Von Thomas Heinloth
Steinar Larsen war sechs Jahre alt, als er zum ersten Mal einem mächtigen Kabeljau in den Rachen griff und ihm mit einem einzigen, sauberen Schnitt die Zunge abtrennte. Die reihte er auf einen stählernen Dorn, zu den anderen, mit denen sie später ihre Reise zu den Delikatessläden in aller Welt antreten sollte. Er war neun, als er anfing, seinem Vater zu helfen, die schweren, blutverschmierten Plastiktröge vom Boot auf den Anleger zu hieven, und keine elf, als er auf den glitschigen Planken ausrutschte und ins vier Grad kalte Wasser des Hafenbeckens rutschte.
Mit 14 Jahren kannte er alle Knoten und konnte riechen, wenn die Heringe vorbeizogen. Und mit 18 wusste Steinar Larsen: Sein Leben würde eines mit Fischen sein. Nur: Fischer wie sein Vater wollte er nie werden. "Das Meer", sagt Steinar, tritt von einem Gummistiefel auf den anderen, zupft sich den weiß gewordenen Bart und nickt hinaus zum Vestfjord, wo die Schaumkronen im Wind tanzen. "Ich habe zu viel Respekt vor dem Meer." Also blieb er an Land und machte dort Kabeljau, den die anderen draußen fingen, zu Kronen.
"Auf Wiedersehen, Armut", sagen sie auf den Lofoten, wenn die Netze voll sind und wenn im März überall das Aroma von Stockfisch in der Luft liegt: "Das ist der Geruch des Geldes." Der Kabeljau ist die Währung an Norwegens Nordatlantikküste, und er gibt dem Jahr seine Struktur.
Der Kabeljau, und dann ist da noch die Sonne. Am 6. Januar steigt sie erstmals wieder über den Fjord, als milchig-trübe Scheibe, für einen Augenblick. "Am gleichen Tag", sagt Steinar, "bricht der Kabeljau auf, von der Barentsee hierher, zum Laichen." Skrei nannten ihn die Wikinger, der reisende Fisch. Und niemand musste im März die Wikinger fürchten, denn die waren dann stets im Vestfjord, um den Skrei zehntausendfach aus dem Wasser zu holen. Den ausgenommenen Fisch banden sie an den Schwanzflossen paarweise zusammen und hievten ihn auf Holzgestelle, wo er bis zum Sommer blieb.
Lofoten-Stockfisch allererster Qualität für Milano
"Wir fliegen auf den Mond", sagt Steinar, "aber den Kabeljau trocknen wir noch wie die Wikinger." Neben seinem rotbraunen Haus am Hafen hängt der Himmel voller Fische, schwer, nass und blutig, bewacht von ausgestopftem Ölzeug in Orange, das die Kormorane schrecken soll. "Der März", sagt Steinar, "ist ein guter Monat, um Fisch aufzuhängen. Es gibt kaum noch Frost, aber die Fliegen schlafen noch." Im Juni wird er seine Ware von den Holzgestellen holen, dann um vier Fünftel leichter, nicht mehr blassblau, sondern gelb wie heller Tabak, trocken, ledrig und mit einem stechenden Geruch nach Tran und Ammoniak.
Und dann schickt Steinar den Skrei noch einmal auf die Reise. Sortiert nach Handelsklassen - Ragno, Westre Magro, Grand Premier, Hollandese, Bremse -, luftdicht eingeschweißt und verschnürt geht's per Luftfracht Richtung Süden. Der Lofoten-Stockfisch allererster Qualität gelangt bis nach Palermo und Florenz, Venedig, Pisa, Genua und Mailand. "Milaaaano", sagt Steinar und "Tscheeenova", als wäre das die Sprache, mit der er groß geworden ist.
Italien. Nie ist er da gewesen. Wo sein Kabeljau gegessen wird, weiß er von den Fischhändlern, die einmal im Jahr anreisen, um den "stoccafisso"-Jahrgang zu begutachten. Längst kennt er die Rezepte: In Umbrien schmoren sie den gewässerten Trocken-Skrei mit Backpflaumen und Rosinen, im Friaul mit Pinienkernen und Oliven, im Veneto liebt man ihn alla vicentina, mit Pesto und Polenta.
Mittelmeer trifft auf Nordatlantik, wenn Steinars Stockfisch in Italiens Kasserollen gart, begegnen sich zwei Welten: eine, in der die Grillen singen, sonnensatt, wo es nach Fenchel, Rosmarin und dolce vita riecht, und eine wie geschnitzt aus hartem Fels voll blauer, kalter Luft, umspült von Tang und Treibeis. Bar jeder Lieblichkeit sind diese Inseln. Die Lofoten, geschätzte 20.000 Stück Stein, neun davon bewohnt, ragen 200 Kilometer nördlich des Polarkreises aus dem Nordmeer - nie haben sie es jemandem leicht gemacht.
Nie macht der Himmel Kompromisse
Im Winter lichtlos und im Sommer ohne Nacht, das Wetter launisch und das Meer gefährlich unberechenbar. Am Morgen liegt es klar und still im Fjord wie dunkelgrüner Wackelpudding, am Mittag tobt es schaumig vor der Hafenmole. 16 verschiedene Wörter kennen sie hier für Schnee, der mal von vorn kommt und sich wie Nadeln in die Wangen bohrt, mal fällt er schwer und nass von oben. Nie macht der Himmel Kompromisse, entweder ist er von einem Blau, das in den Augen sticht, oder ein Wolkenmeer in Anthrazit, ein Leopardenmuster oder ein fliederfarbener Sonnenuntergang.
Viele sind weggegangen in den letzten Jahren, so wie Steinars drei Töchter. "Studieren in Oslo jetzt", sagt Steinar und: "Man müsste sie anbinden." In Unstad, an der Atlantikküste sind nur noch 15 von 300 Bewohnern da, erzählt er und dass die Regierung jetzt ein Schulschiff von der Insel Store Molla eingerichtet hat, rüber nach Digermulen: "Für zwei Schüler. Nur damit die Familie bleibt. Kostet eine halbe Millionen Kronen im Jahr." Und Steinar bewegt die Lippen, als würde er in Stockfisch umrechnen.
Dafür kommen andere. Im Sommer, wenn die großen Kreuzfahrtschiffe anlegen in Sörvagen, Stamsund und Svolvaer haben die Schüler an manchen Tagen frei. Denn dann reichen die Busse nicht, um die Tagesgäste über die Inseln zu fahren. Ab Juni sind die Lofoten ausgebucht und die weißen Nordmeer-Strände konfettibunt gescheckt von Handtüchern und Sonnenliegen. Im Winter waren sie hier lange unter sich, das aber ist vorbei. Im März, wenn die Tage nördlich des Polarkreises schon länger sind als in Oslo, Berlin oder Paris, kommen mit dem Kabeljau jetzt auch die Touristen.
Auf Schneeschuhen laufen die Besucher über zugefrorene Seen, hacken Löcher in das Eis, lassen Angelhaken ins dunkle Wasser gleiten. Schlendern über den eierschalenfarbenen Sand am Halbmond-Strand von Utakleiv, Salzluft in der Nase, stecken Schneckenhäuser aus Perlmutt ein, Schwertmuscheln und Treibholz-Stückchen.
Sehen den Seeadlern am Himmel zu, den Seehunden auf tangverhangenen Felsen in der Brandung. Steigen auf Tourenski hoch zum Munkan-Gipfel. Vorbei an dürren Birken, bis ganz nach oben, wo der Blick frei wird auf die Lofoten-Kette, die wie ein gewaltiger Sägezahn aus dem Nordatlantik ragt, wild zerklüftet, frisch verschneit. Am Abend sitzen sie in Sörvagen im Maren Anna, bei einem Polar-Bier, bei Kabeljau mit Roter Beete und manchmal auch bei Wal-Carpaccio.
Nordlichter wie seidene Gardinen
Und nach dem Essen treten sie heraus in die polare Nacht und warten auf das Nordlicht. Es kommt wie aus dem Nichts und tanzt auf einmal über einem wie eine seidene Gardine im lauen Sommerwind, fast wie ein fremdes Wesen, ein heller Nebel. Das Nordlicht flimmert, flirrt, changiert, mal in Opal, mal wie brennendes Magnesium, unvergleichbar und verstörend. "Wer es einmal gesehen hat", sagt Steinar, "kommt sicher wieder."
Sechs kleine Fischerhütten hat er in den letzten Jahren ausgebaut, als Ferienhäuser für Touristen, mit Fußbodenheizung in den Bädern und Veranden, die auf den Hafen sehen. Der erste Stock seiner alten Lagerhalle ist jetzt ein Trockenfischmuseum, vollgepackt mit Netzen, knochenharten Skrei-Gebissen und Fischerwerkzeug aller Art. "Wer weiß schon", sagt er, "wie lang der Kabeljau noch kommt." Noch ist der Atlantikbestand - anders als in der Nordsee - halbwegs stabil. Doch auch dem Kabeljau wird es zu warm, die Klimaveränderung lässt ihn nur noch langsam wachsen. Steinar sagt: "Ein Skrei muss frieren."
Draußen auf dem Vestfjord zieht die "Midnatsol" vorbei, ein Schiff der Hurtigruten, mit Kurs auf Svolvaer und mit neuen Gästen. Der Ton der schweren Aggregate trägt kilometerweit, und übers Wasser weht eine dünne Dieselfahne. Vielleicht riecht Geld bald nicht mehr nur nach Kabeljau. Vielleicht sollte er ein Restaurant eröffnen, vielleicht auf einem Schiff.
Am Anleger sitzt Steinar, zupft sich den weißen Bart, schmeckt Salz, hört Möwen lachen und das Signal der "Midnatsol". Sein Leben eines mit Fischen? Mal sehen. Mal sehen, was das kalte, grüne Meer so bringt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Europa | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH