Drei Gruppen zu je 20 Personen haben sich zusammengefunden. Mit leichtem Unbehagen stelle ich fest, dass ausgerechnet unsere vollkommen seniorenfrei ist, sich meine Hoffnung auf natürliche Entschleunigung am Hang mithin zerschlagen hat. Immerhin: Eine Schweizer Familie hat ihre beiden Kinder mitgebracht.
Langsam setzt sich der Trek in Bewegung. Der Vulkan umfängt uns mit kühler Luft und dem Duft der Macchia. Der Wind säuselt durch das Schilf, hinter mir plappert eine franko-kanadische Bibliothekarin über Sarkozy und die Finanzkrise. Ihr auf den Fersen ist ein schlaksiger, seltsam blutleerer Franzose, der die Plauderei bedeutungsschwanger und in homöopathischen Dosen kommentiert. Ich schweige und konzentriere mich darauf, nicht auszurutschen.
Immer schneller geht es den Berg hinauf über die Aschefelder, Mario treibt uns an, gönnt uns nur kurze Pausen und schwärmt: "Wir sind heute die beste Truppe, multinational und schnell!" Ich lächele säuerlich, während die Bibliothekarin anfängt zu schnaufen, aber dabei keineswegs das Sprechen einstellt. Der Vater der putzmunteren Schweizer Kinder sieht aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. Sein Gesicht ist krebsrot, das T-Shirt klebt klatschnass auf seinem Bauch. Ab und zu muss er sein Che-Guevara-Stirnband auswringen, aber er ist tapfer. Zwei britische Blondinen schaukeln ihre beachtlichen Hüften nonchalant über den Hang und diskutieren das Für und Wider von Radikaldiäten.
Ich fange langsam an zu pfeifen und lasse mich beim nächsten Stopp erschöpft in die Asche plumpsen. Ich höre noch, wie Mario die Druckverhältnisse im 2000 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Vulkan mit denen in einer Champagner-Flasche vergleicht und genieße dann stumm die großartige Aussicht. Eine blonde Deutsche mit spitzem Kinn und großer schwarzer Sonnenbrille wird von einem Lachanfall geschüttelt. Ein Höhenkoller auf 800 Metern? Unwahrscheinlich.
Am Eingang zum Fegefeuer
Irgendwann, endlich, dürfen alle ihre verschwitzten Klamotten wechseln und die roten Schutzhelme aufsetzen. Jetzt sind es nur noch wenige Schritte zum Kraterrand. Neben einer riesigen schwarzen Rauchwolke taucht die diesige Sonne ins Meer ein. Alle stürzen zum Abgrund und starren in die Tiefe.
Das erste, was ich sehe, sind die grimmig glühenden Augen eines Halloween-Kürbis, der in den Krater gefallen zu sein scheint. Das erste, was ich höre, ist das Fauchen der windgetriebenen Glut.
Urplötzlich und völlig unvermutet steigt eine rotglühende Lavafontäne aus einer der Öffnungen auf - ein halb entfesseltes und halb gebremstes Feuerwerk, das in einen breit gefächerten Funkenregen übergeht und auf die Erde hinabregnet. Ein Ah und Oh geht durch die Truppe, ich lache laut auf und springe in die Luft vor lauter Begeisterung.
Im Mittelalter glaubte man, dies sei der Eingang zum Fegefeuer. Mir kommt es vor wie eine große Bühne, auf der die Natur zeigt, wozu sie fähig ist - und zur Demut mahnt. Der Stromboli meint es gut mit uns an diesem Abend - im Abstand von wenigen Minuten schenkt er uns eine Eruption nach der anderen, wir können gar nicht genug bekommen von dem phantastischen Glutregen, den Rauchbildern und dem diskreten Grollen. Fast alle ringen mit den Worten, zu banal scheint alles, was man angesichts des machtvollen Spektakels von sich gibt.
Irgendwann sind alle Fontänen geknipst, die Rauchwolken verflogen, und es kehrt bewundernde Stille ein, die auch auf dem Abstieg - ohne Staub, ohne Asthma und ohne Masken - anhält. In der Kühle der Nacht reift die Erkenntnis: Ich habe meinen Berg bezwungen, und er hat mich überrumpelt mit Schönheit, Kraft und einer kleinen Ahnung von Ewigkeit. Danke, Stromboli!
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