Von Tim Tolsdorff
Um seinen größten Schatz zu heben, steigt Kristian Hasenjäger in eisige Höhen auf. Er durchquert mit einem Freund braune Karstwiesen, stapft über nebelverhangene Schneefelder bergwärts. Hoch oben, verschluckt von dichten Wolken, legen die Männer Steigeisen an, kraxeln eine fast senkrechte Wand hinauf. Den Fels glasiert ein zentimeterdicker Eispanzer, weiße Späne rauschen bei jedem Tritt in die Tiefe. Minuten später stehen die Bergsteiger auf dem Furgggrat, der wie eine düstere Barriere anderthalb Kilometer hoch über dem italienischen Skiort Breuil-Cervinia aufragt.
Hasenjäger und sein Begleiter sind nicht wegen der spektakulären Aussicht im Schatten des Matterhorns gekommen. Ihr Interesse gilt dem Zivilisationsüberbleibsel auf dem knapp 3500 Meter hohen Grat: eine Seilbahnstation, seit knapp 20 Jahren verwaist. Die Bastion aus Beton scheint mit dem verwitterten Fels verwachsen, Risse klaffen im graubraunen Zement. Das extreme Wetter hat dem Klotz zugesetzt, er mutet an wie ein Relikt aus grauer Vorzeit. Die beiden Bergsteiger lachen, ihre Augen funkeln begeistert. Für sie ist der Bau eine archäologische Fundgrube. Mit Fotoapparat und Videokamera gehen sie ans Werk.
Kristian Hasenjäger und sein Begleiter gehören zu einem so kleinen wie verschworenen Zirkel von Freizeitforschern, die eine außergewöhnliche Leidenschaft teilen: die Erforschung aufgegebener Skigebiete. Die Jäger der verlorenen Pisten schlagen sich auf der Suche nach verrostenden Liftanlagen durch die Alpen, durchstreifen eingestürzte Seilbahngebäude oder bezwingen zugewucherte Abfahrtsrinnen. "Es sind vielleicht 40 oder 50 Personen, die diesem Hobby ernsthaft nachgehen", schätzt Hasenjäger.
Ihr Treiben dokumentieren sie im Internet: Digitale Diskussionsforen dienen den Jägern als Stammtisch, neueste Erkenntnisse präsentieren sie in eigenen Threads. Kongresse hält die Truppe gleich am Berg ab. Ihr Codewort lautet LSAP, das ist die Abkürzung für "Lost Ski Area Project".
Tourenski statt Schlapphut
Kristian Hasenjäger ist einer der hartnäckigsten Liftarchäologen, eine Art postmoderner Indiana Jones. Wie der von Harrison Ford gemimte Abenteurer ist Hasenjäger Hochschuldozent, unterrichtet am Innsbrucker Management Center Wirtschaftsinformatik. Die Stadt im Herzen der Tiroler Alpen dient ihm als perfekte Basis für seine Streifzüge. Wann immer es die Zeit erlaubt, macht sich Hasenjäger auf die Jagd. Statt zu Peitsche, Pistole und Schlapphut greift er dann zu Steigeisen, Tourenski und Carbonhelm, um das Dach Europas nach Relikten des Tourismus zu durchkämmen. Im Netz betreibt er eigene Seiten, auf denen er seine neuesten Erkenntnisse vorstellt und Hintergründe anhand historischer Dokumente beleuchtet.
Akribisch plante Hasenjäger auch die Expedition auf den Furgggrat. In Turiner Archiven grub der 42-Jährige Akten aus, die belegen, dass die Seilbahnstation Cresta di Furggen lediglich als Zwischenstopp geplant war. Die Italiener peilten höhere Ziele an: Nachdem die Erstbesteigung des Matterhorns 1865 von der Schweizer Seite aus gelungen war, wollte man zumindest beim Verkabeln der markanten Felspyramide das Rennen machen. 1953 war die Furggen-Bahn fertig, doch technische Schwierigkeiten und Geldmangel ließen den Weiterbau scheitern.
40 Jahre lang surrte die Pendelbahn zwischen der Talstation Plan de Maison und der Felszinne hin und her. 1993, nach einem Eissturm, riss in der Nacht ein Zugseil und die Kabine rauschte Dutzende Meter talwärts, bevor die Fangbremse griff. Man legte die Bahn still und überließ die Bergstation den Naturgewalten.
Alm-Indys Meisterstück
Hasenjäger wollte wissen, wie es heute um die Ruine bestellt ist. Was er und sein Begleiter in den Eingeweiden der Station filmten und fotografierten, haben sie im Internet zugänglich gemacht. Zu sehen sind rostige Generatoren und gewaltige Zugräder, die die Italiener am Berg zurückließen. Die hohe, dunkle Halle mit den Gegengewichten für das tonnenschwere Tragseil wecken Erinnerungen an das düstere Industriedesign, mit dem der Schweizer Künstler H.R. Giger die Alien-Filme ausstaffierte.
Morbide Faszination entfalten die Aufnahmen vom Abstieg in einen Hunderte Meter langen Tunnel. Durch die Betonröhre, über einem gähnenden Abgrund an die Südwand des Berges geflanscht, konnten weniger geübte Skifahrer den steilen Gipfelgrat umgehen. Früher traten die Wintersportler aus dem Tunnel ebenerdig auf den Gletscherfirn. Heute endet die Passage mehrere Stockwerke hoch im Nichts - ein Beleg für den Klimawandel im Hochgebirge. Dessen Folgen zeigen auch Hasenjägers Aufnahmen von den Tunnelwänden. Dort wuchert selbst in diesen Höhen das Moos am feuchten Fels.
Im Internetforum sorgte der Bericht vom Furgggrat für Aufsehen. Die zahlreichen Glückwünsche zeigten, dass der Alm-Indy sein Meisterstück abgeliefert, die Bundeslade der Bergforscher gehoben hatte. "Meinen absoluten Respekt. Eines der letzten noch nicht erforschten Relikte, fast sowas wie eine Erstbegehung", schrieb etwa "k2k".
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Agilität ist nur im geringsten Maße erforderlich auf unserem genormten Pistenplenum. Sinne werden nicht benötigt. Freude an trickreicher Bewegung ist allenfalls durch Freude am banalen Speeden ersetzt. Aufpassen muß man hingegen [...] mehr...
Mir ist Kontext des Artikels der Sinn der hier virulent losgetretenen Lawinendebatte schleierhaft, es sei denn es handelt sich um FUD. Als Randnotiz um den Bogen vielleicht wieder in Richtung des Artikels zu zurückzubiegen: [...] mehr...
Danke an julian2k für diese Hinweise! mehr...
Noch ein kleiner Nachtrag zur Lawinendebatte: Laut WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung lösen 90% der Menschen, die von einer Lawine verschüttet werden, die Lawine selbst aus. Man hat es also doch stark selbst in der [...] mehr...
Also, um das klar zu stellen: Man ist im Wald durchaus nicht sicher vor Lawinen. Schutzwald hat im Gebirge u.a. die Funktion, die Entstehung von Lawinen zu verhindern, eine einmal losgelöste Lawine wird von Wald nicht aufgehalten. [...] mehr...
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