Von Peter Wensierski
Eine Zeitschrift namens "Frau im Leben" offerierte eine Art Turbo-Pilgern als Highlight-Hopping für Pilger-Einsteiger: "Jakobusweg zum Kennenlernen, Komfort inklusive. Besonders schöne Strecken wandern wir, dazwischen bringt der Bus die Gruppe zu den Sehenswürdigkeiten."
Bei so viel drohender Aufweichung dürfen natürlich die ersten Angebote zurück zum Hardcore-Pilgern nicht fehlen. Wer etwa mit den protestantischen nordhessischen Klosterbrüdern von Germerode mitlatschen will, muss sich strengen Pilgerregeln unterwerfen.
Zurück zum Hardcore-Pilgern: "Ausgang entfällt"
Eine Kostprobe: "Wir verzichten dem Pilgercharakter entsprechend auf Alkohol, Nikotin und Eis, wir suchen keine Gaststätten, Kioske und Geschäfte auf ... wir bleiben am Abend zusammen, somit entfällt ein Ausgang in die betreffende Ortschaft ..." Wecken ist um 6 Uhr morgens, nächtliches Schweigen ab 21 Uhr. Tagsüber zahlreiche Gebete und Meditationen.
Pilgern ist nämlich nicht wandern. "Pilgern muss weh tun, Wandern darf Spaß machen", definiert Erik Neumeyer vom Deutschen Wanderverband den Unterschied bei einer Podiumsdiskussion mit Kirchenvertretern auf der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse ITB in Berlin. Wandern habe eigentlich kein Ziel, ergänzte Reinhard Kürzinger, Leiter der Pilgerstelle Eichstätt. "Es ist einfach eine Wanderung zu sich selbst."
Anders als Wanderer beziehen Pilger in der Regel unterwegs auch weniger luxuriöse Quartiere. Die Suche nach geeigneten Herbergseltern am Rande der neuen Wege in Deutschland war den Initiatoren der Strecken daher besonders wichtig. Schlicht und billig soll es sein, getreu dem Jesus-Wort: "Ich war fremd und ihr habt mich beherbergt."
Auf der Strecke zwischen Görlitz und Eisenach fanden sich schon mehr als hundert freiwillige Gastgeber, in Arnsdorf etwa "in der unbeheizten Pfarrhofscheune" oder "bei Familie Schmidt in der Gartenlaube". Ein Malermeister Kasner in Weißenberg bietet "Vier Betten und vier Matratzen für Pilger" an. In Reichenau wurde das Armenhaus zur "idyllischen Pilgerherberge für acht Personen" umgebaut. Ähnliches ist überall entlang der deutschen Routen im Aufbau.
Sinnsuchende, frisch Getrennte, Männer in der Midlife-Crisis
Die neuen Pilgerführer und -ausweise sind gefragt wie nie. In den Ausweisen sammelt man entlang der Route als Nachweis die Stempel der Kirchengemeinden. Das Internet ist voller enthusiastischer Pilgerblogs und Reiseberichte. Verfasst von einer bunten Mischung Bundesbürger, die man auch auf den Wegen antrifft: Frauen, die sich von ihrem Partner getrennt haben, junge Leute vor der Berufswahl, Männer um die 50, in der zweiten oder dritten Lebenskrise, sinnsuchende Pärchen oder zeitweilige Berufsaussteiger.
Der oberste deutsche Katholiken-Chef, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, ist "froh und dankbar für das große Interesse am Pilgern und Wallfahren. Wer sich dazu entschließt, der ist bereit, Gewohntes und Vertrautes hinter sich zu lassen, um Gott an besonderen Orten oder auf den Spuren besonderer Menschen neu zu erfahren." Dabei haben die Amtskirchen den Trend beinahe verschlafen. Die neuen Pilgerstrecken gehen oft auf Privatinitiative zurück. Den Ökumenischen Pilgerweg von Görlitz durch den Osten hat eine 25-jährige Religionspädagogin initiiert.
Esther Zeiher forschte in alten Dokumenten nach, wo denn die mittelalterlichen Pilgerströme entlanggelaufen seien. Alte Wegkreuze wurden gesucht, Chroniken gewälzt. In etwa entspricht der neue Weg dem historischen.
Doch wo die Pilger früher entlang der Handelsrouten gingen, sind heute Bundesstraßen oder gar Autobahnen - zur Selbstfindung nicht direkt geeignet. So hat man die neuen Jakobswege oft auf Parallelstrecken verlegt, die landschaftlich reizvoller sind oder an Kirchen vorbeiführen.
Das wiederum sehen Regionalhistoriker wie der Augsburger Kreisheimatpfleger Walter Pötzl kritisch: "Heute laufen die Pilger durch einsame Wälder und Wiesen. Das wäre im Mittelalter viel zu gefährlich gewesen. Dem Pilger wird vermittelt, dass er sich auf historischen Pilgerwegen befindet, das ist auf weiten Strecken nicht der Fall."
Achtung, Nebenwirkung
Der Weltenwechsel heutiger Pilger ist viel stärker als beim mittelalterlichen Pilgern. Unterwegs sind sie reduziert auf fast nichts, ohne Terminpläne, ohne festen Wohnsitz. "Da tauchen Dinge in dir auf, ohne dass du sie dir vornimmst", sagt Neu-Pilgerin Clara, 32, die Anfang August in Görlitz aufgebrochen ist. "Das lange Gehen vereinfacht das Leben, reinigt und leert, das ist das ganze Geheimnis des Pilgerns."
Inzwischen bildet ihre Kirche sogar "Pilgerbegleiter" aus, um die meist allein oder zu zweit Gehenden seelsorgerlich zu betreuen. Denn beim Gehen kommt vieles hoch. Schwester Johanna, die in Volkenroda Pilger empfängt, warnt geradezu ein wenig vor den Nebenwirkungen des Pilgerns: "Die Konfrontation mit sich selbst kann die Lebensthemen derart verdichten, dass die nette Plauderei mit anderen Pilgern in den abendlichen Quartieren nicht ausreicht."
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