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10.03.2010
 

Kreativstadt Lissabon

Catwalk in der Schalterhalle

Von Kerstin Walker

Lissabon: Portugals Mode- und Designhauptstadt
Fotos
Kerstin Walker

Provokation mit Mode und Musik: Junge Kreative in Lissabon zeigen, dass die Millionenstadt viel mehr zu bieten hat als Jugendstil und historische Gemäuer. Besucher können den Wandel miterleben - bei Kuduro-Partys, im MUDE-Designmuseum oder auf der jetzt startenden Lisboa Fashion Week.

In der Kulisse von Lissabons alten Jugendstilhäusern in der Baixa Pombalino ist der Glanz der alten Tage noch zu spüren. Das architektonische Prunkviertel in der Altstadt versetzt Besucher in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Doch nur wenige Straßen weiter ist längst die Moderne eingezogen, mit glatten Glasfassaden und urbanem Schick - und jeder Menge Künstlern und Designern, die Grenzen ausloten und Neues wagen.

Denn Lissabons Stilmix inspiriert. Kein Zufall ist, dass Designerläden und Kunstgeschäfte in dieser Patchwork-Atmosphäre boomen. Internationale Modeketten lassen sich hier nieder. Und mit dem Einzug des MUDE, des wiedereröffneten Museums für Mode und Design, wurde die Entwicklung Lissabons zur angesagten Metropole noch ein Stückchen weiter angeschoben.

"Der Name klingt zwar englisch, ist aber portugiesisch", erklärt Kunststudentin Ana Conte, die Besucher durch die Ausstellungsräume führt. "MUDE bedeutet Wandel." Wie passend für eine Stadt, die sich so offensichtlich verändert wie Lissabon. Zwar ist die Millionenstadt noch immer davon entfernt, als urbane Trendsetterin durchzugehen. Doch die Zeitreise in ein neues Lissabon hat schon begonnen.

Im ungewohnt gewagten Outfit zeigt sich die Stadt am Tejo da, wo der dunkle, breite Fluss seinen üblichen Morgendunst verdampft. In Ufernähe liefert das MUDE in der Rua Augusta Einblicke in rund einhundert Jahre Designgeschichte. Es zeigt unter anderem Kleider des Franzosen André Courrèges aus den Sechzigern, Möbel der dänischen Designer Verner Panton und Arne Jacobsen. Und durchgestylte Alltagsobjekte der italienischen Castiglioni-Brüder. Dank seiner modernen Sammlung, die größtenteils einem portugiesischen Kunstmäzen gehört, genießt das Museum den Ruf eines MoMa von Lissabon.

Neue Location im alten Bankhaus

Ausstellungsraum ist die Banco Nacional Ultramarino, die älteste portugiesische Handelsbank der Stadt. 2500 Designerstücke verbrachten ihr Dasein zuvor über Monate eingemottet in Lagerräumen - es fehlte eine geeignete Örtlichkeit, um sie auszustellen.

Die Abrissbagger hatten bereits mit der Ausweidung des alten Gemäuers begonnen, als die Stadt beschloss, es zum denkmalgeschützten Bau zu erklären. Im weiträumigen alten Schalterraum hängen alte Drähte und Kabel von der Decke. Der blanke Putz starrt von den Wänden. Ein Raum mit einem äußerst rauen Charme, denn das portugiesische Innenarchitektenteam setzte ganz bewusst auf die eindringliche Wirkung des Rohen, Unfertigen.

"Unser Catwalk", sagt die Kunststudentin meist zu ihren Besuchern, wenn sie zu dem glatten, gewundenen Marmortresen kommt, der durch einen Großteil der ehemaligen Schalterhalle führt. Im MUDE wird das Überbleibsel aus der verstrichenen Bankerära zur Bühne. Ein extravaganter Ledersessel von Oscar Niemeyer wird darauf zur Schau gestellt.

Was im MUDE Ausstellungsstück ist und was zum Interieur gehört, ist nicht immer ganz eindeutig. Zum Beispiel auf der Toilette: Dort werden Hunderte bunt eingefärbte Klorollen wie Kunstwerke hinter Glas zur Schau gestellt. In der Moderne wird selbst das Händewaschen zum Happening.

"Harter Arsch"-Musik und Edel-Bikinis

"Durchstreift die Nebenstraßen", rät Ana denjenigen zum Abschied, die mehr wissen wollen über die kreativen Einflüsse in dieser Stadt. Das Kopfsteinpflaster im alten Pombal-Viertel hinter dem Museum bringt Besucherinnen schon mal ins Stolpern, wenn sie die falschen Schuhe tragen. Um die Häuser zieht der Duft warmer Vanille. Er stammt von den Pastéis de Nata, kleinen, köstlich süßen Pasteten, die von den alteingesessenen Konditoreien angeboten werden. Abends dringt hier der neue und ganz und gar moderne Sound Lissabons aus den Szenekneipen: Kuduro. Eine Mischung aus Sprechgesang, Elektro, und traditioneller afrikanischer Musik, der bei der Jugend den Ton angibt.

Vorreiter dieser musikalischen Strömung ist die Band Buraka Som Sistema, deren Künstler allesamt portugiesisch-angolanische Wurzeln haben. Sie produzieren Rap mit wummernden Technobässen. Bandmitglied Lil' John sagt: "Buraka konnte nur deshalb hier in Lissabon entstehen, weil der Einfluss der verschiedensten Kulturen die Stadt zum Kochen bringt." Übersetzt bedeutet Kuduro, der seinen Undergroundstatus längst hinter sich gelassen hat, übrigens so viel wie "harter Arsch". Eine provokative Stilrichtung, die mit dem sehnsüchtig klingenden Fado nichts gemein hat.

Und auch modisch geht die Küstenstadt neuerdings zuweilen gerne mal auf Provokationskurs: "Ich liebe es, die Leute aufzurütteln", sagt etwa die 44-jährige Designerin Fátima Lopes. Vor Jahren lief sie selbst im eine Million US-Dollar teuren Bikini über den Laufsteg. Und Frau Lopes liebt den Wandel, "für mich ist er die Basis ungewöhnlicher Ideen". Sie ist ebenfalls in diesem Patchworkviertel der Kulturen zuhause. In der Rua da Atalaia 36 setzt die schwarzhaarige Stilikone ein Shop-Konzept aus Café und Laden um. Nach Sonnenuntergang funktioniert sie ihren Szeneladen in einen Nachtclub um und spielt Kuduro-Musik.

Lopes' Name steht für Erfolg, für futuristische Schnitte und teure Stoffe. Die Modemacherin gründete eine erfolgreiche Modelagentur, ist Dauergast bei den Prêt-á-porter-Schauen in Paris und wird natürlich auch bei der Lisboa Fashion Week dabei sein, die am Donnerstag beginnt und ein Pflichttermin für die Avantgarde der Stadt ist. Wer Fátima Lopes' Mode trägt, der sticht in den Straßen Lissabons aus der Menschenmenge heraus.

Maßhandschuhe zum Designerkleid

Das Gleiche gilt für die Trägerin eines Kleides von Ana Salazar, die ein paar Ecken weiter in einer Licht durchfluteten Galerie weitaus tragbarere, aber dennoch ausgefallene Mode und Accessoires anbietet. Wer die teilweise schlichten Materialien anfasst, kann erahnen, dass es für einige der jungen Modemacher schwer ist, den teuren Traum vom eigenen Label umzusetzen. Zwei-, dreimal im Jahr eine Kollektion zu entwerfen kostet Geld, das meiste verschlingen hohe Material- und Produktionskosten. Da versucht so mancher Künstler, mit ungewöhnlichen Schnitten und einem unverwechselbaren Stil die mangelnde Qualität der Stoffe wettzumachen.

Tür an Tür mit Salazars Designerladen liegt übrigens eines der traditionsreichsten Geschäfte Lissabons, das seit gut einhundert Jahren maßgeschneiderte Handschuhe verkauft. Der Ladenraum des Luvaria Ulisses ist so winzig wie eine ausgebreitete Picknickdecke - und voll mit Holzschränken, die bis an die Decke voll gepackt sind mit feinstem Leder, gemusterten Fellen und weichen Handschuhen. Das Schöne aber an diesen zeitlosen Stücken ist: Sie passen zu allem. Selbst zu den avantgardistischen Entwürfen der Designer nebenan.

Wer seine Zeitreise ins Nachtleben ausdehnen möchte, wird noch eine andere, glamouröse Seite an Lissabon entdecken. Mit einer Prise American Dream rüscht die Stadt sich neuerdings im Osten auf. Das Casino im Parque das Naçoes ist ein mit schwarzem Glas verkleideter riesiger Quader, der auf dem ehemaligen Expogelände liegt.

Gazpacho im Casino

Abgesehen davon, dass man hier spielend die Reisekasse beim Roulette, Poker oder Blackjack verprassen kann, lohnt der Trip hierher auch aus ganz anderen Gründen. Das Casino ist ein schillernder, überraschend stilvoll gestalteter Vergnügungstempel, in dessen oberstem Stock sich eine Kunstgalerie verbirgt, die namhafte Künstler wie Alexander Calder ausstellt. Auf der gleichen Ebene befindet sich ein ungewöhnliches Restaurant nebst durchgestylter Bar. Hinauf schwebt man über ausgeleuchtete Glasfußböden und flimmernde Rolltreppen.

Oben, im Suite, lümmeln die Gäste an tiefen Loungetischen und genießen die Köstlichkeiten, die Küchenchef Fausto Airoldi auf die Designerteller zaubert: warme Gazpacho, Carpaccio vom Bacalhau und zum Nachtisch vielleicht eine Mousse de Café. Im Erdgeschoss treten Livemusiker auf einer drehbaren Bühne auf. Und unter all diesem unwirklichen Neonröhrengeflacker ist zu spüren: Auch mal verwegen sein zu dürfen, das gefällt Lissabon durchaus!

Ein Gefühl, das sich noch verstärkt, wenn man im Nachtclub Silk über den Altstadtdächern einen allerletzten Absacker nimmt. Rui Avelar, einer der bekannten Inneneinrichter Portugals, stattete den Club im historischen Viertel Chiado aus. Viel Leder, Glas, etwas Chrom und ein Hauch Arroganz in den Gesichtern der Bedienungen.

Ein Geheimtipp eben, und deshalb kommt der Gast hier auch bloß mit Voranmeldung rein. Selbst dann sind noch längst nicht alle Hürden genommen, denn hinauf in den sechsten Stock in der Rua da Misericórdia 14 und von dort weiter mit einem Privatfahrstuhl zum Dachloft findet eh nur der, der weiß, wo es lang geht.

Dafür sitzen Nachtschwärmer im Silk in ausgesuchten Designerstühlen hoch oben über der Stadt. Sie atmen salzige Nachtluft auf einer riesigen Dachterrasse, während ihnen die ganze Stadt zu Füßen liegt. Die Altstadt, mit ihren winzigen Bars. Ihren überquellenden, verrauchten Kneipen, und all den emotional aufgeladenen Fadorestaurants.

Oben, im Silk, trinkt man Schampus, der im illuminierten Glaskübel gekühlt wird. Ein Designerstück? Aber sicher! Noch dazu eines, das sich bei Inbetriebnahme in eine futuristische Tischbeleuchtung verwandelt. Man genießt die 270-Grad-Aussicht mit ihrer nahezu perfekt entworfenen Skyline. Zur Linken die weiß schimmernde Burgruine Castelo de Sao Jorge auf einem der sieben Hügel Lissabons. Und zur Rechten die Christo-Rei-Statue und die Ponte 25 Abril, die über den düsteren Tejo greift.

Ein Kunstwerk. Eines jener Sorte, von dem man hofft, dass es sich nicht verwandeln wird.

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