Neapel/Pompeji - Der Meister hüllt sich in Wolken und in Schweigen. Ganz so, als wolle er den Blick verschließen für all den Müll, der sich auf den Straßen zu ihm hinauf immer noch stapelt. Im Radio der süditalienischen Millionen-Metropole Neapel ist eine erhitzte Diskussion im Gang über das jüngste Dekret aus Rom, das harte Strafen für die verkündet, die in der Gegend rund um den Vesuv verrostete Autos oder kaputte Kühlschränke einfach am Rand der Straße entsorgen.
Gelangweilt stellt der Fahrer des "Vesuv-Express" das Radio und das Fahrzeug ab, lädt das Dutzend Touristen aus. Noch ein steiles Zickzack-Stück zu Fuß und der Schlund des schlafenden Kolosses ist erreicht - der einzige aktive Vulkan auf europäischem Festland, dessen Ausbruch vor bald 2000 Jahren Pompeji begrub.
Oben am Kraterrand wabern undurchdringliche Schwaden über die rote Lava. Nein, hier brodelt es nicht von unten aus der Tiefe heiß hoch, droht kein tödlicher Gashauch oder ein höllisch glühender Magmastrom.
Vielmehr ist der 1281 Meter hohe Vesuv am Golf von Neapel zunächst einmal einfach nur ein Berg. Und als solcher hüllt er sich oft in dicke Wolken. Von der Insel Capri aus mag das so aussehen, als wenn sich Rauch und Dampf aus dem Erdinneren Bahn brechen würden. Doch es regnet nur, nieselt unaufhörlich. Kälte und Feuchtigkeit dringen durch und durch. Auch der Andenkenverkäufer leidet, bietet lustlos seine Mineralien an und kampanischen Wein. Das soll der gefährliche Vesuv sein, von dem Forscher sagen, er könne schon bald wieder aktiv werden und das Leben von Hunderttausenden gefährden?
Fischer haben andere Probleme als den Vulkan
Tags darauf ziert nur noch eine Wolke den Krater, die sinnigerweise genau so aussieht wie die Rauchfahnen des spuckenden Vulkans, wie sie auf jedes gemalte Bild von Neapel mit dem Vesuv gehört. Grandios steht er im Sonnenlicht über dem pittoresken Golf, doch die Fischer am Strand der Marina Grande von Sorrent drehen ihm den Rücken zu.
Der Vesuv soll wieder gefährlich werden können? Sie zucken die Achseln, studieren lieber die Sportzeitung, zumal Neapels Erstligaclub wieder famos gespielt hat. Was ihnen unter den Nägeln brennt: wie sie sich mit ihren mageren Fangquoten über Wasser halten, das jüngste Müllchaos, die Armut in Zeiten der Wirtschaftskrise und die ungewisse Zukunft.
Denn ein verheerender Gewaltausbruch aus der Tiefe sei wieder möglich, so wie an jenem Augusttag im Jahr 79 nach Christus, als Lavamassen nicht nur das antike Pompeji unter sich begruben und allein dort weit mehr als 12.000 Menschen töteten. Rund um die Uhr beobachten Wissenschaftler des Osservatorio Vesuviano deshalb jede Regung des Vesuvs, und der italienische Zivilschutz arbeitet an ehrgeizigen Evakuierungsplänen.
"Das Leben ist endlich"
Wenn der Neapolitaner vom Vesuv spricht, wird er philosophisch. Und eine Spur Stolz mischt sich ein: "Den sehen die Leute nicht als Gefahr. Sehen Sie, das Leben ist endlich", erklärt Hotelportier Mario dem neugierigen Gast: "Man weiß nicht, wann es passiert." Eine Art Schicksalsergebenheit, eine mediterrane Sicht des Lebens. Zumal doch Tausende vom Vesuv leben, der die Touristenströme anzieht. Ganz zu schweigen von den Millionen, die Jahr für Jahr Pompeji oder Herculaneum besuchen, die ihre Attraktivität auch dem Vesuv verdanken.
Mit der Wetterbesserung wird auch der Blick wieder frei auf das, was damals mit Lava zugeschüttet und damit konserviert wurde. Mehr als 2,5 Millionen Touristen sind im Jahr 2007 nach Pompeji geströmt, fasziniert von der riesigen Ruinenstadt aus antiker Zeit.
Seit 1997 auf der Liste des Unesco-Kulturerbes, stellt Pompeji die Archäologen vor einen Berg schier unlösbarer Aufgaben. Die Größe der antiken Stadt ist es jedoch nicht allein, wenn Pessimisten "einen zweiten Untergang Pompejis" befürchten. Der Zahn der Zeit, Vandalismus und Untätigkeit bedrohen Mauern, Fresken und Wandmalereien; bürokratischer Wildwuchs und unterschiedliche Interessen behindern dringend notwendige Arbeiten.
Pompeji, das ist ein langer, faszinierender und auch ermüdender Stadtspaziergang über holpriges Pflaster in die ferne Vergangenheit. Das Labyrinth der Ruinen, Mauerstücke und Gassen ist auch das Revier von zahlreichen streunenden Hunden, vor denen gewarnt wird und die für manche nur die vierbeinige Verkörperung des Verfalls sind.
Weitere Anzeichen sind die Räuber, die in dem noch unter Vulkanasche liegenden Teil Pompejis außerhalb der Unesco-Stätte graben, und im Sommer die Halsabschneider auf der Jagd nach zahlungswilligen Touristen, die einen Parkplatz für ihr Auto suchen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Europa | RSS |
| alles zum Thema Italien-Reisen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH