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08.12.2009
 

Lichterspektakel in Lyon

Countdown zur Erleuchtung

Foto: dpa

Lyon tickt in diesen Tagen anders: Die Lichtinstallationen der "Fête des Lumières" bringen mit spektakulären Effekten das Thema Zeit auf die historischen Fassaden der Stadt - mit bisweilen philosophischem Tiefgang. SPIEGEL-Korrespondent Stefan Simons hat die vergängliche Kunst im Video festgehalten.

Ein Metronom auf dem Rathausgiebel, ein gigantisches Ziffernblatt auf den Fassaden am Place des Terreaux - und das Riesenrad an der Rue de la République mutiert zum überdimensionalen Uhrwerk. Seit dem 5. Dezember "tickt" Lyon anders: Zur elften Ausgabe des alljährlichen "Fête des Lumières" transportieren die insgesamt 70 spektakulären, poetischen und spielerischen Lichtinstallationen, verteilt über die gesamte Stadt, bisweilen philosophischen Tiefgang.

Was einst als trautes Votiv-Fest zu Ehren der Jungfrau Maria entstand, ist längst zur tagesaktuellen Light-Show mutiert, mit Themen zwischen Wirtschaftskrise, Klimagipfel und Bevölkerungswachstum. Die Multimedia-Künstler, die Lyons Sehenswürdigkeiten zwischen Rhône und Saône vier Tage lang mit Strahlern verzaubern, mit Projektoren verfremden oder mit LED-Kaskaden verwandeln, reflektieren den Zeitgeist - Zeit als begrenzte Ressource zwischen historischer Rückschau und Zukunftsvision.

Geschaffen haben sie eine opulente Aufführung, musikalisch unterlegt, wie etwa an der Basilika Notre Dame de Fourvière, wo die 23 Glocken die Metamorphosen der Kunst begleiten - vorgeführt als Reigen von wechselhaften Lichtbildern zwischen Neoklassik, Kubismus, abstrakter und zeitgenössischer Stilmittel. Verblüffend auch der virtuelle Bau der Kirche Saint-Jean im Herzen der Altstadt, wo deren 300-jährige Entstehung optisch nachgestellt wird: Zwei Hände schneiden, schnitzen und malen an der Fassade. als sei das Gotteshaus ein kolossales Modell, das vor den Augen der Zuschauer seiner Vollendung entgegengeht.

Allegorie auf die Vergänglichkeit

Besonders nachdrücklich gelungen ist das Thema Zeit am Place des Terreaux in Szene gesetzt, wo Marie-Jeanne Gauthé und Fabrice Chouillier die klassizistischen Stirnseiten der Bauten zu plastischen, formbaren Projektionswänden machen. Die Allegorie auf die Vergänglichkeit ist perfekt gelungen: Auf dem abgedunkelten Platz werden erst die tatsächlichen Fassaden abgebildet, dann, von packenden Ton-Mustern untermalt, beginnen die virtuellen Steine zu bröckeln.


Während Sturm, Schnee und Regen über die Fassaden fetzen, klaffen plötzlich Risse im Mauerwerk, derweil ein haushohes Ziffernblatt den Countdown begleitet. Erst im Eis erstarrt, lösen sich Häuser wie in wässriger Lösung auf, bevor sie in einem Flammenreigen untergehen - ein 15 Minuten-Spektakel zwischen Traum und Alptraum.

Gut, dass es auch noch leicht-gewichtigere Lichtwunder zu bestaunen gibt, wie die von 365 Sternen erhellten Wasser der Rhône oder die leuchtenden Kreise minimalistischer Bilder entlang der Uferpromenade, die von einem rhythmischen "Tic-Tac" begleitet werden.

Und wenn dem Besucher, eingekeilt zwischen Menschenmassen, die Minuten zu Stunden werden - dann spätestens, ist Gelegenheit für Zuflucht im lukullischen Hier und Jetzt. Am Tresen der Altstadt-Kneipen spielt Zeit keine Rolle.

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