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19.12.2009
 

Ski-Schiffstour in Norwegen

Wedeln bis zum Fjord

Unter dem Pulverschneehang glitzert das Meer: In den Fjorden Nordnorwegens gehen Berge und Wasser ineinander über - ideal für Skitourengeher: Sie fröhnen tagsüber dem Tiefschneevergnügen und entspannen abends auf dem Deck eines Schiffes.


Tromsö - Als ob ein Riese einen Sack voller weißer Kegel ins Meer geschüttet hätte: So sieht der Norden Norwegens im Winter aus. Die Landschaft hat etwas Unwirkliches mit ihren schneebedeckten Gipfeln, die bis zu 1500 Meter aus dem stahlblauen Nordmeer ragen, mit ihren schroffen Felsen und tiefen Tälern.

Kilometerlange Gletscherzungen ergießen ihre tonnenschwere Eisfracht ins Wasser der Fjorde. Würde nicht hin und wieder ein Schiff seine Bahn ziehen - die Landschaft würde menschenleer und sich selbst überlassen wirken. Hier eine Skitour zu unternehmen, ist etwas wirklich Außergewöhnliches.

Die Lyngen-Alps, gut 300 Kilometer nördlich des Polarkreises und zwei Flugstunden von der Hauptstadt Oslo entfernt gelegen, sind vom Skizirkus alpenländischer Machart so weit entfernt wie die Schweiz von der Einführung des Euro. Dennoch: Bei Skisportlern ist die Gegend um die Hafenstadt Tromsö, wo angeblich das Skifahren erfunden wurde, in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden.

Christian Donner, Bergführer aus der Fränkischen Schweiz, ist mit seiner Bergsportschule ProAlpin schon zum dritten Mal hier. "Die großartigste Landschaft zum Skitourengehen in Europa", lautet sein Urteil. 20 Bergverrückte haben Donner und seine Kollegen Franz und Jochen diesmal im Schlepptau. Meist sind es gute Skifahrer, das nötige Mindestmaß an Kondition haben sie sich im Sommer antrainiert. "Halbwegs ordentliches Tiefschneefahren und Kraft für vier Stunden Aufstieg", nennt Donner als Voraussetzungen für diesen Spaß.

Schiff statt Skihütte

Die Berghütte in den Alpen tauschen die Skiläufer in Skandinavien mit einer schwimmenden Unterkunft: Das ehemalige Reparaturschiff "Polargirl" ist für sechs Tage ihr Stützpunkt. Es ist der kuriose Gegensatz von Meer und Bergen, vom Leben auf dem Schiff und der Abfahrt durch den Tiefschnee zum Strand, der die Schreibtischtäter aus Hamburg, München oder Bamberg anzieht. "Vom Gipfel das Meer sehen und ihm durch den Pulverschnee entgegenschweben, das ist es", sagt Cordula, eine Hamburgerin, die zum ersten Mal in Norwegen ist.

Für Donner und seine Kollegen von der Lenggrieser Bergschule Hydroalpin ist das Führen in Norwegen Schwerarbeit. Die Lyngen-Alps gelten als nicht lawinensicher. "Anders als in den Alpen gibt es keinen brauchbaren Lawinenlagebericht", sagt Christian Donner.

Während die Mitreisenden ihre Blasen an den Füßen kühlen oder an Deck im Warmwasser-Bottich ein heißes Bad in eisiger Luft nehmen, zieht sich das Bergführer-Trio ins Kapitänskasino der "Polargirl" zurück. "Wir müssen uns jeden Tag unser Bild machen, die nächste Tour akribisch planen", sagt Franz Perchtold. "Nur dann sind unsere Gäste sicher." Ein ganzer Berg exakter Karten, der aktuelle Wetterbericht und jede Menge Erfahrung - das "Gespür für Schnee" - helfen ihnen dabei. Nach sechs Touren in sechs Tagen kann Perchtold schließlich ein zufriedenes Resümee ziehen: "Es ist keinem etwas passiert."

"Vor zwei Jahren hatten wir im Winter noch vier Schiffe im Monat", sagt Merethe Jacobsen. Sie führt den Dorfladen in Havnnes, einem typischen Norweger-Dörfchen mit weiß getünchten Holzhäusern und keinen 50 Einwohnern. "Jetzt sind es über 20", sagte die junge Mutter. Ihr kleiner Tante-Emma-Laden, der gleichzeitig Poststelle und Museum ist, floriert wie selten zuvor. Im Sommer vermietet Jacobsen Ferienwohnungen an Angler aus Deutschland. Im Winter sind es vor allem Franzosen, Italiener, aber auch Deutsche und Österreicher, die sich hier in der Region den Kick des Tiefschneeerlebnisses gönnen.

Lachs zum Frühstück, Pflaster für die Blasen

Havnnes auf der Insel Uloya hat für Wintertouristen zwei Vorteile: Der erste ist ein Bootsanleger, der den Skifahrer-Schiffen auch bei rauerer See eine sichere Übernachtung bietet. Der zweite ist die Nähe zum 1064 Meter hohen Gipfel Kjevagtinden, der als ein Paradeziel für Skitourengeher gilt.

Am frühen Morgen scheucht Christian Donner seine Gäste aus den Kojen. Die Skifahrer-Routine Nord-Norwegens beginnt: Frühstück mit viel Lachs, warm anziehen, ein Pflaster auf die Blasen vom Vortag, Skistiefel an - und los geht's. Auf den Rücken kommt der Rucksack mit Lawinenairbag, Schaufel und Lawinensonde, an den Körper das Verschütteten-Suchgerät - sicher ist sicher.

Wie eine Raupe zieht sich die Schlange von Tourengehern langsam bergan. Die klappbaren Tourenbindungen klicken bei jedem Schritt, das Atmen wird langsam schwerer. Es geht über hellblau glitzernde Gletscher, durch verschneite Gräben und über felsige Grate.

Den Blick teils stur auf den Rucksack des Vordermannes gerichtet, immer wieder aber auch durch die Landschaft streifend. Vorn das Gebirge, die Schneekristalle glitzern. Hinten das Meer, tiefblau schimmernd. Nach mehr als 1000 Höhenmetern ist der Gipfel erreicht. Wie ein Spielzeugschiff dümpelt unten die "Polargirl". Sie hat inzwischen die Insel umrundet und wartet auf der anderen Seite des Bergmassivs. "Da müssen wir hin", sagt Bergführer Christian Donner.

"Polargirl" wartet schon

Die Skifahrer reißen die Klebefälle von den Laufflächen, stellen ihre Tourenbindungen auf Abfahrt um - und ab geht die Post. Wie durch ein Federbett, so leicht gehen die Schwünge, die Spuren werden zu langen Zöpfen. Das Meer rückt näher, die "Polargirl" wächst wieder zu realer Größe. Die Freude über das fast schwerelose Schwingen lässt selbst das Brennen der Oberschenkel vergessen. "Da musst du ja nur mit dem Arsch wackeln", sagt Franz aus Berchtesgaden - eine große Anerkennung für die Qualität des norwegischen Pulverschnees.

Wenige Minuten später zieht Franz die grell-orangene Schwimmweste über. Es gibt keinen Anleger, diesmal geht es vom Strand aus mit dem Beiboot zurück aufs Schiff. Ein Blick zurück auf die Spuren im Hang, dann verschwindet der Berg hinter einer Landzunge. Die "Polargirl" fährt zurück in den Hafen von Tromsö. Das nächste Abenteuer wartet.

Michael Donhauser, dpa

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