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31.08.2010
 

Schweizer Züge

Bahn frei für die Pufferküsser

Von Michael Soukup, Bern

Schweizer Bahnstrecken: Vom Glacier-Express bis zur SBB
Fotos
Goldenpass

Manager halten Meetings in Abteilen ab, Studenten flüchten sich zum Lernen in den Zug: Die Schweizer lieben ihre Bahn, nicht nur als Transportmittel. Kaum einer kennt das dichteste Schienennetz der Welt besser als Hans G. Wägli.

Hans G. Wägli schaut gebannt aus dem Zugfenster des Erste-Klasse-Abteils. Es ist nicht die sanfte Hügellandschaft des Schweizer Mittellandes, die den 63-Jährigen besonders interessiert. Von viel größerem Interesse ist die Gleistopografie, also die metergenaue Distanz, das Neigungsverhältnis und der höchste wie tiefste Punkt der Bahnstrecke Bern-Fribourg.

"Zehn Promille Steigung wäre in Deutschland schon eine Bergstrecke", stellt der pensionierte Eisenbahner fest. Nicht minder aufmerksam registriert der Mann mit dem blauen Sakko und der weinroten Krawatte das Gleisbild. Kein Tunnel, keine Brücke, kein Wartehäuschen, keine Weiche oder Drehscheibe entgeht dem scharfen Blick Wäglis. Dazwischen konsultiert er immer wieder ein kleines Buch voller komplizierter Zeichnungen und detaillierter Beschreibungen.

Dabei kennt er das gesamte Schweizer Schienennetz fast auswendig. Wägli ist der Verfasser des "kleinen Wägli", der Bibel aller Schweizer Schwellenzähler und Pufferküsser, wie die Eisenbahnbegeisterten leicht spöttisch genannt werden. Ende Juni kam "Bahnprofil Schweiz - ein technischer Reisebegleiter" heraus, der das 5636,2 Kilometer lange Schienennetz der Schweiz akribisch genau beschreibt. Sämtliche Normalspur-, Schmalspur- und Zahnradbahnen im Land einschließlich Tram- und Standseilbahnen sind darin verzeichnet. Bis heute haben etwa 2500 "Ferrophile", auch aus Deutschland, Frankreich und England, Wäglis technischen Reisebegleiter bestellt.

Gotthard-Bahn erreicht die größte Höhe des SBB-Netzes

Für Wägli ist die "Wendeltreppe des Weltverkehrs" einer der beeindruckendsten Abschnitte der Schweizer Eisenbahn, er meint damit die Gotthard-Bahn. Den dramatischsten Teil der über 200 Kilometer langen Nord-Süd-Strecke bildet sicherlich der kurvenreiche wie steile Anstieg über die Nordrampe zum Gotthard-Tunnel. "Dort beträgt die Steigung 26 Promille", so der Eisenbahner außer Dienst. Der Scheitel des 15 Kilometer langen Gotthard-Tunnels ist zugleich die höchste Stelle des Schienennetzes der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB).

Bahn-Liebhaber sollten - um die grandiose Bergkulisse des hier über 3500 Meter hohen Alpenkamms zu bewundern - "von Luzern bis Amsteg rechts sitzen, dann links", zitiert Wägli aus dem 1937 erschienen Baedeker-Reiseführer. Kurz vor Amsteg kommt eine unverhofft horizontale Strecke. "Die Bauingenieure haben dabei an die Heizer von Dampflokomotiven gedacht, die so vor dem Angriff auf das Gotthard-Massiv nochmals richtig ihre Lok einheizen konnten."

Wäglis Werk ist das Ergebnis mühsamster und jahrelanger Kleinarbeit. "Die Quellenlage ist hundsmiserabel", sagt er im gemütlichen Berndeutsch und schüttelt dabei entgeistert den Kopf. Dabei haben die so pingeligen Schweizer Behörden erst 1997 aufgehört, ihr Schienennetz zu erfassen. Dagegen wurde es "in Deutschland nur bis 1935 vollständig" kartografiert, so Wägli. Danach führten Hobbystatistiker die Arbeit bis in achtziger Jahre weiter. In Österreich gibt es einen vergleichbaren Bahnnetzatlas aus dem Jahre 1985, der allerdings die Privatbahnen ausklammert.

Generalabo für den gesamten öffentlichen Verkehr

Dass ausgerechnet in der Schweiz so eine Schienenbibel zustande gekommen ist, hat mit dem Land selbst zu tun. "Die Liebe der Schweizer zu ihrer Eisenbahn ist gewaltig", sagt Wägli. Jahr für Jahr werden die Eidgenossen vom Internationalen Eisenbahnverband (UIC) zum Europa- und Weltmeister im Bahnfahren erkoren. In keinem anderen europäischen Land wird so häufig Eisenbahn gefahren wie in der Schweiz. 2009 war jede Einwohnerin und jeder Einwohner im Durchschnitt 49-mal mit der Eisenbahn unterwegs, in Deutschland sind es nur 23-mal. Und bezogen auf die zurückgelegte Distanz pro Einwohner und Jahr belegt die Alpenrepublik mit 2291 Kilometern sogar den weltweiten Spitzenplatz.

Das ist kein Wunder, denn dank dem dichtesten Bahnnetz der Welt kann der Schweizer locker auf das Auto verzichten. Und wo die Gleise der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) enden, kommt das 10.350 Kilometer lange Postautonetz zum Zuge. Schlicht eine geniale Schweizer Erfindung ist das bereits 1898 eingeführte Generalabonnement, kurz GA. Es ist von der Idee her vergleichbar mit der BahnCard 100, die unbegrenzt viele Fahrten mit der Deutschen Bahn erlaubt. Aber das GA ist viel umfassender und auch erfolgreicher. Denn es gilt praktisch für den gesamten öffentlichen Verkehr: Bahn, Tram, Bus, Postauto und Schiff. Damit ist das GA auf 23.500 Kilometern gültig.

Dazu kommt , dass das Generalabo mit 3100 Franken (2. Klasse) und 4850 Franken (1. Klasse) rund ein Drittel günstiger ist als das deutsche Pendant - und dies trotz der deutlich höheren Lebenshaltungskosten in der Schweiz. Entsprechend populärer ist das GA: Während die BahnCard 100 Ende vergangenen Jahres in Deutschland bloß 35.000-mal in Umlauf war, gibt es in der Schweiz mehr als 400.000 GAs.

Manager-Meetings im Zugabteil

Die flächendeckende Verbreitung der Abo-Karten führt dazu, dass viele Passagiere "ihre" Züge nicht nur für den Transport nutzen. Manager etwa verlegen schon mal ihre Meetings in die komfortablen Zugabteile, und Studenten studieren ihre Unterlagen ohne häusliche Ablenkungen. Von Zürich aus etwa gelangt man mit dem Schnellzug in knapp zwei Stunden ins Tessin. Im Winter scheint oft die Sonne auf der südlichen Seite des Gotthard-Tunnels, während Zürich unter einer dicken Nebeldecke liegt. Bevor man in Airolo den Zug wieder zurück ins Flachland besteigt, reicht es für die "Zugarbeiter" meist für einen Teller Spaghetti und einen Espresso in einem der zahlreichen Ristoranti gegenüber dem Bahnhof.

Die Verbundenheit der Schweizer mit ihrer Bahn zeigt sich regelmäßig in Volksabstimmungen über Milliardeninvestitionen in neue Infrastruktur. Unter dem Eindruck der Lastwagenflut bewilligte das Schweizer Stimmvolk vor mehr als zehn Jahren 12,8 Milliarden Franken für die Realisierung der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat).

Der Lötschbergtunnel wurde 2007 eröffnet und ist mit 34,6 Kilometern Länge momentan der drittlängste Tunnel der Welt. Seit 1999 wird am 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel gegraben, dem längsten Tunnel der Welt. Er ist fast viermal so lang wie der gleichnamige Straßentunnel. Diesen Herbst ist der Durchstich geplant, ab 2017 werden die Züge mit bis zu 250 km/h durch die Alpen brausen.

Ob Hans G. Wägli dann wieder einen neuen "Wägli" herausbringt? Er winkt ab. Wirklich glauben tut man es ihm aber nicht.

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insgesamt 29 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.01.2011 von marcosutter: Zürich HB und Taktfahrplan Schweiz

Der Zürcher Hauptbahnhof ist übrigens der am meisten frequentierte Bahnhof der Welt. Täglich fertigt er rund 2'915 Zugfahrten ab (Vergleich: Berlin Hbf 1'207 Zugfahrten pro Tag). Der oberirdische Kopfbahnhof mit 17 Gleisen wurde [...] mehr...

01.09.2010 von LEGEIPS: Itf

z.B In St.Gallen oder in Lausanne. ---Zitat--- Warum längere Strecken einen Takt verhindern sollen ist mit schleierhaft. Gerade wegen den kurzen Strecken kann in der Schweiz jeder Zug, der verspätet im Hauptbahnhof Zürich [...] mehr...

01.09.2010 von mbschmid: Wo den nicht!

Und wo funtioniert der Tak in der Schweiz denn nicht? Warum längere Strecken einen Takt verhindern sollen ist mit schleierhaft. Gerade wegen den kurzen Strecken kann in der Schweiz jeder Zug, der verspätet im Hauptbahnhof [...] mehr...

31.08.2010 von Robert Rostock: ..wie in F, M und F...

Also sind München Hbf, Frankfurt Hbf und Stuttgart Hbf auch keine Kopfbahnhöfe, denn da ist es genauso. Aber trotzdem wird meines Wissens der oberirdische Kopfbahnhof nicht außer Betrieb genommen oder gar abgerissen. [...] mehr...

31.08.2010 von saul7: ++

Meine Erinnerungen an die Schweizer Züge sind nicht so rosig. Vor zehn Jahren bin ich von Basel nach Lausanne gefahren und habe mich sehr gewundert über die schmutzigen Abteile. Durch viele Wagons waberte zudem der Duft(!) von [...] mehr...

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