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22.05.2009
 

Abruzzen nach dem Beben

"Als ob wir im Krieg wären"

Unbelebt und gespenstisch leer: L'Aquila ist Wochen nach dem schweren Erdbeben noch lange nicht zur Normalität zurückgekehrt. Der Betreiber von Luxus-Hoteldörfern fürchtet, dass dem historischen Ort noch mehr Zerstörung bevorsteht - durch einen seelenlosen Wiederaufbau.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kihlgren, Sie haben in den Abruzzen mehrere historische Bergdörfer zu bäuerlichen Urlaubsressorts im alten Stil ausgebaut. Wie ist die Situation in L'Aquila, knapp sechs Wochen nach dem Erdbeben, bei dem fast 300 Menschen ums Leben kamen?

Daniele Kihlgren: Es ist, als ob wir im Krieg wären. Die Lage ist dramatisch, auch wenn uns die Weltöffentlichkeit bereits vergessen hat und wir aus den Schlagzeilen verschwunden sind. Das historische Zentrum von L'Aquila ist verwaist und gespenstisch leer. Hier lebt niemand mehr, fast alle ehemaligen Bewohner haben die Stadt verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Der Vorsitzende des Journalistenverbandes in den Abruzzen, Sergio D'Agostino, hat kritisiert, dass L'Aquila inzwischen eine komplett militarisierte Zone sei. Es wimmele von Verboten, niemand könne sich frei bewegen.

Kihlgren: Das ist so, weil immer noch zahlreiche Gebäude einsturzgefährdet sind. Auf diese Weise wird aber auch verhindert, dass die Leute plündern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es in Ihrer Ferienanlage in Santo Stefano, rund 27 Kilometer östlich von L'Aquila, aus?

Kihlgren: Das Wahrzeichen des Dorfes, ein Turm aus dem 13. Jahrhundert, ist eingestürzt und hat zwei unserer Häuser beschädigt. Die restlichen Gebäude sind aber alle intakt - für mich ein Beweis dafür, dass man gleichzeitig traditionell und erdbebensicher bauen und sanieren kann. Der Zugang zum Dorf ist allerdings noch immer gesperrt. Deshalb können wir derzeit auch keine Gäste empfangen. Wir werden aber bereits Ende des Monats wieder ein Konzert veranstalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben fünf Millionen Euro in Ihr ungewöhnliches Projekt gesteckt - aus heutiger Sicht eine Fehlinvestition?

Kihlgren: Nein, auf keinen Fall. Das Leben geht weiter, irgendwann kommen auch die Besucher wieder. In den Abruzzen gab es über die Jahrhunderte immer wieder Erdbeben, wie im Jahr 1915, als mindestens 30.000 Menschen ums Leben kamen.

SPIEGEL ONLINE: Der Leiter der Anti-Mafia-Kommission Giuseppe Pisanu sagte im Hinblick auf ein Engagement der organisierten Kriminalität beim Wiederaufbau: "Cosa Nostra, 'Ndrangheta und Camorra sind bereits in den Abruzzen angekommen."

Kihlgren: Nun ja, wen wundert das, schließlich sind sie ja auch in Deutschland gelandet. Die Abruzzen waren nie traditionelles Mafia-Territorium. Dass sich die ehrenwerten Gesellschaften jetzt beim Wiederaufbau um öffentliche Aufträge bemühen und kräftig mitverdienen werden, ist traurige Realität - aber nicht das größte Problem.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Kihlgren: Ich befürchte, dass der Wiederaufbau des historischen Zentrums noch größeren Schaden anrichtet, als das Erdbeben selbst. Ich kämpfe mit allen Mitteln dafür, dass das architektonische Erbe bewahrt wird. Leider hat die Vergangenheit gezeigt, dass in Italien ein snobistisches Kulturkonzept vorherrscht - hier gilt nur das als bewahrenswert, was groß und berühmt, Antike oder Renaissance ist - Denkmäler, Kirchen, Arenen. Aber was passiert mit den Gassen, den Wohnhäusern, dem sogenannten kleinen historischen Erbe, das die Atmosphäre, den Geist einer Stadt ausmacht? Das gilt es doch auch zu schützen!

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gegen moderne Neubauten im Zentrum, egal in welcher Form?

Kihlgren: Natürlich. Ich will L'Aquila sehen - und nicht die Kreationen irgendwelcher berühmter Architekten! Renzo Piano oder Massimiliano Fuksas mögen die Richtigen sein für Dubai - aber doch nicht für L'Aquila.

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SPIEGEL ONLINE: In ihrem Hoteldorf legen Sie geradezu manisch Wert auf historische Authentizität - Baumaterialien und Grundrisse der mittelalterlichen Bauten wurden ebenso beibehalten wie grobe Bauernmöbel oder verräucherte Küchenwände.

Kihlgren: Wir bewahren die Spuren, die die Menschen in ihrem Lebensraum hinterlassen haben. Das ist wichtig, so bleibt die Identität des Ortes erhalten. Die Bewohner von Santo Stefano haben uns so viel über ihr Handwerk beigebracht. Erst neulich erklärte mir eine 89-Jährige, wie man Farben auf natürliche Weise herstellt. Dann gibt es die traditionelle Küche, die alten Rezepte. Wir lernen ständig dazu.

SPIEGEL ONLINE: Klingt stark nach Sozialromantik...

Kihlgren: Nein, wir mystifizieren das bäuerliche Leben mit all seiner Armut und Unwissenheit nicht. Schließlich sind genau deswegen so viele Menschen emigriert und haben ganze Dörfer verwaist hinerlassen. Wir wollen diese Zeit aber auch nicht als peinlich und rückständig verdrängen, sondern die Erinnerung daran bewahren. Für billige Folklore und Country-Style sind andere zuständig, glauben Sie mir.

SPIEGEL ONLINE: Wer denn?

Kihlgren: Alle, die serienmäßig kontextlose, sterile Unterkünfte anbieten, in denen Mittelalter-Klischees verkauft werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie das bisherige Krisenmanagement der Regierung?

Kihlgren: Darüber kann und will ich nicht urteilen. Ich kann nur sagen: Die Verantwortlichen werden an dem, was sie jetzt tun, gemessen werden. Hier geht es nicht um angeblichen Affären und beleidigte Ehefrauen, sondern um den drohenden Tod einer historisch gewachsenen Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von dem Plan des Zivilschutzleiters Guido Bertolaso, im Juli den G8-Gipfel ausgerechnet in L'Aquila abzuhalten, wo es noch immer Nachbeben gibt und die Infrastruktur zusammengebrochen ist?

Kihlgren: Kommt drauf an. Wenn alles gut organisiert ist, könnte es sogar hilfreich für uns sein. Wenn die ausländischen Gäste mit eigenen Augen sehen, in welchem Zustand die Stadt ist, kommt vielleicht auch mehr finanzielle Hilfe zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Worauf setzen Sie in der jetzigen Situation?

Kihlgren: Ich hoffe, dass es Italien gelingt, an seine große Geschichte und Kultur anzuknüpfen und der Welt zu zeigen, dass es in der Lage ist, eine der schönsten Städte des Landes wieder aufzubauen. Ob es in der Lage ist, diese Herausforderung zu bewältigen - wir werden sehen.

Das Interview führte Annette Langer

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