Hamburg/Dortmund - Bahnhof Hamburg-Altona, Gleis 9: Am Eingang des Schlafwagens nach Paris steht Zugbegleiter Wolfgang Kriesel. Er begrüßt die Fahrgäste und kontrolliert die Bettkarten. Sein Zug gehört zur Marke City Night Line (CNL), unter deren Namen die Deutsche Bahn (DB) 29 Verbindungen in neun europäische Länder anbietet.
Wer mit ihnen oder anderen Nachtzügen in Europa unterwegs ist, merkt rasch: Reisen mit dem Schlafwagen, den die Betreiber gern als "rollendes Hotel" bezeichnen, sind kein unerschwinglicher Luxus mehr. Pünktlich rollt der CNL-Zug mit der Nummer 236 um 20.08 Uhr los. Um 9.14 Uhr am Tag darauf wird er den Pariser Nordbahnhof erreichen.
Kriesel, seit 30 Jahren im Dienst, fragt die Gäste nach Wünschen wie Weckruf oder Getränken. Einem Fahrgast gibt er ausführliche Tipps zu seiner Lieblingsstadt Paris. Der Reisende, der Speditionskaufmann Mike Berger, will aber nur bis zum Abend in Frankreichs Hauptstadt bleiben und dann - ebenfalls im Schlafwagen - nach Madrid weiterfahren.
Berger gehört zu der Gruppe von Bahn-Enthusiasten, die den Zug selbst auf zeitraubenden Reisen dem Flugzeug vorziehen. Madrid ist nicht seine Endstation: "Ich gebe das Gepäck in die Aufbewahrung und fahre am Abend weiter nach Lissabon, um dort für zwei Monate zu arbeiten." "Vor ein paar Jahren noch gab es eine direkte Schlafwagenverbindung von Paris aus, die ist aber eingestellt", sagt er bedauernd. "Aber so kann ich einen Tag in Madrid verbringen."
Einwöchige Rundfahrten durch Europa
Unter dem Motto "Reisen in der Nacht, Sightseeing am Tag" bietet die Deutsche Bahn auch einwöchige CNL-Rundfahrten durch Europa an. "Das Angebot ist bei Bahnfans inzwischen sehr beliebt", sagt Michael Kolb von der Betreibergesellschaft DB AutoZug in Dortmund. Im Liegewagen zahlen die Gäste pro Person - je nach Saison - 280 oder 350 Euro für sieben Nächte, im Schlafwagen 455 oder 546 Euro. "Im Schlafwagen ist das Frühstück im Reisepreis enthalten." Derzeit sind elf Rundreisestrecken im Angebot. Sie beginnen in Hamburg, Berlin, Köln, München, Freiburg und Zürich und enden dort auch wieder.
Der Mittdreißiger Gerd Mahnke und Freundin Silvia belegen im Schlafwagen Hamburg-Paris ebenfalls eines der Abteile mit bezogenen Betten. Von der Seine aus will das Paar weiter nach München fahren. Die nächsten Stationen sind Kopenhagen, Köln, Berlin und Brüssel, ehe es wieder heißt "Ankunft Hamburg". Laut Kolb muss der Aufenthalt in den einzelnen Städten nicht auf einen Tag beschränkt bleiben.
City Night Line ist einer von mehreren Nachtzug-Anbietern in Europa - ein dichtes Netz von Schlafwagenverbindungen überzieht den Kontinent. Deutschland dient dabei als zentrale Drehscheibe, auch beim Angebot anderer europäischer Bahnen. Bahnfan Mike Berger schwärmt zum Beispiel vom polnischen Transkontinentalzug "Jan Kiepura" zwischen Amsterdam und Moskau, der über Warschau führt. Auch Ziele wie St. Petersburg, Novosibirsk oder Odessa liegen in Reichweite. "Heute kann man in Schlafwagen von Lissabon nach Moskau reisen, man muss nur ein paar Mal die Züge wechseln", so Berger.
Zwischen Paris und Istanbul verkehrte einst ein Zug, der mit seinen Salon- und Schlafwagen als Inbegriff des luxuriösen und abenteuerlichen Reisens galt: der Orient-Express. Es gibt ihn in seiner ursprünglichen Form nicht mehr - und doch hält sich der Name. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) etwa lassen unter diesem Namen den Schlafwagenzug EN 265 von Straßburg nach Wien verkehren.
Auslandstickets am Schalter buchen
Für ihre Nachtreisen bietet die City Night Line mehrere Kategorien an. Es gibt Deluxe-Abteile mit eigener Dusche und WC, Economy-Abteile mit Waschgelegenheit, die spartanischen Liegewagen, Ruhesessel sowie die klassischen Sitzplätze. Bei anderen Anbietern, vor allem in Osteuropa, muss der Reisende beim Standard Abstriche machen. "Super sind jedoch die Hotelzüge in Spanien und Portugal", sagt Berger.
Mehr als 300.000 Reisende buchten in jüngster Vergangenheit pro Jahr Plätze in Schlafwagen, etwa 700.000 sind es in Liegewagen. Auch viele Geschäftsleute nutzen die Möglichkeit der Nachtreisen: Die Züge kommen morgens zu einer vernünftigen Zeit an und fahren abends so wieder ab, dass auch für ein Essen noch Zeit bleibt. "Abends arbeiten noch viele Manager in ihren Abteilen", beobachtet Schaffner Kriesel.
Direkte Verbindungen sind eigentlich einfach zu buchen, auch online. Bei Streckenkombinationen kann es aber komplizierter werden - vor allem dann, wenn auf Tarife und Konditionen ausländischer Bahnen zu achten ist. "Fahrkarten erhalten die Reisenden in den großen Reisezentren", so Sabine Brunkhorst von der DB in Hamburg. "Der Vorgang dauert aber mehr als fünf Minuten." Mike Berger kann das bestätigen: "Mit meinen drei Tickets nach Lissabon hatte die Dame am Schalter gut zu tun."
Horst Heinz Grimm, dpa
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