Liesing - Der Ruf der Lesachtaler ist nicht der beste: "Misstrauisch und wortkarg" seien sie, "verschlossen, eigen und nur schwer zugänglich für Fremde und Besucher", so wird man gewarnt, wenn man von der geplanten Reise in das abgeschiedene Tal in Österreichs Süden erzählt. Was einem dort begegnet, ist aber mitnichten Einsilbigkeit, sondern eine natürliche, unaufdringliche Herzlichkeit. Modernen Entwicklungen steht mancher Talbewohner allerdings skeptisch gegenüber.
Naturbelassen, sozialverträglich, schonender Tourismus, natürliche Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Flächen: Das sind die Begriffe, die einem beim Besuch im Lesachtal immer wieder begegnen. Tatsächlich bemühen sich die rund 1500 Bewohner sehr darum, ihr 110 Kilometer langes Tal naturnah zu erhalten, das sich von Osttirol bis Kärnten zieht.
Bettenburgen sind ein Tabu, die Wohnhäuser unterliegen strengen Vorschriften. Die Gebäude seien beschränkt auf Erdgeschoss, ersten Stock und Dachgeschoss, erklärt Christian Unterguggenberger vom Tourismusverband Lesachtal in Liesing.
Die Berghänge und Wiesen im Tal sind steil, und so werden auch heute noch die meisten von Hand gemäht. Für ihre Mühen erhalten die Bauern eine Förderung. Im Gegenzug haben sie sich verpflichtet, ihr Heu auf den traditionellen Holzgestellen, Kösn genannt, zu trocknen und diese für die nächsten 20 Jahre zu erhalten.
Charmante Zuhäusln, klappernde Mühlen
Auch die alten Bauernhäuser sollen erhalten werden, darauf legen die Ortschaften Maria Luggau, St. Lorenzen, Liesing und Birnbaum größten Wert. Und so begegnet man bei einem Spaziergang durch die idyllischen Örtchen hübsch renovierten Höfen, charmanten "Zuhäusln", kleinen Anbauten an den Häusern und immerhin fünf intakten Wassermühlen am Trattenbach.
Das "Tal der 100 Mühlen" wird das Lesachtal noch heute genannt. In seiner Blütezeit klapperten an die 200 Mühlen am rauschenden Bach. In ihnen mahlten die Bauern ihr Getreide und nutzten die Wasserkraft, um Aufzüge und Pflüge, Dreschmaschinen und Sägewerke anzutreiben.
Jeder Ort hat seine Kirche. Der Kalvarienberg mit seinen 14 Kreuzwegstationen ist ein Wahrzeichen des Tales, und in Maria Luggau thront Kärntens einzige Basilika mit einem Servitenkloster. Von Kirche zu Kirche geht man am besten zu Fuß. Wanderer finden hier mehr als 300 Kilometer markierte Wanderwege: Von Spaziergängen im flachen Tal bis zu Alm-, Berg- und Klettertouren in den Karnischen Alpen und Lienzer Dolomiten.
Auf diesen Pfaden sind zumeist nur wenige Menschen unterwegs, entsprechend überschaubar sind die Einträge in den Gipfelbüchern. Und entsprechend oft trifft man die gleichen Wanderer auf den verschiedenen Touren wieder.
Lesachtaler Brot als Unesco-Kulturerbe
Wer "Event-Wanderungen" oder Bespaßung von früh bis spät sucht, ist falsch im Lesachtal. Traditionen und Ruhe stehen an erster Stelle. "Wir sind zwar abgeschieden vom Hauptmarkt, aber das wird auch für die Zukunft unser großes Plus sein", sagt Nikolaus Lanner. Sein Holzhaus gehört zu den ältesten der ganzen Gegend. Das ursprüngliche Haus, auf dem sein jetziger Hof aufgebaut wurde, entstand im 14. Jahrhundert.
Gemeinsam mit seiner Frau Elvira und seiner Mutter Rosa betreibt Lanner einen Gasthof. Wie bei seinen Wirtskollegen kommen bei ihm nur selbst gemachte Produkte und solche von heimischen Bauern auf den Tisch, verfeinert wird mit Kräutern aus dem Garten. Erst kürzlich setzte die österreichische Unesco-Kommission die Herstellung des "Lesachtaler Brots" auf die Liste des immateriellen Kulturerbes von Österreich.
Aber auch im Lesachtal steht die Zeit nicht still. Zu den modernen Errungenschaften gehört die Verbindungsstraße B 111. Sie läuft von Kötschach-Mauthen durch die kleinen Örtchen bis fast nach Sillian. Lärmender Verkehr ist zwar etwas anderes, doch bis heute scheint sich so mancher Bewohner nicht an die Autos und Motorräder gewöhnt zu haben.
Ein älterer Herr steht am Feld und beobachtet einen Bauern bei der Arbeit. Nach einem herzlichen "Grüß Gott" an die Wanderin und einem kurzen Gespräch schüttelt er schließlich den Kopf und seufzt: "Ach ja, seit diese Straße asphaltiert wurde, ist eben alles nicht mehr so wie früher." Und wann war das? "Vor etwa 50 Jahren."
Claudia Bell, dpa
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