Von Jürgen Löhle
"Gefährlich ist das falsche Wort", sagt er schließlich, "wir fliegen mit einem kalkulierten Risiko". Kostner lädt sich ein paar Penne auf die Gabel. Es ist ein normaler Mittag in der Wintersaison, draußen fallen dicken Flocken, und die fünfköpfige Rettungscrew hat sich in der Zentrale in Pontives zum Essen an den Tisch gesetzt. Einen Stock tiefer wartet der feuerrote Rettungsheli wie ein fetter Käfer im Hangar auf den nächsten Einsatz irgendwo zwischen Cortina d'Ampezzo und der Seiser Alm.
Oben verteilt die Ärztin Chiara Marchetti die Gläser, der Windenfahrer Moritz Peristi serviert die Vorspeise, der Bergretter Manuel Mayrl und Hundeführer Max Amrain decken den Tisch. Oft wird der ruhigste Teil des Arbeitstages jäh unterbrochen. Werden die Rettungsflieger angefunkt, sind sie drei Minuten später in der Luft. Spätestens.
Heute wird es ruhig bleiben, es schneit so heftig, dass nicht viel los sein wird auf den Pisten. Pilot Marco Kostner schaut immer mal wieder hinaus. "Grenzwertig" sagt er, "aber so lange es nicht ganz zuzieht und wir ein wenig Sicht haben, ginge es". Dann erzählt er von den Risiken, die es zu kalkulieren gibt in ihrem Job. Natürlich die Sicht, natürlich der Wind, der an den zerklüfteten Dolomiten-Türmen gewaltige Turbulenzen auslösen kann, doch am gefährlichsten sind alte Kabelstrecken von längst stillgelegten Seilbahnen in den Wäldern. "Aber", sagt er, "wenn du genug Erfahrung und Können hast, ist das alles kalkulierbar."
"Diese Bilder nimmst du mit nach Hause"
Seit 1992 ist Kostner dabei, er hat weit über 6000 Flugstunden hinter sich und einiges gesehen in dieser Zeit. Zusammen mit dem Team hat er vielen geholfen, aber auch die Ohnmacht erlebt, wenn trotz aller Eile und Präzision jede Hilfe zu spät kommt. "Wenn dir ein Kind im Hubschrauber stirbt", sagt er, "diese Bilder nimmst du abends mit nach Hause."
Im Winter gelten die Einsätze meist Skifahrern oder Snowboardern, deren Verletzungen zu schwer sind, um sie mit dem Schlitten zu Tal zu bringen, oder die extrem schnell Hilfe brauchen, wie zum Beispiel bei einem Herzinfarkt. Die Ärzte sind in der Regel ausgebildete Intensivmediziner mit Erfahrung in Anästhesie. Natürlich fliegen sie auch, wenn abseits der Pisten jemand in Not geraten ist. Den Gedanken, dass sie für leichtsinnige Touristen ihr Leben riskieren, kenne das Team jedoch nicht.
Dazu bleibt auch keine Zeit, alles muss passen. An Bord sind in der Regel ein Windenführer, der den Bergretter bis zu 90 Meter an einem Stahlseil in die Tiefe ablassen kann, ein Arzt und im Winter ein Hundeführer mit Lawinenhund. Alle an Bord müssen zudem ausgebildete Bergsteiger sein, die sich in jedem Gelände sicher bewegen können. Auszug aus einem Einsatzprotokoll:
Reine Routine, 50 Minuten nach dem Alarm ist alles vorbei, der Verletzte war in nicht einmal einer halben Stunde in der fast 50 Kilometer entfernten Klinik. Schnelligkeit ist das Ziel, wobei die Pistenrettung noch die einfachste Übung ist. Schwerer ist es, im Sommer verunglückte Bergsteiger aus Steilwänden zu retten. Da muss der Pilot manchmal bis auf wenige Meter mit dem Rotor an den Fels manövrieren. Millimeterarbeit am Steuerknüppel, der immerhin 1630 PS ihres Eurocopter Helis dirigiert.
Kostner erinnert sich an einen Einsatz, als er mit dem Team sechs Bergsteiger am Ortler geborgen hat, bei schlechtem Wetter und bei schlechter Sicht. Irgendwie hat er sie alle mit dem letzten Tageslicht vom Berg geholt. Die Nacht in der Wand hätten sie mit ihrer Ausrüstung kaum überleben können. Ob damals das Risiko kalkulierbar war? Kostner lächelt und sagt nichts.
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