Von Linus Geschke
Eine dreischiffige Hallenkirche aus dem 13. Jahrhundert, kleine Orte inmitten von weitläufigen Dünenlandschaften, die sich später als weiße Sandstrände im Meer verlieren: Die am Rande der Kieler Bucht liegende Insel Fehmarn ist über Wasser ein Urlaubsparadies. Für den Biologen Jan Langmaack jedoch liegt der wahre Reiz von Deutschlands drittgrößter Insel unter der Wasseroberfläche, zwischen Findlingen und Miesmuschelbänken.
"Wer die Ostsee als uninteressantes Tauchgewässer abwertet, der kennt sie nicht. Hier gibt es Steinbutt, Dorsche und Seehasen, wunderschöne Seegraswiesen, Seesterne und Nacktschnecken. Dazu auf verhältnismäßig kleinem Raum wahrscheinlich mehr Wracks aus den unterschiedlichsten Zeitepochen, als in jedem anderen Meer der Welt."
Und Tauchgänge voller Adrenalin: "Bei ordentlich Strömung ist der Drift durch den Fehmarnsund eine wilde Sache. Und Strömung gibt es fast immer in der schmalen Enge zwischen Insel und Festland."
Genauso aufregend ist ein Tauchgang im Fehmarnbelt, der Dänemark mit Deutschland verbindet. Hier sollte ein Begleitboot zur Sicherheit der Taucher ständig mit dabei sein. "Und damit meine ich kein Schlauchboot", ergänzt Langmaack lachend, "die geben kaum ein Radarecho ab, da fahren die großen Pötte in der Schifffahrtsstraße einfach drüber."
Langmaack ist nicht nur Biologe, sondern auch Tauchlehrer und Referendar an einer Realschule. Vor allem aber ist der 27-Jährige ein blondes Kind der Küste, durch und durch "nordisch by nature". Im Frühjahr, wenn die Winde noch kalt über die Ostsee streichen und das Wasser in zehn Metern Tiefe keine zehn Grad Temperatur aufweist, ist Langmaack in seinem Element.
Ein Anblick wie "Das Boot"
Ausgestattet mit Trockentauchanzug und zwei separat voneinander funktionierenden Atemreglern - Grundvoraussetzung für das Tauchen in kalten Gewässern - geht es mit dem Boot hinaus in die Kieler Bucht, hin zum Wrack der "Sten Trans". Das 1976 in einem Unwetter gesunkene und 65 Meter lange Schiff zählt zu den beliebtesten Zielen für Sporttaucher in der westlichen Ostsee.
Der Bug des auf der Backbordseite in 21 Meter Tiefe liegenden Wracks ist über und über mit Muscheln und Anemonen bewachsen und ragt in die Ostsee hinaus. Aus der "Sten Trans" ist mittlerweile ein Biotop geworden, welches unzähligen Jungfischen als Zufluchtsort dient. Langmaack taucht langsam an der Reling entlang, vorbei an den beiden wie offene Münder wirkenden Laderäumen, in Richtung Steuerhaus. Lumineszierende Rippenquallen und Dorsche kreuzen seinen Weg, im Inneren lauern Aale auf Beute. Die "Sten Trans" ist ein einfacher Tauchgang, der auch von weniger erfahrenen Tauchern bewältigt werden kann.
Deutlich anspruchsvoller und historisch interessanter ist ein Wrack, welches 1945 im Kattegatt nahe der dänischen Insel Anholt dem Beschuss britischer Flieger zum Opfer fiel: U-251. Ein deutsches U-Boot der Baureihe VII, mit rund 700 Stück die meistgebaute Klasse aller Zeiten - und der eigentliche Hauptdarsteller in Wolfgang Petersons Film "Das Boot".
Dem 35 Meter tiefen Abstieg zu U-251 haftet etwas Mystisches an. Wenn sich das Wrack langsam aus dem grünlich schimmernden Wasser schält, glaubt man, im Hinterkopf die bekannte Filmmusik hören zu können. Wie in der Anfangsszene des Films verdichten sich diffuse Konturen zu einem lang gestreckten Bootskörper, geben charakteristische Merkmale frei: die Mündungsklappen für die Torpedos, das geöffnete Turmluk, die Tiefenruder. Deutlich kann man die Einschusslöcher in den Satteltanks erkennen. Es herrscht eine dunkle, gespenstische Atmosphäre an dem Unterseeboot, bei dessen Versenkung nur vier der 43 Seeleute gerettet werden konnten. U-251 ist ein Kriegsgrab.
Meeresleuchten im bedrohten Lebensraum
Die Ostsee ist voll mit Wracks. Und Peter Klink, im Hauptberuf Maschinist auf dem Seenotrettungskreuzer "Berlin", kennt sie fast alle: Er betreibt nebenbei das Tauchschiff "Bubblewatcher", mit dem er bevorzugt Touren zu Wracks in der westlichen Ostsee anbietet. Taucher schätzen die gemütliche Atmosphäre an Bord und die auf sechs Personen begrenzte Teilnehmerzahl. Rudeltauchen wie in Ägypten oder Asien, wo sich oftmals über 50 Taucher gleichzeitig an einem Wrack einfinden, gibt es hier nicht: Die kalten Temperaturen und die oftmals schlechte Sicht schrecken den typischen Urlaubstaucher zu stark ab.
In nur 24 Meter Tiefe liegt an der Mündung zur Flensburger Förde die rund 40 Meter lange "Inger Klit" auf dem Meeresboden, der Bug schon weit im Schlamm vergraben. Für Jan Langmaack ist sie dennoch "eines meiner Lieblingswracks". Aus gutem Grund: Das ehemalige Frachtschiff ist über und über mit Seeanemonen behangen, welche die Konturen des Wracks kaum noch erkennen lassen - und gerade biologisch sehr interessant. Oftmals ziehen Dorschschulen vorbei. Der Biologe kann sich an ihr kaum satt sehen, entdeckt bei jedem Tauchgang neue Details.
Für die schönsten Tauchgänge aber braucht Langmaack weder ein Wrack noch ein großes Fischaufkommen. Nur dunkel muss es sein. Wenn die Nacht sich über die Ostsee legt, steigt er in die Fluten und schaltet unter Wasser seine Taucherlampe aus. Alleine durch die gleichmäßigen Bewegungen seiner Hände löst er dann das Meeresleuchten aus, welches seinen Körper mit einem Kokon aus blau-grünem Licht umhüllt.
Man kann sich in der damit erzeugten Stimmung verlieren, es ist wie der Tanz mit einer anderen Welt. Ausgelöst wird das zumeist im Winter zu beobachtende Phänomen durch einzellige Algen, sogenannte Dinoflagellate. Es ist egal, wie exakt man die chemische Reaktion beschreiben würde - man wäre nicht in der Lage, die Einzigartigkeit ihres Anblicks damit auszudrücken.
Aber Langmaack fürchtet um sein Paradies vor der Haustüre: Die Ostsee droht zu kollabieren, die aufgrund von Sauerstoffmangel entstandenen toten Zonen im Meer verdoppeln sich ungefähr alle zehn Jahre und bedecken heute bereits ein Gebiet, welches einem Fünftel der Fläche der Bundesrepublik entspricht. Die Gründe hierfür sind vielfältig: in erster Linie Abgase aus Auto- und Schiffsverkehr, Einleitungen aus Kläranlagen sowie eine massive Überdüngung der Landwirtschaft.
Laut neuesten Erkenntnissen des Meteorologischen Instituts in Schweden werden jährlich 1,4 Millionen Tonnen Stickstoff und über 60.000 Tonnen Phosphor in die Ostsee geleitet - zu viel für ein Gewässer, welches geologisch betrachtet fast ein Binnenmeer ist: wenn auch ein leuchtendes.
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