La Maddalena - Schroffe Felsen, Fjorde mit mediterranem Touch. Palmen, Wacholder- und Pinienwäldchen, riesige rosarot blühende Oleanderbüsche: Was vor der sardischen Nordostküste als Archipel La Maddalena aus dem azurblauen Wasser zu steigen scheint, sieht aus wie Norwegen am Mittelmeer. Dazu kommen traumhafte Strände, umrahmt von bizarren Felsformationen. Die Gruppe von wild verstreut liegenden Hauptinseln, sieben an der Zahl, bildet seit 15 Jahren einen Nationalpark.
Nur die größte von ihnen, die dem Archipel den Namen gibt, ist das ganze Jahr über bewohnt. Und bis vor einer Woche war sie noch als Konferenzort für Italiens G8-Gipfel der führenden Industriestaaten auserkoren. Doch dann kam das Erdbeben in den Abruzzen und die Idee des Regierungschefs Silvio Berlusconi, den Gipfelort nach L'Aquila zu verlegen, in die verwüstete Hauptstadt der Region. Das Kabinett nickte die Verlegung ab und mit ihr eine angebliche Ersparnis von 220 Millionen Euro.
So wird La Maddalena auch in diesem Sommer seine Ruhe bewahren können. Im Halbstundentakt laufen die Fähren die Insel von Palau auf Sardinien aus an und versorgen sie mit frischen Waren und Touristen. Der kleine Hauptort ist umtriebig, mit Restaurants, Bars und Cafés. Baunarben und halbverfallenes Militärgelände erinnern daran, dass La Maddalena bis vor kurzem noch Mittelmeer-Stützpunkt der Amerikaner war, die Berlusconi einst ins Land geholt hatte.
Granitformationen wie Tierfiguren
Doch die Betonwüste lässt man problemlos links liegen, wenn es auf die Panoramastraße geht, den Inselrundweg, der vor allem zu den wunderbaren Stränden wie Bassa Trinità oder Spalmatore führt. Die sanft ins Meer führenden Sandstrände von La Maddalena können den Buchten von Korsika das Wasser reichen. Am Horizont tauchen die hohen Berge der französischen Nachbarinsel auf, während die Straße nach unten zu einer weiteren "Cala" führt.
Ein kleiner Damm und eine alte Zugbrücke verbinden die große Schwester La Maddalena mit der kleinen, Caprera genannt. Noch üppiger sind hier die Wälder, noch grandioser türmen sich die Felsgebilde auf, die in dieser Gallura genannten Region Sardiniens oft wie Tiere aus Granitgestein aussehen. Ist das nicht eine Schlange, ein Pferdekopf oder ein Phantasiegeschöpf aus Stein? Auf Caprera findet man die Strände nur mit einiger Mühe. Versteckt liegen sie, oder sind nur wandernd und kraxelnd erreichbar.
Den Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi allerdings kann man auf der zweitgrößten Insel des Archipels nicht verpassen: Im dichten Pinienwald liegt seine Casa Bianca, wo er sich nach seinen patriotischen Taten niederließ und 1882 starb. Schlicht "Garibaldi" steht auf dem Granitblock, unter dem der revolutionäre Kämpfer gegen Österreicher und Deutsche begraben liegt. An den Mauern sind die Graffiti noch nicht verblasst, die "Amerikaner raus" fordern. Aber La Maddalena leidet finanziell darunter, dass die US-Soldaten abgezogen sind.
Nicht ganz das Ende der Welt
Die beiden herbschönen Schwestern La Maddalena und Caprera, von Wind und Wetter zerzaust, werden - anders als geplant - den Sommer in insularer Beschaulichkeit verbringen. Dabei wäre der Gipfel als Werbung wichtiger denn je gewesen für den Archipel, auf dem noch zahlreiche Wildschweine ihre Spuren hinterlassen und Schildkröten die Straßen kreuzen.
Der Abend endet nach dem Kofferpacken mit einem gemütlichen Zusammensein mit Blick auf den Hafenort La Maddalena. Unterdessen gleiten die Fährschiffe ebenso lautlos wie betriebsam hin und her. Über den sardischen Bergen in der Ferne, also auf dem "Festland", das doch auch eine Insel ist, lassen sich Wolkenformationen beobachten. Sie scheinen so verblüffende Gestalten anzunehmen wie manche der Granitblöcke.
Dann tauchen aus dem Nichts Schwärme von Schwalben auf und ziehen über den bald schon nachtblauen Himmel. Aus der Hafenbar unten dröhnt noch Disco-Musik, der Grappa ist serviert. Doch das Archipel scheint nach und nach in der Stille zu versinken. Es ist nicht das Ende der Welt, aber auch nicht weit davon entfernt.
Hanns-Jochen Kaffsack, dpa
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