Von Annette Langer
"Du hast 24 Stunden für Neapel? Was für ein Blödsinn!", meckert mein alter Freund Agostino, kurz Schtino genannt - und hat damit wie immer Recht. An einem einzigen Tag die spannendste, chaotischste und problematischste Metropole Süditaliens entdecken zu wollen ist nicht nur verwegen, sondern vermessen. Nützt aber nichts, denn ich bin gerade in der Nähe und neugierig.
Um mir den Blitzeinstieg zu erleichtern, suche ich einen Experten auf, sozusagen den Fachmann in Sachen "Napule", geboren im Stadtviertel Santa Lucia, Kenner der Materie und der neapolitanischen Frauen, Schöpfer des alltagsweisen Philosophen Bellavista - Luciano de Crescenzo.
Der weltberühmte Bestseller-Autor empfängt mich im Bett. "Ah, meine Liebe, komm rein", sagt der 80-Jährige scherzhaft und schlägt das Laken zurück. Seine erste Erinnerung an die Heimatstadt? Der Vesuv, natürlich! "Ich hatte das große Glück, in Santa Lucia zur Welt gekommen zu sein. Das Erste, was ich als Kind vom Balkon unserer Wohnung aus gesehen habe, war der Vulkan, der Rauch ausstieß", erinnert er sich.
De Crescenzo lebt in Rom - und das ist bezeichnend. Man kann Neapel lieben, aber um dort zu leben, muss man auch ein wenig verrückt sein. "Trotzdem bin ich immer Napoletaner geblieben", betont er. Seine Wohnung im Zentrum der ewigen Stadt ist vollgestopft mit Nippes. Überall stehen kleine Zinnsoldaten, Harlekine und die berühmten neapolitanischen Krippenfiguren. Im Arbeitszimmer hat sich eine riesige Musikbox breitgemacht, von der plüschigen Sitzecke hat man einen beängstigend schönen Blick auf die Piazza Venezia.
Was ich mir nicht entgehen lassen sollte in der "Nea Polis", der "neuen Stadt" wie Napoli auf Griechisch hieß? Die kornblumenblauen Augen von Luciano beginnen zu leuchten: "Du musst die Kirche an der Piazza San Domenico Maggiore besuchen", beschwört er mich. "Da gibt es eine Skulptur von Giuseppe Sanmartino, den "verschleierten Christus" - einfach phantastisch!" Was denn das hauchdünne Tuch bedeute, das Jesus so elegant verhülle, will ich wissen. "Es zeigt, dass er uns sehr nah, aber dennoch von uns getrennt ist."
Ich berichte von meiner Zeitnot. "Was sollte ich bloß tun, an nur einem Tag, im schönen Neapel, das doch auch Müll-, Korruptions- und Camorra-Hochburg ist?" "Reden!", empfiehlt der Experte. "Wenn es etwas gibt, was die Welt von den Neapolitanern lernen kann, dann ist es genau das." Niemand könne einen einzigen Tag in der Stadt verbringen, ohne von jemandem angesprochen zu werden, der mit ihm Freundschaft schließen wolle. "Und wenn zwei Menschen sich unterhalten", da ist sich De Crescenzo sicher, "dann mögen sie sich irgendwann."
Verkehrter Verkehr
De Crescenzos Alter Ego, der weise Lehrer Bellavista, sagt: "In Neapel ist eine rote Ampel kein Verbot, sondern einen Empfehlung." Oh ja, immer noch. Ich habe mich gerade auf der Via Duomo mit drei weiteren Kleinwagen zu einer Art Kleeblatt aus Blech verkantet. Keiner bewegt sich, alle schimpfen, hinter uns quaken Hunderte Hupen in allen Tonlagen.
Ein Polizist schiebt genervt sein Motorrad an dem Autoknäuel vorbei und blickt mich dabei verächtlich an. Während sich alle anderen mit Wonne aufregen, läuft mir der Schweiß die Stirn hinab. Doch plötzlich, niemand weiß, wie oder warum, löst sich der Stau ganz von alleine auf und alle fahren weiter, als wäre nichts gewesen.
Ich warte auf Raffaele, einen Architekten, der unweit des Doms im historischen Zentrum ein Bed&Breakfast betreibt. "Ciao, bella", höre ich noch, und da streckt plötzlich eine Art moderner D'Artagnan seinen Kopf durchs Fenster - statt eines Federhuts trägt der spitzbärtige Geselle einen Soldatenhelm aus dem zweiten Weltkrieg, sein treues Pferd ist eine olivfarbene Motocross-Maschine mit goldenen Felgen. "Folge mir", spricht der Musketier und rast schon mal los.
"Gib mir deine Kamera!"
Im Vico Giganti, der kleinen "Gasse der Riesen", regiert das Klischee: Wäscheleinen durchschneiden die engen Gassen, die Rufe der Mütter nach ihren Kindern prallen am bröckelnden Putz der Häuserwände ab. Ein dicker Junge von etwa sieben Jahren stürzt auf mich zu und fordert: "Gib mir deine Kamera!" Ich weigere mich und fange mir einen bösen Blick seiner Mutter ein, die im Pyjama am Fenster sitzt und Trübsal bläst.
Ich öffne ein Fenster, schaue in die Tiefe und lausche dem Rauschen. Ein wenig finster und gothisch liegt der Hof zu meinen Füßen. Tauben nisten im verfallenen Mauerwerk, gegenüber singt ein Kanarienvogel gegen die Gitterstäbe an. Eine rundliche Blondine im knappen Rock ruft ihrem Liebhaber vom Balkon Frotzeleien zu. Das Lachen der beiden vermengt sich mit dem Knattern der Motorini und einem Meer von Stimmen.
Noch immer unentschlossen, ob ich mich einfach treiben lassen oder die Stadt touristisch erschließen soll, schlendre ich durch die Straßen zum Eingang von "Napoli Sotterranea", einem phantastischen, 80 Kilometer langen und bis zu 40 Meter tiefen Höhlenlabyrinth, in dem seit dem 4. Jahrhundert vor Christus Menschen lebten, Riten feierten, sich vor Bomben oder Verfolgung versteckten. Die Dame an der Kasse pustet sich zwei Haarsträhnen aus dem Gesicht und macht mir die Entscheidung leicht: "Die letzte Führung war um 16 Uhr, wir haben geschlossen."
Teure Selbstdarstellung im Untergrund
Dennoch, ein wenig Untergrund muss sein, also beschließe ich, mir die Metrostationen der Linien 1 und 6 anzuschauen, die Teil eines groß angelegten städtischen Metro-Kunst-Konzeptes sind. An der Piazza Dante hat der griechische Künstler Jannis Kounellis Schuhe hinter Eisenbahngleise geklemmt, sein italienischer Kollege Nicola de Maria ein Blumenmosaik in einem "Universum ohne Bomben" beigesteuert. Michelangelo Pistoletto entwarf eine ornamentale Wandinstallation, in der Reisende sich auf der Rolltreppe von ihrem Spiegelbild verabschieden können.
Die U-Bahn-Kunst ist farbenfroh, modern und irritierend, tut das, was Kunst tun sollte im öffentlichen Raum, neue Kontexte schaffen, verwirren und vielleicht erheitern. Es gibt jedoch auch kritische Stimmen: "Die Modernisierung Neapels vollzieht sich nach borbonischem Muster, sie strotzt vor Geltungsbedürfnis und Selbstdarstellung", empört sich der namhafte Journalist Giorgio Bocca in seinem Buch "Wir sind Neapel". Projekte wie die Metro-Art kosteten viel Geld, hätten aber keine gesellschaftliche Relevanz, produzierten keinen Fortschritt und könnten schon gar nicht zwischen Reich und Arm vermitteln.
Mir rennt die Zeit davon, die Verschwendung von Staatsgeldern, Anarchie und Korruption müssen warten, habe ich doch Bellavista versprochen, mir den Homo Neapolitanus aus der Nähe anzusehen.
Auf der Spaccanapoli, einem wie mit der Axt durch die Stadt geschlagenen Straßenzug, entdecke ich ihn: Da steht er, ist etwa 70, hat einen Hut auf, wie man ihn früher trug. Er lächelt, stutzt und meckert, streckt die Arme in die Luft und lässt die Finger seine Geschichten erzählen. Und natürlich spricht er, redet viel und freundlich, entspannt und ausladend, als habe er nichts, aber auch gar nichts Besseres zu tun.
Ein Blick über die Piazza zeigt: Er ist nicht allein. An jeder Ecke, auf Bänken, Mopeds und Brunnen wird geplaudert, geflirtet und getratscht, was das Zeug hält. Zwischen philosophierenden Alten und aufgeregten Teenagern toben Kinder, hübsche, wilde und ausgelassene Racker, denen die Straße gehört - daran lassen sie keinen Zweifel. Sie foppen die Großen, lachen sie aus und amüsieren sich königlich, wenn diese mahnend den Zeigefinger heben.
Napule è ...
Architekt Raffaele wartet am Abend in einer Bar auf mich. Müde plumpse ich in einen Korbsessel und betreibe touristische Totalverweigerung. "Basta, ich will nichts mehr sehen oder hören", jammere ich - aber Raffaele kennt keine Gnade. Schon fliegen wir auf dem Motorrad mit goldenen Felgen durch die Stadt, ohne Helm, durch Straßen, die so eng sind, dass sie selbst Fußgängern Angst machen. Mit 90 km/h jagt D'Artagnan um die Ecken, während ich mich an ihm festkralle und meine Kinder bereits im Waisenhaus wähne.
Irgendwann darf ich absteigen, wieder geht es Treppen hinauf, bis aufs Dach, ein großartiges Dach, von dem aus man auf die ganze Stadt blickt. Die ist aus unerfindlichen Gründen in blutrotes Licht getaucht und hat sich ein schickes Mäntelchen umgeworfen. Auf dem Vomero leuchtet die Festung Sant-Elmo, während Raffale zur Gitarre greift und eine so ausgezeichnete Version von Pino Danieles "Napule è" aus dem Ärmel schüttelt, dass mir fast die Tränen kommen.
Neapel, das sind tausend Farben und tausend Ängste, heißt es in dem Lied. Eine Stadt wie ein schmutziges Stück Papier, das jedem egal ist. Aber auch ein Ort, wo man wunderbar reden und noch besser zuhören kann.
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