Von Susanne Frömel
Durch die Tür sieht man das Meer, der Wind bewegt sie in den Angeln hin und her wie einen trägen Fächer. Trangestank in der Luft, dick wie Suppe, Kleister auf den Lungen. 50 Italiener zappeln um den Bottich herum, in dem in zähen Blasen die Dorschlebern köcheln, Aufregung wie im Kindergarten. "Riecht nur, riecht!" Sie wollen sich den Spaß nicht verderben lassen von dem bisschen Gestank. Ihre Kleider sind fein, Barbour-Jacken, Wollmäntel, zu fein, weil der Stoff jeden Geruchspartikel aus der Luft filtert und jeden, der einmal hier drinnen war, in einen Sack toter Fische verwandelt.
Am Bottich steht Ragnar, ein Mann der Lofoten und also des Meeres, groß, hager, das Gesicht unbewegt wie ein Holzscheit, er löffelt Fett aus dem Bottich, füllt den Tran in kleine Plastikgläser. Die Begeisterung der Italiener bekommt erste Risse. "Wie jetzt? Was? Zum Trinken?" Ragnar nickt, die Mundwinkel unbewegt, hält die Becher hin. "Ist gesund", sagt er, "spült den Körper durch und schenkt Gesundheit." Ein Mann greift nach dem Becher und setzt an. "Runter in einem Zug", sagt Ragnar, aber der Mann bringt es nur zu einem Schluck und ist froh darüber. "Ah", sagt er, der neutralste Kommentar, der möglich ist, wenn man sich den Mund mit Öl benetzt hat, das nach tausend alten Fischen schmeckt, "interessant." Das wenigstens entspricht der Wahrheit.
Ein anderer Mann, den vollen Becher in der Hand, versucht sich an einer Erklärung. Sie hätten, sagt er, in Ancona eine Stockfischakademie gegründet, einfach, weil sie den Trockenfisch mit so viel mehr Leidenschaft als andere Italiener äßen, dass es sich gelohnt habe, ein Hobby daraus zu machen. Sie treffen sich einmal im Monat, um Stockfischrezepte auszuprobieren oder einfach nur darüber zu sprechen, wie wunderbar Stockfisch ist. Und darum seien sie jetzt hierhergereist, nach Henningsvær. "Sie müssen verstehen, dass es nicht vieles gibt, was den Polarkreis unmittelbar mit dem Mediterran verbindet. Diesen Umstand finde ich faszinierend."
Das Fischgeschäft, eine Männerwelt?
Schuld an dieser Verbindung ist Maria Cristina Rizzi. Sie steht ein wenig abseits, fährt sich mit den Fingern durch das Haar, wo es nichts zu sortieren gibt, weil sie in regelmäßigen Abständen einen Kamm aus ihrer Tasche zieht. Signora Rizzi, 54 Jahre alt, den Kragen des Polohemds hochgestellt, lächelt, weil sie von hier einen guten Blick hat in die Gesichter ihrer Landsleute. Die kämpfen immer noch mit dem Dorschlebersaft. Selbst für eine Frau, die alles probiert, modrig duftenden "gefilten Fisch" in Krakau, Andouillettes in Paris, deren Exkrementenaroma sie wochenlang nicht vergessen hat, ist das ölige Gebräu zu viel.
"Wirklich", sagt sie, "ich bekomme es nicht herunter. Aber sehen Sie nur, wie tapfer die sind." Seit knapp 30 Jahren leitet sie die Firma Unifrigo, die früher Gismundi hieß und den Stockfisch nach Italien bringt. Zehn Prozent des landesweiten Bedarfs deckt sie damit ab, 20 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Man merkt ihr den Erfolg nicht an. Keine Allüren. "Ich spiele kein Golf, falls Sie das fragen wollten, auch wenn ich über 45 bin", sagt sie, "keine Ahnung, warum jeder von mir erwartet, Golf zu spielen." Einfache Kleidung, vollgesogen mit Trangeruch. Wenn einer sagen würde: Seht, unsere Sortiererin, man würde es glauben.
Das Fischgeschäft ist hart. Eine Männerwelt. Kerle mit schwieligen Händen und wenigen Worten, denen an Umsatz gelegen ist, nicht an Freundschaft. Dazu die raue Kraft der Lofoten, Wind, der plötzlich über die Inseln peitscht, Dunkelheit, Kälte, die einem feucht und klamm in die Knochen steigt. Der Vater will nicht, dass sein einziges Kind, noch dazu ein Mädchen, sich hier die Hände schmutzig macht. "Du studierst etwas Vernünftiges", sagt er, "Mädchen haben in der Fischerei nichts verloren." "O doch", sagt sie, immer schon mit unbändiger Lust am Leben gesegnet, "es ist genau das Geschäft, das mich interessiert." Der Vater, seufzend, verbirgt ein ums andere Mal das Gesicht in den Händen, und die Tochter, nicht gänzlich ungezogen, tut ihm den Gefallen, ein wenig Zeit mit dem Studium der Kunst- und Literaturwissenschaften zu verbringen.
Die Einfachheit vom Nehmen und Geben der Natur
Kunst interessiert sie, das Erschaffen von Neuem aus sich selbst heraus. Aber da hat sie schon längst zu viel vom Meer und von den Lofoten gesehen, das Salz und den Gestank in der Nase gehabt, und kann die klare Einfachheit vom Nehmen und Geben der Natur nicht mehr aus dem Kopf bekommen.
In den Jahren darauf verbringen Vater und Tochter eine Menge Zeit damit zu streiten. Je mehr die Tochter über das Geschäft wissen will, desto sturer stellt sich der Alte. Als Maria Cristina mit 21 Jahren für sechs Monate auf die Lofoten geht, um das Produkt genau verstehen zu lernen, hofft der Vater, dass sie danach die Nase voll haben würde. Sie ackert in der Produktionshalle, packt verdorrte Fischleiber hierhin und dorthin und wäscht sich abends unter einer kärglichen Dusche den schrecklichen Gestank ab, der kaum der Seife weicht. Als sie zurückkehrt, macht sich der Vater über ihr bäuerisches Norwegisch lustig. Während er, der selbst gestochen scharf parliert, intellektuelle Dispute halten kann, redet seine Tochter, willensstark und mit einer energischen Nase ausgestattet, wie ein alter Seemann.
Nach einem großen Krach wirft sie hin und gründet mit Freunden eine Firma, in der sie mit Tiefkühlfischen handelt. Was ihr fehlt, ist das Gefühl, im Einklang mit der Natur zu handeln, mit Menschen, denen Traditionen etwas bedeuten. Sie ist nicht unglücklich, weiß aber, dass sie längst nicht am Ziel ist. Nach zwei, drei Jahren gibt der Alte klein bei. "Wenn du so entschlossen bist, dann ist es vielleicht besser, wenn du für die Familie arbeitest", sagt er und geht sofort in den Ruhestand, um das Verhältnis nicht weiter zu belasten. "Das Fischgeschäft muss man wollen", sagt sie, "sonst kann man nicht bestehen."
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