Entweder findet man es das Paradies – oder das Gefängnis. Ein bisschen Hiersein kann man nicht."
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