Federico ist einer der lizenzierten Führer durch die Ruinenstadt, Typ Latin Lover mit auch im Spätherbst noch sonnengebräunter Haut. Gerade erklärt er den Isis-Tempel. Aus anderen pompejanischen Gassen hallt es in vielen anderen Sprachen. Familie Schütte aus Berlin steht auf ihrer Tageswanderung vor einer der vielen Schranken - Vietato, verboten! Eigentlich wollten sie die Thermen besichtigen, doch die werden gerade restauriert.
Italien, das zeigt sich hier an allen Ecken und Enden, ist mit seinem Erbe mehr als geschlagen: Sicherung, Restaurierung und Öffnung der antiken Stätten für das Millionenpublikum verschlingen Unsummen. Geld, das in Krisenzeiten nicht locker sitzt.
Zum Beispiel diese Thermen, die sich die Berliner Familie so gern angesehen hätte. Mehr als eine halbe Million Euro kostet es, allein dieses kleine Stück Antike wieder auf Vordermann zu bringen. Dauernd stößt man in Pompeji auf Absperrungen ganzer Quartiere, Gassen oder Villen. Hässliche orangefarbene Plastikstreifen, zwischen Türpfosten oder Mauern gespannt, halten die Besucher zurück. Die Antike wird so zur Baustelle der Neuzeit. Hier kratzen Touristen mal wieder an dem, was von der Wandmalerei überhaupt noch übrig geblieben ist. Dort sind empfindliche Ruinen nur notdürftig gegen Wettereinflüsse geschützt. Und dazwischen die Highlights: Theater, Foren und Villen.
Neugierige Besucher mögen auch bedauern, dass es so wenig Informationstafeln auf dem 44 Hektar großen Gelände gibt - wie es scheint, soll sich jeder einen Pompeji-Führer leisten müssen, einen wie Federico oder wenigstens einen dieser eher lästigen Audioguides mit Ohrstöpseln. Auf dem Gelände selbst ist wenig Personal zu sehen, kaum jemand schaut hier nach dem Rechten oder ist für Fragen offen.
Soll Pompeji tatsächlich ein zweites Mal zugrunde gehen - an Kompetenzstreitigkeiten gleich mehrerer Behörden, an Geldmangel und an der Kluft zwischen den Prioritäten und Sorgen der Wissenschaft einerseits und den Wünschen der Besucher andererseits?
Weil der Kunstraub floriert und die Ausgrabungen vom Zerfall bedroht sind, hat die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi im Juli den Notstand über Pompeji verhängt und einen Sonderkommissar eingesetzt. "Die Lage in Pompeji als inakzeptabel zu bezeichnen, ist noch beschönigend", schimpfte Italiens Kulturminister Sandro Bondi: Zusehends verwildert eine der meistbesuchten Attraktionen des Landes, selbst Toiletten funktionieren nicht. Und zahlreiche restaurierte, mit Fresken ausgeschmückte Villen und ein Museum bleiben für die Besucher Tabuzonen.
Restaurierung als Sisyphusarbeit
Wie es scheint, führt aber der Vorstoß Roms in Pompeji zu einem "Duell", wie die Turiner Tageszeitung "La Stampa" schrieb. "Der Notstand in Pompeji, das ist die Tatsache, dass zwei Drittel für die Besucher gesperrt sind", sagte Sonderkommissar Renato Profili und traf erste Entscheidungen. Das wiederum passt dem umstrittenen pompejanischen Superintendenten Pier Giovanni Guzzo überhaupt nicht.
Er sieht auch keine "ernste Gefahr" und keinen Niedergang der weltweit renommierten Kulturstätte: "An die Besucher Pompejis zu denken, das darf eben nicht auf Kosten des Schutzes der Kulturgüter und der Restaurierungen gehen." Daraus spricht der Konservierer, und so stehen sich zwei Weltanschauungen gegenüber. Profili macht sich derweil an die Sisyphusarbeit: Er lässt antike Villen öffnen und Toiletten reparieren, kümmert sich um den Brandschutz und um die Videoüberwachung.
Vom Amphitheater aus fällt der Blick auf den Vesuv, der mächtig und nicht allzu fern die antike Ruinenstadt überragt. Wissenschaftler warnen: Alle 2000 Jahre sei ein folgenschwerer Ausbruch des Vulkans zu befürchten - der letzte war vor 1929 Jahren. Weil bis zu eine Million Menschen bedroht sein könnten, müsse das Magma in acht bis neun Kilometern Tiefe genauer untersucht werden. "Wenn es dem ähnelt, das die Eruption im Jahr 79 erzeugt hat, kann man von einem äußerst gefährlichen Ausbruch in der Zukunft ausgehen", erklärt Bruno Scaillet vom französischen Geowissenschaftlichen Institut in Orléans. Sollte ein "Gesteinskorken" im Vulkanschlund dem Magma den Weg versperren, baut sich enormer Druck bis zur heftigen Eruption auf.
Bauverbote in Vulkannähe und finanzielle Umzugsanreize für all diejenigen, die in der gefährdeten "Roten Zone" rund um den Vesuv wohnen, haben nichts daran geändert: Hunderttausende leben in einem Kranz von 17 Dörfern und Kleinstädten am Fuße des Berges. "Niemand weiß heute, wann der nächste Ausbruch kommt", sagen Neapels Vulkanologen, die den Vesuv Tag und Nacht beobachten.
Die geophysischen und -chemischen Parameter werden verglichen, jede Abweichung ausgewertet. "Vorläufer eines Ausbruchs können wir jedoch schon lange vorher feststellen, derzeit ist aber alles im grünen Bereich", heißt es im Osservatorio Vesuviano. Fluchtpläne gibt es jedenfalls. In den Sternen steht somit, was die antike Welt mehr bedroht - die Launen des Vulkans oder der langsame Zerfall.
Von Hanns-Jochen Kaffsack, dpa
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