Bozen: Ein Hauch von Süden

Von Sigrun Albert

2. Teil: Eine Gärtnerei als Kulturstätte

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Die Faschisten haben nach 1922 große Stadtteile westlich und südlich der Bozner Altstadt errichtet, um Industrie und Tausende von italienischen Arbeitern anzusiedeln und so die Deutschen, ihre Sprache und Kultur zu verdrängen. Ihre Architektur war ein Gegenentwurf zum verwinkelten Stil der mittelalterlichen Stadt, radikal modern, mit schnörkellosen Fassaden, Flachdächern und Prachtboulevards.

Bis heute scheiden sich die Geister an diesen Bauten, viele Deutschstämmige lehnen sie ab, es ist die Architektur der Unterdrücker. Aber wenn du den Justizpalast, den Sitz des IV. Armeekorps und das Finanzamt mit unparteiischem Blick betrachtest, wird dich ihre kühle Schönheit vielleicht an Bauhaus-Architektur erinnern.

Bis heute ist Bozen die einzige Stadt Südtirols, in der der Anteil der italienischsprachigen Bevölkerung mit 75 Prozent den der deutschsprachigen weit übersteigt. Die beiden Bevölkerungsgruppen haben sich in den vergangenen Jahren angenähert, miteinander verschmolzen sind sie nicht.

Im "Fantasy", einer Kneipe am Corso Libertà, der Hauptstraße des italienischen Bozens, sitzt Rosso – noch so ein Wirt, den alle nur unter seinem Spitznamen kennen. Auch er serviert Wein mit Aperol und Ciabatta. "Ich komme aus dem Trentino", sagt er, "ich fühle mich als Italiener. Aber meine Kinder, die wachsen als Südtiroler auf."

"Hier kennt ja jeder jeden"

Martina Schullian ist heute Abend der einzige deutschsprachige Gast bei Rosso. Blonde Haare, moderner Kurzhaarschnitt, blitzblaue Augen, flotte grüne Trainingsjacke. Von Beruf ist Martina Schullian Gärtnereibesitzerin, von Herzen Südtirolerin. Sie hat in München und Wien Kunstgeschichte studiert und kehrte zurück nach Bozen, um die Gärtnerei ihres Vaters zu übernehmen.

Nach ihrer Rückkehr hat sie sich zunächst nicht sehr wohl gefühlt in Bozen. "Ich habe die Anonymität der Großstadt vermisst, hier kennt ja jeder jeden." Zumal viele Bozner in ihrer kleinen Welt bleiben. Die Deutschsprachigen leben in der Altstadt oder im fast ländlichen Viertel Gries, und in ihren Stadtvierteln kommt man gut durchs Leben, ohne ein Wort Italienisch zu sprechen.

Viele Italiener dagegen wohnen in Hochhaussiedlungen weit weg vom Stadtkern. Die Altstadt besuchen sie höchstens mal sonntags, zum Schaufensterbummel. Oder in der Vorweihnachtszeit. Dann drängen sie sich gemeinsam mit den Touristen um die Buden auf dem Weihnachtsmarkt und bestaunen dessen alpenländische Atmosphäre.

Martina Schullian empfand dieses Nebeneinander der Welten nach ihrer Zeit in der Großstadt als ziemlich engstirnig. "Mir hat der Austausch mit Menschen gefehlt, die nicht zu meinem engen Bekanntenkreis gehören", sagt sie. Und die Zufälle hat sie vermisst – dass man durch ein Stadtviertel läuft und eine Galerie entdeckt oder eine abgerockte Bar. Deshalb hat sie sich ihre Bozner Welt so eingerichtet, wie sie sie zum Glücklichsein braucht. Sie wohnt mit ihrer Familie im italienischsprachigen Teil der Stadt, die Kinder sprechen Deutsch so gut wie Italienisch, ihr Freundeskreis ist gemischt.

Und dem Zufall, dem hat sie ein wenig nachgeholfen: Ihre Gärtnerei ist nur tagsüber ein Geschäft, in dem man Geraniensetzlinge für den Balkon kauft oder einen Oleander für die Terrasse. Abends lässt Martina Schullian die Pflanzenkübel im Gewächshaus zur Seite rücken, Kerzenständer aufstellen und organisiert Lesungen, Ausstellungen oder Konzertabende. Eine Gärtnerei als Kulturstätte – da hat der Cobo schon recht, das hat New York wahrscheinlich nicht zu bieten. Aber Bozen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Europa
alles zum Thema Italien-Reisen

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Samstag 31.01.2009 | 13:27 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
TOP



TOP