Lüttich - Enorm steil ist die "Bauerntreppe". Über die "Montagne de Bueren" führen genau 374 Stufen hinauf zur mittelalterlichen Zitadelle, mehr als 60 Meter hoch über dem historischen Kern von Lüttich. "An manchen Tagen haben die Schüler der nahen Gymnasien hier Sportunterricht: Ein paar Mal im Dauerlauf hinauf und wieder hinunter, das hält Schüler und Lehrer fit", erzählt Stadtführer Leon Hoffer.
Von oben eröffnet sich das Panorama Lüttichs, das sich seit dem 8. Jahrhundert an einer Biegung der Maas ausbreitet. Ein Meer von grauen Dächern und verwinkelten Gassen kennzeichnet die Altstadt. Die gotische St. Paul-Kathedrale aus dem 10. Jahrhundert ist zwischen den Bauten der neuen Kaufhäuser auszumachen. Hinter dem ehemaligen Palais der Fürstbischöfe mit der Renaissancefassade breitet sich der weite Lambertplatz aus.
Lüttich an der Maas ist die Hauptstadt der gleichnamigen wallonischen Provinz. Die 185.000-Einwohner-Industriestadt mit dem drittgrößten Binnenhafen Europas ist ein lohnendes Reiseziel für Kulturtouristen. Vom 6. März 2009 an sind nach 15-jähriger Planungs- und Bauzeit im "Grand Curtius" fünf verschiedene Museen mit mehr als 5000 Ausstellungsstücken unter einem Dach auf einer Fläche von 5000 Quadratmetern vereint.
Zeitreise in die Frühgeschichte
Grundlage des für 50 Millionen Euro erbauten Kulturkomplexes sind das Wohnhaus und das aus dem 17. Jahrhundert stammende stattliche, rostrote Kontorgebäude des Lütticher Waffenfabrikanten Curtius: Gemälde, kostbare Glasarbeiten, Fayencen, Schmuck, wertvolle Werke religiöser Kunst, archäologische Funde, Waffen - alles das wird das "Grand Curtius" zeigen. "Die Besucher können auf eine Zeitreise von der Frühgeschichte bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gehen", kündigt Albert Lemeunier als Kurator des Museums für religiöse Kunst des Maaslandes an, das in das neue "Grand Curtius" umzieht.
Mit einem Paukenschlag beginnt der Reigen der Wechselausstellungen in dem neuen Museum: Dem Surrealisten Paul Delvaux ist die erste Sonderschau gewidmet, die am 22. März eröffnet wird. Der Belgier malte mit der gleichen Leidenschaft schöne nackte Frauen und metallen schimmernde Lokomotiven sowie Bahnhöfe. "Bahnhöfe sind wie Visitenkarten: Den Reisenden vermitteln sie den ersten und auch den letzten prägenden Eindruck einer Stadt, bei der Ankunft genauso wie bei der Abreise", sagt Pressesprecherin Martine Doutrealeau über Lüttichs neuen Hauptbahnhof Guillemin.
Die Visitenkarte Lüttichs ist ein lichtes Zelt aus Stahl und Glas, dessen helle Streben sich kraftvoll und dynamisch über Bahnsteige und Gleise schwingen. Der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava hat Lüttich inmitten des etwas heruntergekommenen Viertels Guillemin dieses Meisterwerk beschert, das nach über achtjähriger Bauzeit ebenfalls im Sommer offiziell eröffnet werden soll. Calatrava, der im schwedischen Malmö das aufsehenerregende Hochhaus "Turning Torso" und in seiner Heimat Valencia die Bauten zur "Stadt der Künste und der Wissenschaften" entwarf, setzte für Lüttich ein Zeichen der Zukunft.
520 Züge pro Tag
Bei laufendem Eisenbahnverkehr errichteten die Bauleute die 39 Stahlstützen der Dachkonstruktion. Sie tragen das 1700 Tonnen schwere Glasdach, das sich über 32.000 Quadratmeter spannt. "Innerhalb von 24 Stunden fahren 520 Züge den neuen Hauptbahnhof EuroLiège an", sagt Martine Doutrealeau. Mehr als 30.000 Reisende werden Tag für Tag erwartet. In 39 Minuten ist man bereits in Brüssel, in zwei Stunden in Paris und in drei Stunden in London. Hier halten der TGV Thalys auf dem Weg von Köln nach Paris ebenso wie IC- und Regionalzüge der Linien in die Ardennen.
Der futuristische Bahnhof und der neue Museumskomplex demonstrieren den Aufbruch der in die Jahre gekommenen ehemaligen Bergbaumetropole: Schmutzig und grau war gestern, lebendige Kultur und pulsierendes Leben ist heute.
Besonders im Sommerhalbjahr, wenn nach dem Besuch der Kunstsammlungen des "Grand Curtius" Kneipen und Cafés im Herzen der Altstadt, dem Coeur Historique, sowie am Place de la Cathédrale und vor dem Rathaus am Place du Marché mit ihren Terrassen die Besucher locken. Dort herrscht quirliges Leben und Treiben, vom üppigen Frühstück am Vormittag bis zum letzten belgischen Bier um Mitternacht.
Bernd F. Meier, dpa
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