Finnland im Sommer: Sauna, Sonne, Einsamkeit

2. Teil: Moltebeeren zum Frühstück, Bier zum Saunaaufguss

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Auf dem Waldboden reifen Milliarden von Blaubeeren - umschwirrt von ebenso vielen Mücken. Auch Preisel- und Moltebeeren, die mühsam zu pflücken, aber lecker zum Frühstück sind, wecken den Urtrieb des Sammlers - genauso wie die Steinpilze, Pfifferlinge oder Maronen, die nach einem Regenguss aus dem Boden schießen. Für den Jagdtrieb ist Bauer Jaakko zuständig, der zwei Kilometer nordwärts an der Schotterpiste wohnt. Der alte Mann war im Herbst auf Elchjagd und verkauft seine Beute in tiefgekühlten Portionen an Touristen.

Vor der Hütte wachsen Johannisbeeren, der Vermieter hat auch Dill, Erdbeeren, Zwiebeln, Porree und Minze gepflanzt. Zeit zum Schnippeln und Köcheln gibt es genug, und so wird das Abendmenü mit den frischen Zutaten aus See, Wald und Garten oft zum Tageshöhepunkt: Hechtsuppe mit Milch und Dill, Elchbraten in Rotweinsoße mit Preiselbeeren, Blaubeerkuchen aus dem Holzbackofen, Erdbeerjoghurt mit Minze.

Krönung jedes zweiten Ferientages ist das Schwitzbad am Abend. Schon als Kleinkinder gehen die Finnen mindestens einmal wöchentlich in die Sauna, und diese Tradition lernt jeder Urlauber schnell lieben. Im Saunahaus, das auf einer winzigen Halbinsel im See steht, müssen zwei Öfen mit Birken- und Kiefernholzscheiten gefüttert werden. Einer wärmt die Saunasteine und damit die Luft, der andere einen Tank voller Seewasser für die Wäsche. Ist der Raum auf 80 Grad geheizt, geht es los. Saunaregeln wie in einem deutschen Fitnessclub darf man in Finnland getrost vergessen - erlaubt ist, was gefällt.

Schweiß aufs Holz - na und? Wird alles nachher weggeschrubbt. Aufguss nur zur vollen Stunde? Warum das denn? Hier schaufelt man den löyly - so nennen die Finnen den Aufguss - minütlich auf die heißen Steine. Und nicht nur auf die: Auch der Saunagänger darf sich kühles Seewasser über den Kopf schütten. Und wenn er zur Abkühlung auf der Saunabank ein Bier öffnet, stört auch das niemanden.

Selbst die saunamakkara, eine fettig-knackige Wurst für zwischendurch, gart - in Alufolie gewickelt - auf den heißen Steinen. Die einzige Saunaregel, mit der die Finnen es streng nehmen, ist die Geschlechtertrennung: Außer im engsten Familienkreis schwitzen Männer und Frauen separat.

Nach ein paar Schwimmzügen im See geht es in den Ruheraum oder wieder in die Schwitzbude. Dort liegen Ruten aus frischen Birkenzweigen für ein Wellness-Experiment nach Finnentradition bereit: das Auspeitschen. Schwungvoll, doch nicht allzu fest, schlägt man sich auf Rücken, Beine und Brust. "Das fördert die Durchblutung. Sehr angenehm", hatte Bauer Jaakko gesagt - und er hatte recht.

Tanz und Karaoke durchbrechen die Stille

Die Sommernächte im Norden sind manchmal so lau, dass man noch lange auf dem Holzsteg sitzt und zusieht, wie die Sonne die wenigen Wolken pink, orange und karminrot färbt und dann, begleitet vom Tanz der Mücken, gegen Mitternacht hinter dem Waldsaum verschwindet. Auf der anderen Seeseite ist noch Leben: Kinder hüpfen von einem Steg ins Wasser, immer wieder. Dann gehen auch sie, und es herrscht Stille - magische Stille, nur kurz unterbrochen von einem Schwan, der seine Klagerufe über den Kolima-See schickt.

Am Nordufer des Sees tanzen die Finnen durch die Sommernächte. In der tanssilava, einer Tanzdiele, sind die Besucher aufgekratzt, beschwingt und zum Teil auch beschwipst. Auf der Bühne im Saal spielt eine Band. Die Sängerin, blondiert und an die 60, singt von Herzschmerz und leidenschaftlichen Küssen im Mondlicht. Herrenwahl, Damenwahl: Die Tanzfläche ist immer voll, die Schritte sitzen. Jeder Finne auf dem Land muss das Tanzen beherrschen, genauso wie das Fische-Räuchern oder den Umgang mit der Motorsäge.

Auf der Panoramaterrasse steht neben der Bar die Karaoke-Anlage. Ein Freiwilliger findet sich immer, fast niemand singt schief. Nach jedem Song gibt es Beifall, je später der Abend, desto lauter das Bravo. Finnen gelten als trinkfest. Dieses Klischee bestätigen einige der Besucher. "Der Sommer bei uns ist so schön. Da gönnen wir uns ab und zu einen kleinen Rausch. Es sind ja Ferien", sagt ein Mittvierziger in Trainingsjacke. Im Tanzsaal spielt die Band jetzt Tango, den finnischen Nationaltanz. Manche Augenpaare sind glasig, die Tanzschritte aber noch akkurat.

Endlose Akkordeontonleitern in Moll, triefende Geigensoli, traurige Texte - kurz vor Torschluss um 2 Uhr am Morgen zelebriert die Band schmachtend die sprichwörtliche finnische Melancholie. Als das Tanzlokal schließt, schlendern etliche Gäste hinunter zum Strand, schieben ihre Boote in den See, starten den Außenborder und fahren in ihr Ferienhaus. Im Osten kündigt sich schon der neue Tag an.

Er bringt Sonne und Wolken, später Gewitter. Wieder ein Sommermenü, wieder ein Saunaabend - die Uhr tickt langsam, die Tage ähneln sich, und dennoch galoppiert die Zeit am See dahin. Der Abschied fällt schwer. Vom Feldweg geht es auf die Schotterpiste, die Landstraße, die Europastraße. Tanken in Viitasaari, dann zur Fähre, über die Ostsee, zurück in den Alltag. Aber zwei Wochen in Finnlands Natur haben eine Langzeitwirkung: Wenn ein Tag mal wieder hektisch war oder stressig, hilft ein einfaches Rezept: Augen schließen, ans Bullerbü-Haus denken, an den See, die Sauna und die Sonnenuntergänge.

Jan Dube, dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Europa
alles zum Thema Finnland-Reisen

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Mittwoch 03.06.2009 | 06:02 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
TOP



TOP