Der erste Eindruck ist allerdings ein anderer: Wer die 175.000 Einwohner zählende Stadt mit dem Auto erreicht, passiert zunächst triste Viertel mit Plattenbauten. Am Straßenrand steht ein dichter Wald von Werbeplakaten, und das höchste Haus der Stadt hat es sogar ins "Guinness-Buch der Rekorde" geschafft: Das 24-stöckige Gebäude gilt als das höchste ungenutzte Hochhaus Mitteleuropas. Ganz anders präsentiert sich dagegen die Innenstadt: Viele historische Gebäude wurden in den vergangenen Jahren saniert, heruntergekommene Parkanlagen verschönert und öffentliche Plätze attraktiver gestaltet.
Reiseführer Janos Habel beginnt seinen Rundgang am Szechenyi-Platz im Zentrum. "Hier habe ich auf den Stufen gesessen und Pfeife rauchend Bücher zur Geschichte der Stadt verschlungen", erinnert er sich. Vor mehr als 20 Jahren wurde Habel nach seinem Studium von der sozialistischen Regierung nach Pécs zum Arbeiten geschickt. "Ich wollte alles über meine neue Heimat wissen und erfahren, wo ich überhaupt lebe", erzählt er. Das Pfeiferauchen hat er aufgegeben, geblieben ist das Interesse an der Geschichte der Stadt.
Bessere Akustik durch Krüge in der Wand
Am Szechenyi-Platz steht die ehemalige Pascha-Kasim-Gazi-Moschee. Sie wurde 1585 aus den Steinen der romanischen Bartholomäus-Kirche gebaut, heute dient das Gotteshaus als katholische Pfarrkirche. Mit seiner grünen Kuppel beherrscht der Bau den gesamten Platz. Ein Minarett wurde allerdings nach dem Abzug der Türken abgetragen, und im Inneren verdrängte das Kreuz den Halbmond. Aus türkischer Zeit erhalten blieb nur eine Gebetsnische mit arabischer Inschrift, und als ein symbolischer Brückenschlag über die Religionsgrenzen hinweg wurde 1986 die erste Sure des Korans in Arabisch angebracht.
Die Moschee des Hassan Jakowali Pascha ist dagegen samt Minarett erhalten geblieben und dient auch heute noch als islamisches Gebetshaus. Als Besonderheit gelten hier die in die Wände eingemauerten Krüge - sie dienen der Verbesserung der Akustik. Zum türkischen Erbe von Pécs gehören außerdem die Reste des Bades von Pascha Memi, die neben der Franziskanerkirche zu sehen sind. Mit etwas Phantasie ist die Pracht des einstigen Kuppelbaus zu erahnen.
Am Szechenyi-Platz wurde nach dem Abzug der Türken nicht nur die Moschee umgebaut, auch der Platz selbst wurde grundlegend verändert, erzählt Habel. Der Basar wurde abgerissen, und an die Stelle des Reinigungsbrunnens trat eine barocke Dreifaltigkeitssäule. Erneut veränderte sich der Platz dann nach der politischen Wende 1989/90: Häuser wie die einstige Sparkasse mit ihrem schönen Giebel oder das Königliche Gericht wurden aufgemotzt. "Nur das 'Hotel Nador' steht noch leer", sagt Habel. "Zu sozialistischen Zeiten war das Kaffeehaus im Erdgeschoss das einzige Refugium bürgerlichen Lebens in der Stadt, an das viele alte Pécser mit Wehmut denken."
Leicht zu übersehen ist der Jugendstilbrunnen mit seinen wasserspeienden Stierköpfen, die mit einer Eosin-Glasur überzogen sind und in schillernden Farben glänzen. Was es mit dieser Glasur auf sich hat, erfahren Besucher im Zsolnay-Museum. Es ist im ältesten Wohnhaus von Pécs untergebracht, das 1324 erstmals in einer Urkunde erwähnt wurde. Die Ausstellung zeigt Kunstwerke der Porzellanmanufaktur. Und sie erzählt vom Lebenswerk des Firmengründers Vilmos Zsolnay, der vor rund 150 Jahren die Eosin-Glasur, eine spezielle Emaillier-Technik, sowie frostbeständige Pyrogranit-Keramiken entwickelt hat. Jetzt konnten auch Fassaden und Dächer bunt gestaltet werden.
Etwa 200 Gebäude in Budapest tragen farbige Dächer von Zsolnay, und auch in Pécs leuchten die Dächer des Komitatshauses und der Post in kräftigen Farben. Seit Jahren liegen aber große Teile des Fabrikgeländes brach. Doch jetzt herrscht dort Aufbruchstimmung: Die verlassenen Produktionshallen sind ein Schlüsselprojekt im Kulturhauptstadt-Jahr. Entstehen sollen ein Kulturviertel mit einem industriegeschichtlichen Themenpark sowie ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Auch ein Trickfilmstudio soll sich ansiedeln und 300 Arbeitsplätze schaffen.
"Wie einige andere Veranstaltungsorte auch wird das ehrgeizige Projekt wohl erst nach 2010 komplett fertig sein", meint Stadtführer Habel. Gezeigt wird aber auf jeden Fall eine Ausstellung zum Thema Farbintensität.
Abhängen in der Fußgängerzone Kiraly utca
Bereits zu bewundern ist das Besucherzentrum Cella Septichora mit den frühchristlichen Mausoleen im Nordosten der Innenstadt von Pécs. "Die Völker, die seit mehr als 2000 Jahren das Gebiet der Stadt Pécs bewohnten, die Kulturen, die nacheinander oder manchmal auch miteinander existierten, haben uns außergewöhnliche Erinnerungsstücke hinterlassen", sagt Janos Habel und führt seine Besucher zu Gräbern.
"Die freigelegten Gebäude aus dem vierten Jahrhundert sind ein historisches Denkmal von besonderem Wert, denn sie bewahren die in der Antike seltene zweistöckige Form der Architektur von Sakralbauten", erläutert Habel. "Sie dienten gleichzeitig als Grabkammern und als Kapellen." Besonders auffällig ist die Peter-Paul-Grabkammer, die mit urchristlichen Motiven und Bildern der Apostel ausgemalt wurde. Insgesamt gehören 16 Bauwerke zu dieser Begräbnisstätte, die zum Weltkulturerbe der Unesco zählt.
Das bedeutendste Wahrzeichen von Pécs, das lange Zeit Fünfkirchen hieß, ist der Dom mit seinen vier markanten Türmen. Den Grundstein legte König Stephan im Jahr 1009. Sein heutiges Aussehen erhielt die Kirche aber erst im 19. Jahrhundert. Rechtzeitig zum 1000-jährigen Bestehen der Diözese wurden jetzt die Fassaden gereinigt und der Domplatz neu gestaltet.
Wer nach so viel Kultur Entspannung und kulinarische Genüsse sucht, findet vor allem in der Fußgängerzone Kiraly utca viele Restaurants und Cafés. Dass Pécs eine junge Stadt ist, "liegt an den vielen Studenten", sagt Claudia aus dem Ruhrgebiet, die mit zwei Kommilitonen am Nachbartisch sitzt und im dritten Semester Medizin studiert. "Ich habe in Deutschland keinen Studienplatz bekommen und mich dann hier beworben", erzählt sie. Ihre Entscheidung hat sie nicht bereut, auch wenn Studiengebühren anfallen. Gelehrt wird an der 1367 gegründeten Universität in deutscher Sprache.
Detlef Berg, dpa
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