Von Helge Sobik
Seit Stunden schon führt der Wind sein expressives Wellenballett an der Küste von Kantabrien auf und schlägt den Golf von Biskaya schaumig. Er scheint Spaß daran zu haben.
Immer neue Atlantikbrecher schieben sich Richtung nordspanische Küste heran, zerbersten an vorgelagerten Klippen, rollen auf dem festen, goldenen Sand aus. Auch Töne gehören zu dem winterlichen Spektakel: das Geräusch eines vorbeirasenden Zuges, eines gewaltigen Wasserfalls, einer Grundschulklasse beim Pausenklingeln. Wind und Wellen versuchen sich als Stimmenimitatoren - kein Zug weit und breit, kein Wasserfall, keine jubelnden Schulkinder.
In den Wintermonaten stürmt es häufig und heftig an der spanischen Nordküste mit ihren Klippen, ihren herrlichen Stränden, die viel länger und breiter und schöner sind als die meisten am Mittelmeer. Viel kürzer ist die Saison hier, nur Juli/August und vielleicht noch die erste Septemberwoche. Kaum Ausländer sind dabei, fast nur Spanier.
Aber neuerdings kommen ausgerechnet im Winter immer mehr Fremde und machen etwas, was in diesem Maße sonst nur an Kanadas wilder Pazifikküste bekannt war: Sie reisen zum "Stormwatching" an, nisten sich in kleine Hotels ganz oben auf den Klippen, ganz vorne an den Strandpromenaden ein, um die Unwetter hautnah zu erleben. Observación de tormentas" heißt dieses "Stürmebegucken" auf Spanisch - und findet immer mehr Freunde.
Fische als Dankeschön für die Rettung
José Domingo Lécue kennt sich gut aus mit den Stürmen. Sie sind sein Beruf. Beide Großväter waren Fischer - und er ist seit 17 Jahren bei den Patronas de la Salvamar dabei, den Seenotrettern. Inzwischen ist er Kapitän des Rettungskreuzers der kantabrischen Hauptstadt Santander. Bei Wetter wie diesem ist er in Alarmbereitschaft und ständig abfahrbereit.
Seekrank ist Lécue nur ein einziges Mal gewesen, Biskaya hin oder her: "Als Kind auf einem Fischkutter. Nicht wegen der Wellen, sondern weil es so nach Schiffsdiesel stank." Er lacht. "Ich habe 14-mal am Tag gekotzt." Jetzt lacht er noch lauter. "Aber ich habe an dem einen Tag auch 14-mal gegessen." Nun schaut er sogar ein wenig stolz.
Nach solchen Stürmen jedenfalls muss er sich inzwischen um schmackhafte Mahlzeiten keine Gedanken mehr machen: "Wenn wir Fischer aus Seenot retten, schenken sie uns als Dankeschön meistens ein paar Fische. Das ist Brauch. Sportbootfahrer bedanken sich mit einer Flasche Cava." Sogar einen Stammkunden haben die Seenotretter aus Santander: den roten Kutter "Siempre Esmeralda" ausgerechnet vom Nachbarliegeplatz.
"Beim ersten Mal hatte er seine Schiffsschraube auf hoher See verloren. Einfach weg, abgebrochen das Ding. Beim zweiten Mal hatte sich die neue Schraube in den Netzen verfangen, und wieder war das Boot fahruntüchtig. Beim dritten Mal hat der Motor den Geist aufgegeben. Wir kennen uns inzwischen ganz gut, mögen uns richtig gerne." Er grinst. Und freut sich auf die nächsten Geschenk-Fische.
Diese Nacht fängt der weiter erstarkende Wind zu heulen an. Durch alle Ritzen des alten Hotels im Festungsstil auf den Klippen von Suances pfeift er. Zwölf Stunden geht das diesmal so. Es klingt wie die Begleitmusik zum Untergang der Welt - oder der erste Akkord zum Auftauchen von Atlantis aus dem Ozean. Der Sturm rüttelt am verglasten Balkon des Hotelzimmers, will offenbar die Fenster von außen öffnen. Die großen Scheiben wölben sich unter dem Druck, lassen bei Berührung spüren, welcher Vibration sie ausgesetzt sind - und halten am Ende stand.
Seeschwalben reiten den Wind aus, tanzen auf der Stelle, hängen im stärksten Sturm reglos über der Playa de los Locos in der Luft. Sie schweben, ohne die Flügel zu bewegen und strampeln nur ab und zu mit den Beinen. Irgendwann stürzen sie sich senkrecht in die Tiefe, um sich knapp über der Wasseroberfläche von einer Böe wieder auffangen zu lassen und weiter zu reiten.
Wie ausgeknipst beruhigt sich der Wind
Bald darauf ist der Sturm mit einem Schlag vorbei. Wie ausgeknipst. Als ob die Wellen einfach abgeschaltet wurden. Was sich eben noch türmte, fällt nun sanft in sich zusammen und rollt von einer Minute auf die andere nur gemächlich aus: als wäre nichts gewesen. Auch die Menschen kommen wieder hervor, und vor mancher Sidreria, mancher Bar an der kantabrischen wie der westlich anschließenden asturischen Küste stehen plötzlich wieder Tische und Stühle im Freien. Noch vor einer Stunde hätte der Wind sie davongeschleppt. Angler reihen sich an der Mole von Ribadesella auf, plaudern wie fast immer von Prinzessin Letizia, Ehefrau von Spaniens Kronprinz Felipe, deren Oma in Ribadesella wohnt und die häufig hier zu Besuch ist.
Fischer Vicente Peñil Montes flickt derweil an Land die Netze. Am nächsten Morgen um fünf wird er, so sich die Wettervorhersage als richtig erweist, wieder hinausfahren: "Wir waren jetzt drei Wochen am Stück nicht draußen - immer zu viel Wind. Jetzt sieht's gut aus, und nach solchen Stürmen stehen die Chancen besonders gut, mit reichlich Lubinas, den Seebassen, zurückzukommen."
Enrique Luzuriaga hat diese Stürme immer geliebt, ist dann 112 Steinstufen nach oben gestiegen, um dem Wind entgegen zu gehen und alle Urgewalt aus nächster Nähe zu erleben: Er war 13 Jahre lang der Leuchtturmwärter von Santander - der Letzte, bevor die Anlage automatisiert und das einstige Wärterhaus in ein Museum verwandelt wurde. Wo einst Enriques Wohnzimmersofa stand, sind heute Vitrinen aufgestellt, drumherum Gemälde aufgehängt.
Die Ausstellung gefällt ihm gut, dreht sie sich doch um Leuchttürme und ihre Wärter. Ob es etwas gibt, was ihm noch besser gefiele? "Wenn mein Sofa noch da stünde, das gefiele mir besser", sagt er mit ein bisschen Wehmut in der Stimme. Einen Schlüssel zum Turm hat er noch, und wenn es richtig stürmt, steigt er noch manchmal auf die Plattform hinauf wie früher - oder fährt zum Strand von Liencres und hockt sich vor die Dünen.
Zum Stormwatching, zur observación de tormentas. "Und um die Stürme zu fühlen", sagt er. "Du spürst die Macht der Natur, die Urgewalt der Zeiten. Das pustet den Kopf frei, lädt dich auf, ist spannender als ein Fernsehkrimi, besser sogar als das Sofa." Er lächelt. Und hält den Kopf in den Wind.
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