Von Martin Cyris
Mit voller Wucht pressen sich die Kanten der Ski in die Piste. Der harte Schnee knirscht lautstark. Die Bretter vibrieren und lösen kleine Brocken aus dem gefrorenen Untergrund. Etwa zwei Meter vor dem Skilehrer kommt die Fahrerin zum Stehen und hüllt ihn in eine weiße Staubwolke. Paul Prader lächelt zufrieden. "Gut gemacht, Tina!", lobt er.
Prader ist Leiter der Skischule auf dem Berg Plose bei Brixen in Südtirol. An diesem Nachmittag umklammert er statt seiner Skistöcke zwei überdimensionale Plastikhände. Eine in Grün, eine in Rot. Sobald sich ein Teilnehmer seiner Gruppe nähert, streckt er eine davon ruckartig in die Höhe. Rot bedeutet "Stopp!" - Tina hat ihre Abfahrt deshalb mit einem scharfen aber technisch gekonnten Schwung abgebrochen.
Warum die ganze Übung, wo doch weit und breit kein Grund für die Vollbremsung erkennbar ist? "Die Leute sollen den Bremsschwung verinnerlichen, wenn ein plötzliches Hindernis auftaucht", erklärt Paul Prader. Viele Fahrer, vor allem Ungeübte, würden bei einem Hindernis auf der Piste dazu neigen, sich auf den Hosenboden zu setzen anstatt einen gestandene Stopp hinzulegen.
Mit dem Ergebnis, dass sie die Kontrolle endgültig verlieren und erst recht ins Hindernis schliddern. Wer gelernt hat, richtig zu bremsen, und auf der Piste stets mit Unvorhergesehenem rechnet, fährt sicherer. Eine Binsenweisheit. "Aber leider fährt der gesunde Menschenverstand nicht immer mit", sagt Prader. Das Skisicherheitstraining soll Abhilfe schaffen.
Nur wenige wissen, wie schnell sie sind
Kurz unterhalb des Gipfels ist die freistehende Plose relativ flach, ausladend und baumlos. Aus dem Eisacktal betrachtet wirkt das Massiv wie eine Schneekappe. Der Rundblick ist phantastisch: Zillertaler Alpen, Ötztaler Alpen, Stubaier Alpen und die Brentagruppe ragen in der Ferne auf, die Dolomiten scheinen dagegen zum Greifen nah. Viele Pisten auf der Plose sind breit und angenehm zu befahren. Mit ihren neun Kilometern gilt die sogenannte Trametsch-Abfahrt als längste Südtirols.
Die Stelle, an der Prader seine Schüler abrupt stoppen lässt, weist nur eine mittelschwere Neigung von etwa 30 Grad auf. Die Skifahrer erreichen dennoch in Sekundenschnelle Geschwindigkeiten von 50 km/h. Bei einem solchen Tempo kann es ohne Helm und ohne Sinn für die richtige Technik bei einer Kollision für die Gesundheit schon kritisch werden.
Zum Vergleich: Nach dem Zusammenstoß des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus Anfang Januar mit der dabei tödlich verletzten Skifahrerin kursierten Schätzungen der österreichischen Polizei, wonach beide Unfallbeteiligten rund 50 km/h schnell waren.
Die Unterschätzung des Tempos ist ein Phänomen, das unter Skifahrern offensichtlich weit verbreitet ist. "Nur wenige haben eine Ahnung, wie schnell sie überhaupt unterwegs sind", erklärt Prader. In einem steileren Teil des Sicherheitsparcours sollen die Teilnehmer deshalb in Schussfahrt an ihm vorbeiflitzen. Fast alle erreichen spielend Geschwindigkeiten von über 70 km/h. Der Schnellste ist mit Tempo 85 unterwegs. Nach der eigenen Geschwindigkeit befragt, liegen alle weit daneben. Meistens weit darunter.
Wenig Interesse bei Touristikbetrieben
Im Mittelpunkt der Kritik stehen immer wieder Hightech-Skimodelle, etwa moderne Carving-Ski. Sie ermöglichen es auch Anfängern, ohne ausgefeilte Technik und Erfahrung rasant talwärts zu wedeln. Doch sie sind nur ein Grund, weshalb sich auf Skipisten regelmäßig haarsträubende Situationen ergeben.
Ein anderer ist, dass das Thema Sicherheit von denen vernachlässigt wurde, die an den ungestörten Schneefreuden verdienen: Tourismusindustrie, Pistenbetreibern, Skischulen. Der erhobene Zeigefinger wirkte wie ein Störfaktor beim Ansturm auf die Lifte. Fahrtsicherheitstrainings wie auf der Plose sind jedenfalls noch eine Seltenheit. Immerhin, der Fall Althaus hat die breite Öffentlichkeit wachgerüttelt. Auch in Südtirol war der Unfall des deutschen Politikers ein Thema.
Trotzdem ist mit den Fahrtsicherheitstrainings nur wenig Geld zu verdienen. "Die Leute wollen am Berg den Alltag vergessen", sagt Prader. Gefahren würden zwar diskutiert, aber dann wieder verdrängt. "Viele glauben, wenn sie einen Helm tragen, sind sie automatisch auf der sicheren Seite", meint Prader.
Um überhaupt Interessenten zu motivieren, bietet der Skilehrer auf Anfrage Einzelkurse in Sachen Sicherheit derzeit kostenlos an. Bucht ein Schüler einen ganzen Wochenkurs, wird der Sicherheitsparcours automatisch in den Kursplan integriert. Dazu gehören auch Verhaltensübungen zu den Themen Pistenkreuzungen, liegende Hindernisse hinter einer Kuppe, Fahrbahnverengungen und das Erklären der Warnschilder.
Vor sechs Jahren startete ein ehemaliger Mitarbeiter der Skischule Plose das Training. "Am Anfang war das Interesse sehr gering", sagt Prader, "die Schule wollte das Training sogar schon einstellen." Und von anderen Skigebieten sei man mitleidig belächelt worden.
Dabei mangelt es selbst erfahrenen Skifahrern an einfachsten Kenntnissen über das Verhalten auf der Piste. Dieses wird von zehn Verhaltensregeln geregelt, die der internationale Skiverband FIS aufgestellt hat. Sie gelten weltweit auf allen Skipisten – und nach Unfällen auch vor Gericht. Stichprobenartig danach befragt, wüssten viele Skifahrer nicht, dass es verbindliche Verhaltensregeln gibt, so Prader. Und er bringt sogar Verständnis auf: "Würde man mich nach den zehn Geboten befragen, wüsste ich auch nicht alle."
Viele Skilehrer noch ohne Helm
Mittlerweile setzt auch die Landesberufskammer der Skilehrer in Südtirol auf Prävention. Sie hat das Konzept der Plose übernommen und wandert in diesem Winter mit einem Sicherheitsparcours von Skigebiet zu Skigebiet. Auch dabei soll der Skispaß nicht zu einer moralinsauren Veranstaltung verkommen.
"Wir wollen den Sport nicht dämonisieren", sagt Claudio Zorzi, der Präsident der Landesberufskammer. Ihm sei es lieber, Fehlverhalten an den Skihängen durch Information zu verhindern als durch Androhung von härteren Gesetzen und Strafen. Immerhin, das Interesse der Freizeitsportler an dem Sicherheitsparcours in den besuchten Skigebieten ist laut Zorzi rege. Wohl auch, weil die Teilnahme kostenlos ist.
Gratis-Anschauungsunterricht erhält auch jeder, der für eine Weile eine gewöhnliche Skipiste im Auge behält. Weil Lernen durch Beobachten das einfachste Lehrmittel ist, führt Prader die Teilnehmer zum Schluss des Trainings in den Zielraum einer Piste. Dort beobachtet er mit ihnen die Szenerie. Innerhalb weniger Minuten ist das Sammelsurium an Regelverstößen komplett:
Ein Tourengeher, der am Rand der Skipiste den Berg erklimmt. Eine Mutter, die sich mit ihrem müden Kind hinter einer Kuppe in den Schnee setzt. Eine Snowboarderin, die mehrfach die Pistenbegrenzungen durchfährt, um seitlich von der Böschung wieder hineinzubrettern. Ein Rodler, der mit dem Schlitten unter dem Arm die Piste von links nach rechts durchstiefelt. Ein leicht gestürzter Skifahrer, der die Piste nicht sofort frei macht, sondern mitten auf der Strecke zum Handy greift und telefoniert – und dann in aller Seelenruhe weiterfährt. Ein Pistenrambo, der mehrfach andere Fahrer schneidet. Eine junge Mutter, die ihr Baby im Rucksack mitfahren lässt. "Unverantwortlich", sagt Prader und schüttelt den Kopf.
Zumindest unverständlich ist es auch, dass es noch Skilehrer gibt, die in ihren Kursen keinen Helm tragen. Obwohl Kinder bis 14 Jahren in Italien einen Helm tragen müssen und Skilehrer eine Vorbildfunktion inne haben. "Weshalb tragen Skilehrer keinen Helm?", erzählt Prader einen Insiderwitz, "weil sie Quadratschädel haben." Bislang gewährte er seinen Ausbildern eine Übergangszeit. Doch von Februar an versteht Prader keinen Spaß mehr – dann müssen auch alle seine Mitarbeiter einen Helm tragen.
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