Von Kurt F. de Swaaf
Halb sechs Uhr morgens: Das Licht hat zu dieser frühen Stunde einen seltsamen Charakter. Bleichblau, fast milchig breitet es sich über den Dächern von Fažana aus. Das Städtchen schläft noch, schließlich ist Sonntag. In den stillen Straßen schleichen lediglich ein paar Katzen umher. Am Hafen dagegen ertönt das dumpfe Tuckern eines Schiffsdiesels. Eine kleine Gruppe Menschen hat sich auf dem Kai versammelt. Drei Jungs, so um die zehn Jahre alt, verabschieden sich von ihren Müttern und steigen an Bord der "Luna".
Fischerin Danica Tomaši gibt Schwimmwesten aus, anschließend zieht sie die Leinen ein. Ihr Mann Sergio schaltet den Motor hoch, ein Vibrieren durchfährt den Rumpf, der Kutter legt ab. Die Kinder haben sich brav auf eine Bank gesetzt. Von ihren Gesichtern lässt sich die morgendliche Müdigkeit noch ablesen, doch in den Augen regen sich Neugierde und Spannung. Die "Luna" hat derweil die Hafenmole hinter sich gelassen und fährt auf die spiegelglatte Adria hinaus. Die ersten Möwen folgen bereits dem Boot. Sie wissen warum.
Wer die Fischerei kennt, weiß um den Zauber eines so beginnenden Tages. Man späht in die dunkle Tiefe des Meeres hinein, sieht meistens nichts, aber ahnt, was sich dort unten alles verbergen könnte. Freudige Aufregung mischt sich mit der Hoffnung auf einen guten Fang. Die drei jungen Passagiere erleben dies alles heute zum ersten Mal, als Schüler einer ganz besonderen Bildungsinstitution: der "škola sardela", der Fischerakademie von Fažana. Und die "Luna" dient an diesem Sonntag als schwimmendes Klassenzimmer.
Zitterrochen und Plattfische
Der Himmel ist heller geworden, bald wird die Sonne aufgehen. Danica Tomaši erklärt die Funktion eines Stellnetzes, ihre Stimme muss gegen den Motorlärm ankämpfen. Die Jungs hören aufmerksam zu. Dann ist die erste Markierungsboje erreicht. Sergio fischt sie aus dem Wasser, legt das Seil auf eine Winsch und fängt an, das über Nacht ausgelegte Netz einzuholen. Das Meer sei an dieser Stelle etwa 14 Meter tief, erläutert Danica, der Boden sei aus Sand.
Immer mehr Netzgeflecht landet an Deck, in den Maschen hängen allerdings nur Steine, Schwämme und Tang. Plötzlich glänzen rosa Schuppen. Die Fischerin zieht eine Meerbrasse aus dem Gewirr. Die Schüler nehmen den regungslosen Fisch der Reihe nach fasziniert in die Hände. Nun folgen zwei bizarr aussehende "Sternengucker" und eine Seezunge. Solche Plattfische werden nicht nur von Menschen gerne verspeist, sondern auch von Delfinen, doziert Danica. "Die reißen sie aus den Netzen heraus. Ein Delfin braucht 20 Kilo Fisch am Tag."
Die Jungs staunen. Im nächsten Netz hängt sogar ein Zitterrochen. Wer ihn anfasst, bekommt einen spürbaren Stromstoß. Nach knapp drei Stunden Unterricht nimmt die "Luna" wieder Kurs auf den Hafen. Unterwegs wird der Fang ausgenommen, die Möwen stürzen sich kreischend auf die weggeworfenen Eingeweide.
"Unsere Kurse decken drei Themenfelder ab - Meeresökologie, Fangmethoden und die Zubereitung", erklärt Melita Perokovi stolz. Alles, was mit der Fischerei zu tun hat. So werde direkt an Fažanas jahrhundertealte Tradition als Fischerort angeknüpft. Perokovi, eine elegant gekleidete Frau um die vierzig, ist Initiatorin der "škola sardela", Direktorin des örtlichen Tourismusverbandes und wohl auch so etwas wie eine inoffizielle Bürgermeisterin. Sie kennt alles und jeden in der Umgebung und erzählt begeistert von der reichen Geschichte ihrer Stadt, die zum Beispiel bereits zu Römerzeiten als Produktionsstätte für Amphoren berühmt war.
Die "Studenten" der Fischereiakademie kämen aus ganz Kroatien, Kinder wie Erwachsene, fährt Perokovi fort. "Das Konzept ist ein Riesenerfolg". Aber nein, über eigene Räume verfüge die 2004 gegründete Akademie nicht. "Das ganze Dorf ist unser Schulgebäude", schwärmt die Leiterin. Der Unterricht finde auf dem Kirchenplatz nahe des Hafens statt. Oder eben auf dem Meer.
Hochsicherheitszone für Tito
Dutzende Fischarten bewohnen Istriens Küstengewässer, doch eine von ihnen steht an der "škola sardela" im Mittelpunkt: ihre Namensgeberin, die Sardine. Das hat historische Gründe. Bis 1952 war in Fažana eine der größten Fischkonserven-Fabriken der nördlichen Adria ansässig - mit einer riesigen Sardinen-Produktion. Nicht wirtschaftliche Gründe besiegelten ihr Ende, sondern politische. Jugoslawiens Staatschef Tito erkor die nur dreieinhalb Kilometer vor der Küste liegenden Brijuni-Inseln zu einer seiner Residenzen, und Fažana fand sich plötzlich in einer Hochsicherheitszone wieder. Jeglicher Verkehr wurde von da an strengstens überwacht. Die Fabrik musste zwangsweise umsiedeln.
Heutzutage ist das Brijuni-Archipel ein streng geschützter Nationalpark und die Adria chronisch überfischt. Von Fažana aus gehen nur noch zwei Kutter auf Sardinenfang, die anderen Fischer - die meisten von ihnen betreiben ihr Handwerk lediglich im Nebenerwerb - machen gezielt Jagd auf Wolfsbarsche, Doraden und andere Delikatess-Arten. Sie verkaufen ihren Fang an die örtlichen Restaurants.
"Die Fischerei spielt keine wesentliche ökonomische Rolle mehr", sagt Melita Perokovi. "Fažanas Wirtschaft besteht heute zu rund 40 Prozent aus Tourismus." Ansonsten verdienen die Menschen ihr Brot in der nur 15 Kilometer entfernten Werftstadt Pula oder anderswo. Doch die Sardinen-Tradition lebt weiter - auf den Esstischen, aber offensichtlich auch im Herzen vieler Fažaner.
Es ist Abend geworden, die Kirchenuhr hat soeben acht geschlagen. Auf dem Platz herrscht Feststimmung. Unter einem weißen Zeltdach reihen sich schlichte Klapptische, dahinter beugen sich Frauen, Männer und Kinder, Alte und Junge über Schneidebretter, Servierplatten und große Blechbüchsen. Alle sind Teilnehmer des diesjährigen Einsalz-Kurses der "škola sardela".
Eine Jury kürt die schönsten Silberlinge
Die Stunde der Wahrheit naht, denn sogleich wird die Jury das Werk aller 23 Schüler begutachten und den Besten küren. Emsige Hände ziehen die über Monate im Salz gereiften Sardinen aus den Metallfässern. Einige Schnitte und Handbewegungen, schon haben sich die Silberlinge in appetitliche Filets verwandelt. Sie werden mit Weißbrot, Olivenöl, Zwiebelringen, Kapern und Pinienkernen serviert.
Alles schmeckt vollmundig mediterran, die zahlreichen Zuschauer dürfen kostenlos probieren. Erstaunlicherweise scheinen die Kroaten heute fast unter sich zu sein. Hier und da hört man zwei Sätze Italienisch, ein paar Wörter Englisch, kein Deutsch. Dann setzt die Musik ein. Die Band spielt brachial lauten Balkan-Folk, am Horizont findet quasi nebenbei ein bilderbuchreifer Sonnenuntergang statt.
Gordana Pavlovi und der elfjährige David arbeiten im Akkordtempo. Ihre Sardinen finden reißenden Absatz. Worin liegt für die beiden der Reiz dieser Fischverarbeitung? "Meine Familie stammt aus Fažana, mein Sohn wurde hier geboren, und dies ist Teil unseres Lebens", erklärt die hochgewachsene Frau. David lässt sich nicht von seinem Werk ablenken.
Nebenan präpariert Svjetlana Laštno ihre Salzsardinen. Auch sie wird von ihren Söhnen, dem sechsjährigen Robert und dem vierjährigen Boris, nach Kräften unterstützt. Schon bald sind alle Fische verzehrt, die Jury verkündet ihr Ergebnis. Der Gewinner ist ein waschechter Fažaner. Fischer Sergio Tomaši nimmt stolz lachend den Pokal im Empfang. Hinter den Tischen werden Flaschen Weißwein entkorkt. Man stößt an und trinkt auf, ja was wohl? Es lebe die "sardela"!
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